Würzburg

200. Geburtstag: Wie Wasserdoktor Kneipp von Würzburg aus zur Marke wurde

Am 17. Mai 1821 kam im Allgäu Sebastian Kneipp zur Welt. Wie der Pfarrer erst gesund und dann populärer Naturheiler wurde. Und dank eines Würzburger Apothekers noch berühmter.
Historische Produkte aus dem Archiv der Firma Kneipp. Dem Würzburger Apotheker Oberhäußer hatte Kneipp alle Rechte vermacht - so wurde Kneipp zur Marke.
Foto: Daniel Peter / Kneipp GmbH | Historische Produkte aus dem Archiv der Firma Kneipp. Dem Würzburger Apotheker Oberhäußer hatte Kneipp alle Rechte vermacht - so wurde Kneipp zur Marke.

Er zählte zu den drei populärsten Deutschen im Kaiserreich, gleich nach Wilhelm II. und Bismarck. Womöglich war er gar noch einen Tick berühmter als der Kaiser und der Kanzler: Sebastian Kneipp, Pfarrer und Naturheilkundler, zu Lebzeiten schon beliebt und bekannt im ganzen Land. Die Menschen begannen Wasser zu treten, liefen durchs taufrische Gras. Sie machten kalte Güsse und Wechselbäder, tranken Pflanzensäfte und Tee. Und Wörishofen, das Bauerndorf im Unterallgäu, wurde von Heilungssuchenden überrannt: Zur Sprechstunde des „Wasserdoktors“ kamen täglich über 150 Patienten und Gäste.

Vor 200 Jahren im Allgäu geboren: Sebastian Kneipp, der in Wörishofen zum berühmten Pfarrer und Naturheiler wurde.
Foto: Kneipp GmbH | Vor 200 Jahren im Allgäu geboren: Sebastian Kneipp, der in Wörishofen zum berühmten Pfarrer und Naturheiler wurde.

Es muss ein echter Hype gewesen sein, damals in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Pfarrer Kneipp im 1100-Einwohner-Dorf „praktizierte“. Die Leute schliefen auf den Dachböden und in den Kammern, die geschäftstüchtige Wörishofener schnell geräumt hatten. Alle wollten sie den „Wunderheiler“ sehen, der kein Doktor war, sondern ein Klosterbeichtvater.

Der Wasserdoktor aus Wörishofen: Wunderheiler oder Pfuscher?

Die anderen lästerten. Ein „großartiger Pfuscher“ sei er, der königliche Bezirksarzt erstattete bei der Augsburger Regierung anno 1866 gar Anzeige. „Mit der größten Unverschämtheit“, klagte jener Dr. Schmidt, betreibe Kneipp seit zwölf Jahren sein Wesen in einer eigenen Badeanstalt im Kloster, ordiniere viel und wisse es so einzurichten, „dass er für seine Bemühungen nicht leer ausgeht“. Auch das Bischöfliche Ordinariat in Augsburg hatte die vielen Beschwerden der Neider gründlich satt und befahl dem Pfarrer, er solle sich gefälligst auf seine Seelsorgepflichten beschränken, statt als Amateurmediziner den Doktoren und Apothekern Konkurrenz zu machen.

Einfache Anwendungen mit Wasser und Kräutern

Der gemaßregelte Pfarrer protestierte. Seine „Badeanstalt“ bestehe aus einer Wanne und einem Kessel zum Wasser-Erwärmen. Seine Patienten würden sich keine teuren Behandlungen und Arzneien leisten können, für seine Bemühungen nehme er keinen Kreuzer und oft genug schenke er den bettelarmen Kranken noch Medizin aus der eigenen Apotheke. Was er da mache, seien „allereinfachste Naturheilverfahren mit Anwendung von Wasser und einzelnen Kräutern“. Seine Patienten würden ja kaum kommen, „hätten die Medizinen der Ärzte, welche man längst konsultierte und die ihre Kunst sattsamst versucht hatten, den rechten Erfolg gehabt“. Solle er da nicht helfen dürfen?

Wie kam es zu dem Hype, Neid und jener „Revolution“, die der schwäbische Pfarrer in der Heilkunde eingeleitet hatte? „Mich hat nicht der Beruf oder die Vorliebe für das Medizinieren dazu gebracht, die heilsamen Wirkungen des Wassers zu erproben“, erklärte Kneipp später, „sondern die bittere Not.“

Kindheit in Armut - und von Lungenleiden geplagt

Am 17. Mai 1821 war Sebastian Kneipp im Weiler Stephansried bei Ottobeuren in die ärmlichen Verhältnisse eines Leinenweber-Haushalts hineingeboren worden. Ein kränkliches Kind muss er gewesen sein. Im Sommer begeisterter Hüterbub, draußen in der blühenden Allgäuer Landschaft. Im Winter aber zum Helfen im engen, feuchten Keller am Webstuhl des Vaters gezwungen. „Mit elf Jahren musste ich täglich fünf Ellen Leinwand weben, wozu ich von morgens früh bis abends brauchte.“ Die Jahre im stickigen Gewölbe ruinierten die Gesundheit, der Bub hatte sich einen chronischen Luftröhrenkatarrh geholt, Berufskrankheit der Webersleute.

Büste des Pfarrers am Sebastian-Kneipp-Steg in Würzburg.
Foto: Daniel Peter | Büste des Pfarrers am Sebastian-Kneipp-Steg in Würzburg.

Gern hätte der Weberbub studiert – und wurde mitleidlos ausgelacht und verspottet. Doch Sebastian Kneipp hatte einen Dickschädel, verdingte sich zur Erntezeit als Knecht, schuftete als Maurergehilfe im Taglohn. Und wanderte mit den ersparten Gulden von Dorf zu Dorf, um in Pfarrhäusern und bei Schulmeistern vorzusprechen. Bis er endlich einen Kaplan fand, der ihm Nachhilfeunterricht gab und ihn im Gymnasium Dillingen unterbrachte. Dort drückte der 23-Jährige die Schulbank. „Papa Kneipp“ nannten ihn die Mitschüler halb spöttisch, halb bewundernd.

Radikalkur als letzte Hoffnung: Bäder in der eiskalten Donau 

1849 bricht das Lungenleiden voll aus: Ein tückischer Husten quält Kneipp, er spuckt Blut, die Ärzte diagnostizieren fortschreitende Schwindsucht. Ein Todesurteil. Und ein Wunder: Sebastian Kneipp stößt auf ein verstaubtes Buch, verfasst vom schlesischen Arzt Johann Siegemund Hahn. Der wirbt für eine Therapie mit frischem Wasser, Bewegung an der frischen Luft und vernünftiger Ernährung. Mitten im November beginnt Kneipp Vollbäder in der eiskalten Donau zu nehmen, zwei-, dreimal pro Woche. Mit bloßen Füßen und nackt ins eiskalte Wasser hinein bis an die Knie. Dann setzt er sich hin, bis nur noch der Kopf aus dem Fluss ragt. Drei, vier Sekunden lang, bei bis zu 15 Grad minus draußen.

Waten durchs kühle Wasser: ein Kneippbecken, das auf die Anwendungen des Wörishofener Pfarrer zurück geht.
Foto: Karl-Josef Hildenbrand, dpa | Waten durchs kühle Wasser: ein Kneippbecken, das auf die Anwendungen des Wörishofener Pfarrer zurück geht.

Hahns „Unterricht von Krafft und Würckung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen“ rettet dem Schüler und Studenten das Leben. Und die kalten Bäder werden fortan sein weiteres Leben bestimmen. In München setzt er die Eigentherapie fort – mangels öffentlicher Bäder auf abenteuerliche Weise: Um Mitternacht schwingt sich der Theologiestudent aus einem Fenster des Wohnheims in den Garten, steigt in den Springbrunnen und begießt sich mit einer Kanne. Bei der vorgeschriebenen Untersuchung vor der Priesterweihe 1852 stellte der Arzt verblüfft fest: Kneipp ist „kerngesund“!

Bei Kindern, Alten und Nervösen reicht lauwarmes Wasser

Als Klosterbeichtvater und Bauernpfarrer in Wörishofen will Kneipp das am eigenen Leib erlebte Wunder auch anderen Notleidenden möglich machen – und wird bald dafür verleumdet. Und verehrt. Tagelöhner und Bauernmägde, Professoren und Gräfinnen strömen nach Wörishofen, das Kuhdorf entwickelt sich zum Kurort. Die Wasserkur hat Kneipp nicht erfunden, aber er entwickelt sie weiter. Hatten andere wahre Rosskuren verordnet – je eisiger das Wasser, je radikaler die Diät, desto besser – passt Pfarrer Kneipp die Therapie behutsam an die Beschwerden und Bedürfnisse des Einzelnen an. Kinder und Alte, Blutarme und Nervöse verschont er mit kalten Güssen, bei ihnen reicht lauwarmes Wasser.

Knieguss, Schenkelguss, Rückenguss, Kopfguss - mit Kübel, Gießkanne oder Schlauch

Neu sind die Anwendungen, die Kneipp ausklügelt: Knieguss, Schenkelguss, Rückenguss, Kopfguss, Knieblitz, Schenkelblitz. Nach gründlicher Vorerwärmung des Körpers mit Kübel, Gießkanne oder Schlauch durchgeführt, gern als heißkalter Wechselguss, um die Blutzirkulation anzuregen. Auch eine Neuerung Kneipps: Sich nach Bädern und Güssen abzutrocknen, ist verboten. Lieber soll man sich sofort anziehen oder gleich ins Bett springen, damit gleichmäßige Wärme auf der Haut erhalten bleibt. Mit kalten und warmen Bädern, Waschungen, Güssen, Wickeln, Dampfkompressen, Brei- und Lehmauflagen und heilenden Dämpfen versucht die Wasserkur den Stoffwechsel anzuregen. Kälte erzeugt Wärme, Wärme erzeugt Kälte, das ist das ganze Geheimnis. Der Wechsel der Temperatur sorgt für Abhärtung, Anregung und neue Energie.

Heilkunde ganzheitlich und auf fünf Säulen: Wasser, Bewegung, Ernährung, Kräuter, innere Balance

Aber Kneipp versteht sich keineswegs als bloßer „Wasserdoktor“. Er sieht die Heilkunde ganzheitlich. Für ihn zählen eine „naturgemäße“ Lebensweise und das Gleichgewicht von Körper, Geist und Seele. Seine Fünf-Säulen-Lehre will den ganzen Menschen erfassen – mit Wasser, Bewegung, ausgewogener Ernährung, Kräutern und innerer Ordnung. Denn in Krankheit sieht der Pfarrer eben nicht einfach eine Funktionsstörung irgendwelcher Organe. Sondern eine „Degeneration“, einen Mangel an Lebenskraft.

„Erst als ich daranging, Ordnung in die Seelen meiner Patienten zu bringen, da hatte ich vollen Erfolg.“
Pfarrer Sebastian Kneipp 

Der Heilungsprozess erfordert also eine Umkehr, die Körper und Seele, Verstand und Gemüt ergreift. Und wenn doch ein ärztlicher Eingriff notwendig wird, darf der sich nicht auf eine bloße „Reparatur“ beschränken, sondern muss den gesamten Organismus im Blick haben. Und auch die Lebensumstände. Für Kneipp ist deshalb das Gespräch über Lebenschancen oder Seelenängste genauso wichtig wie ein gutes Medikament: „Erst als ich daranging, Ordnung in die Seelen meiner Patienten zu bringen, da hatte ich vollen Erfolg.“

Würzburger Apotheker Oberhäußer macht aus Kneipps Philosophie Produkte

Und dass der Name des Kräuterpfarrers und Wasserdoktors im 200. Geburtsjahr kaum weniger bekannt ist als zu Kaisers Zeiten? Daran hat auch jenes Unternehmen Anteil, das seit 130 Jahren Kneipps Philosophie zu handfesten Produkten macht. Anno 1890 begegnet Kneipp dem Würzburger Apotheker Leonhard Oberhäußer. Über die gemeinsame Überzeugung, mit naturheilkundlichen Methoden Gutes tun zu können, werden sie Freunde – und Partner.

Schon im Februar 1891 legt der schwäbische Pfarrer das Vermächtnis seiner Studien in die Hände des Apothekers: Indem er Leonhard Oberhäußer nämlich exklusiv für alle Zeiten die Rechte überträgt, pharmazeutische und kosmetische Produkte sowie diätetische Lebensmittel „mit dem Namen und dem Bilde des Herrn Pfarrer Sebastian Kneipp“ zu entwickeln, herzustellen und zu vertreiben. Auf der Basis von Pflanzenessenzen und anderen reinen Inhaltsstoffen schaffen der Pfarrer und der Apotheker allerlei richtungsweisende Rezepturen.

Kneipp auf den Verpackungen: Tee, Pflanzensäfte, Magentrost und Flatuol

Das erste Mittel, das in der Würzburger Engel-Apotheke mit dem Namen Kneipps hergestellt wird, sind Pillen gegen Darmträgheit. Schnell folgen Tees, Pflanzensäfte, Pulver, Tinkturen, ölige Auszüge sowie die „Spezialitäten“ Rosmarinwein, Magentrost und Flatuol. Das markante Konterfei von Pfarrer Kneipp ziert die Verpackungen. Leonhard Oberhäußer übernimmt den Versand an Abnehmer in ganz Deutschland, das Geschäft floriert prächtig.

Seit 130 Jahren gibt es Kneipp-Produkte: Archivfoto aus der Produktion im Kneipp-Werk in Ochsenfurt.
Foto: Norbert Schwarzott | Seit 130 Jahren gibt es Kneipp-Produkte: Archivfoto aus der Produktion im Kneipp-Werk in Ochsenfurt.

Als Sebastian Kneipp mit 75 Jahren selbst schwer an Blasenkrebs erkrankt, nützen kalte Güsse und Armbäder, Pulver und Tees nichts mehr. Ihm, dem Nothelfer der kleinen Leute, kann niemand mehr helfen. Am 17. Juni 1897 stirbt Kneipp – zum populärsten Pfarrer und berühmtesten Naturheilkundler geworden.

Buchtipp 1: „Sebastian Kneipp. Der fünfzehnte Nothelfer“ von Christian Feldmann. Die aktualisierte zweite Auflage ist gerade in der Reihe „kleine bayerische biografien“ im Pustet-Verlag Regensburg erschienen, 141 Seiten, 14,95 Euro.

Buchtipp 2: „Das große Kneipp-Buch. Fünf Säulen für ein gesundes und ausgeglichenes Leben“ von Dr. Hans Gasperl, Servus Verlag bei Benevento Salzburg/München, 256 Seiten, 30 Euro. Der Band zum 200. Geburtstag erklärt Grundprinzipien und Hintergründe von Kneipps Lehre, mit praktischen Tipps und Anwendungen im Alltag.

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