LENGFELD (FB)

Glocke für Knast-Kapelle

Zehn Jahre nach der Einweihung der Justizvollzugsanstalt – derzeit mit über 700 Gefangenen überbelegt – ist zu Pfingsten Glockenweihe: Eine Versöhnungsglocke kommt auf den Turm, 130 Kilogramm schwer, bei Perner in Passau gegossen, Kosten knapp 10 000 Euro und finanziert aus dem Überschuss der Arbeitsbetriebe in bayerischen Justizvollzugsanstalten, also erwirtschaftet von den Gefangenen selbst.
Gefängnispfarrer Hermann Eßel ist glücklich, die Insassen der Würzburger Justizvollzugsanstalt künftig mit einer Glocke zum Gottesdienst rufen zu können.       -  Gefängnispfarrer Hermann Eßel ist glücklich, die Insassen der Würzburger Justizvollzugsanstalt künftig mit einer Glocke zum Gottesdienst rufen zu können.
Foto: FOTO THOMAS obermeier | Gefängnispfarrer Hermann Eßel ist glücklich, die Insassen der Würzburger Justizvollzugsanstalt künftig mit einer Glocke zum Gottesdienst rufen zu können.

Vor zehn Jahren war in dem Gewerbegebiet am Stadtrand die neue Justizvollzugsanstalt (JVA) eingeweiht worden. Die Baukosten betrugen damals über 160 Millionen D-Mark, zu dem Bauvorhaben gehörte auch eine Kapelle mit Turm, aber für eine Glocke fehlte zuletzt das Geld.

Für den katholischen JVA-Seelsorger Edwin Erhard und seinen evangelischen Kollegen Herman Eßel geht nun ein alter Wunsch in Erfüllung: Weil die Glocke „draußen“ für viele zum Sonntag und zum Gottesdienst gehört und weil der Klang einer Glocke hinter den JVA- Mauern von vielen vermisst wird. Zu hören sein wird die Glocke früh, Mittag und Abend und zu den Gottesdiensten, die hinter Gittern immer konfessionsübergreifend sind.

Natürlich, so der JVA-Seelsorger Erhard über seine Arbeit, gebe es auch beim Gottesdienst hinter Gittern einige, die nur der Abwechslung wegen kommen und da die Zeit absitzen. Aber das sei „draußen“ ja genauso. 152 Besucher hatte er beim letzten Sonntagsgottesdienst, konfessionsgemischt, immer auch einige Muslime darunter. Wenn man den Leuten in einer Sprache, die sie verstehen, die Wahrheit sagt, hören sie auch zu, so Erhard, die warten sogar darauf. Die vielen Rapport-Zettel von Gefangenen, die das Gespräch suchen und Zuwendung brauchen, könne er überhaupt nicht abarbeiten. Er sei noch nie als Seelsorger so gefordert, aber auch nie zuvor so gern Priester gewesen, wie hinter Gittern.

Erhard wollte eigentlich als Krankenhaus-Seelsorger in die Würzburger Uni-Kliniken, hatte bereits die Zusage und ging dann nur deswegen in den Knast, weil man keinen anderen fand. In den ersten Monaten habe er das für die größte Fehlentscheidung seines Lebens gehalten, erinnert er sich. An das ständige Türen auf- und zu schließen habe er sich längst gewöhnt, aber er träume auch nach acht Jahren hinter Gittern immer noch nachts von seinem Arbeitsplatz im Knast und von den Menschen, „was die hier erleben und erleiden“.

Zur Glockenweihe am Pfingstsamstag kommen die beiden Stadtdekane, Günter Breitenbach und Erhard Kroth, in die Justizvollzugsanstalt.

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