Freiheit für alle Vögel

Würzburg Es gibt diese Abende, die dich packen. Du hast lauter Bilder im Kopf und Musik; jemand hat eine wunderbare Geschichte erzählt und dich teilhaben lassen. So war's - Astrid Freyeisen sei Dank - am Mittwochabend im Falkenhaus. Die Eröffnungslesung zum Literarischen Frühling der Stadtbücherei war "gnadenlos ausverkauft", wie Büchereichefin Dr. Hannelore Vogt sagte.
"Chanson für Edith" war der Magnet. Die Würzburger Sinologin Dr. Astrid Freyeisen hat ein bewegendes Buch über ihren Freund, den Würzburger Komponisten mit Weltrang Norbert Glanzberg, geschrieben. Dessen Sohn Serge hat sie dabei unterstützt. "Es war für uns beide eine Entdeckungsreise." Er war aus Paris angereist, saß am Mittwoch in der ersten Reihe neben der Oberbürgermeisterin und meinte lächelnd: "Ich muss mein Deutsch verbessern, um Astrids Buch zu lesen."

Im Falkenhaus durfte er sich zurücklehnen und lauschen. Er hörte, wie die Lektorin des Münchner List-Verlags vor gut einem Jahr zum erstenmal mit dem Namen seines Vaters in Berührung kam, sich anrühren und begeistern ließ und von einem "zu Unrecht vergessenem großen Komponisten" sprach. Der große Musiker war es, der als kleiner Junge seine Mutter in Würzburg fragte, warum "die Musik lacht" und warum sie "weint".

Astrid Freyeisens Buch basiert auf Interviews, die sie mit Norbert Glanzberg in den Jahren 1997 bis 2000 gemacht hat. Sie spannte eine Bogen vom "alten Würzburg" über Berlin nach Frankreich. Barbara Schöller sang Glanzberg-Lieder von Edith Piaf, Christopher Wasmuth begleitete sie am Piano, und dann - ein wunderbarer Einfall - wurde immer mal wieder Norbert Glanzbergs Stimme vom Tonband eingespielt. Den Text seines Liedes "Hasch mich" beispielsweise, den die Comedien Harmonists in Billy Wilders letztem deutschen Ufa-Film "Der falsche Ehemann" sangen, den fand er "schrecklich".

Norbert Glanzberg, 1910 als Kind einer jüdischen Familie in Galizien geboren und ein Jahr später nach Würzburg gekommen, war in Berlin schon 1931 eine Berühmtheit. 1933 flüchtete er vor den Nazis ins französische Exil. 1936/37, an einem Donnerstag, trat Edith Piaf in sein Leben. Er erkannte ihr Talent nicht. Wenige Jahre später war sie ein steinreicher Weltstar, er wurde ihr Klavierspieler, komponierte für sie und andere Größen, und "sie rettete ihn mit unglaublichen Aktionen" vor den Nazis, erzählte Astrid Freyeisen. Für kurze Zeit waren die beiden ein Liebespaar.

"Großartige Menschen haben mich gerettet", hörte das Publikum eindringlich vom Band. "Er war mehrfach fast deportiert, fast tot", sagte die Autorin. Später hing in seiner Küche im Pariser Vorort Neuilly gerahmt der Liedtext "Allen Vögeln die gefangen, möchte ich die Freiheit schenken  .  .  ."

Am 25. Februar 2001 starb Norbert Glanzberg. In ihrem Buch schreibt Freyeisen unter der Überschrift "Dank": "Norbert, ich danke dir: Wenn es so etwas geben sollte wie ein Geschenk der Götter, dann warst du meins."

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