Würzburg

Meerrettich gegen Krankheitserreger

Merrettich Foto: dpa
| Merrettich Foto: dpa

Meerrettich als Medizin - nicht nur in der Küche macht die scharfe Wurzel eine gute Figur. Auch als Heilmittel gegen Bakterien ist sie eine wahre Wunderwaffe. Wissenschaftliche Belege dazu lieferte Professor Uwe Frank bei einem Vortrag in Lab 13 auf dem Gelände der Würzburger Landesgartenschau.

Seit mehreren Jahren schon forscht Frank mit seiner Arbeitsgruppe in Freiburg zum Wirkmechanismus pflanzlicher Antibiotika. Dabei geht es den Forschern auch darum, eine therapeutisch wirksame Alternative zu pharmazeutisch hergestellten Antibiotika zu haben, die bei Krankheitserregern zunehmend zu Antibiotika-Resistenzen führen.

Moderater Einsatz von Antibiotika ist wichtig

"Multiresistente Bakterien sind ein weltweit wachsendes Problem, vor allem in Krankenhäusern", sagt Frank. Immer häufiger gebe es gegen solche Keime kaum noch ein wirksames Antibiotikum. Eine wichtige Frage sei nun, wie man diese Resistenzentwicklung bremsen könne.
Dass das funktioniert, beweist eine Studie der Uniklinik Aachen. Dabei seien die Antibiotika über einen längeren Zeitraum bewusst rational und nicht leichtfertig verabreicht worden, erläuterte Frank. Die Studie zeige sehr deutlich, dass durch moderaten Antibiotikaeinsatz auch die Resistenzen bei Krankheitserregern sinken.

"Wir können also etwas tun, doch leider ist das nur eine von ganz wenigen Studien gewesen. Die Realität sieht anders aus", sagte der Mikrobiologe. Überall gibt es Anstiege der Resistenzen bei wichtigen Erregern von Harnwegs- und Atemwegsinfektionen. Deshalb müsse man nun Auswege aus dieser offensichtlichen Sackgasse suchen.

Ein möglicher vielversprechender Ausweg scheinen pflanzliche Inhaltsstoffe, wie die Senföle, die sogenannten Isothiocyanate, der Familie der Kreuzblütler zu sein. Dazu gehören Meerrettich, Rettich, Kresse, Radieschen und Senf. Auch die Kapuzinerkresse (Familie Kapuzinerkressegewächse) enthält Senföle. Sehr stark antibiotisch wirksam, also bakterienhemmend, sind dabei die im Meerrettich und in der Kapuzinerkresse enthaltenen Senföle.

Schon aus Omas Hausapotheke bekannt

Studien haben gezeigt, dass diese eine keimhemmende Wirkung auf die häufigsten Erreger von Harnwegs- und bakteriellen Atemwegsinfektionen beim Menschen haben. In Oma´s Hausapotheke sind Tees aus Kapuzinerkresse und Meerrettich gegen Schnupfen und Erkältung ohnehin schon lange bekannt. Wem das zu scharf ist, der kann inzwischen auch auf ein marktübliches Präparat aus der Apotheke zurückgreifen, das aus einer Mischung aus Kapuzinerkresse und Meerrettichwurzel in Tablettenform besteht. Dazu sollte man seinen Arzt oder Apotheker befragen.

"Mit solchen natürlichen Präparaten haben wir ein sehr gutes pflanzliches Breitspektrum-Antibiotikum in der Hand", erläuterte Frank. Wie aber wirken diese pflanzlichen Senföle? Das Wirkprinzip haben Frank und seine Mitarbeiter unter die Lupe genommen und erstaunliches herausgefunden: Die Substanzen dringen in die Bakterienzelle ein und wirken als Störenfriede auf unterschiedlichen Ebenen. In der Folge wird unter anderem die Bakterienzelle mit Nährstoffen unterversorgt, aber auch die Kommunikation zwischen den Bakterien gestört.

Bakterien sind irritiert

Und noch eine gute Nachricht: Weil die Senföle an vielen verschiedenen Punkten der Zelle angreifen, sind die Bakterien regelrecht irritiert und überfordert und es kommt kaum zu Resistenzentwicklungen gegenüber den Senfölen. "Ich denke, wir sind hier auf der richtigen Spur", meint der Forscher.

Meerrettich hilft aber nicht nur dem Menschen, sondern auch effektiv bei Hufentzündungen von Pferden. "Die Tiere verputzen instinktiv sehr viel Meerrettich und haben dann einen sehr hohen Gehalt an Senfölen im Blut. So gehen die Entzündungen ganz schnell weg", erklärte der Professor. Das wussten die Bauern und Tierärzte schon vor einigen hundert Jahren. Daher habe der Meerrettich auch seinen Namen, nämlich von Märe, eine anderen Bezeichnung für ein altes Pferd.

Dass das alte Wissen aus der Volksmedizin nicht vergessen werden darf, ist Professor Frank trotz aller modernen Forschungsmethoden und Ergebnisse besonders wichtig. "Wir müssen das wieder ausgraben, wir müssen das mit der Klostermedizin zusammen tun", betonte er. Man sei auf dem richtigen Weg. Und: "Wir haben in der Pipeline für Antibiotika völlig neue Substanzen, die eigentlich gar nicht neu sind."

Damit spricht er Dr. Johannes Gottfried Mayer aus der Seele. Der Würzburger Historiker und wissenschaftliche Koordinator der Forschergruppe Klostermedizin an der Uni Würzburg beschäftigt sich seit langem schon mit der Medizingeschichte des Meerrettichs. Bereits die Äbtissin Hildegard von Bingen erwähnt im 12. Jahrhundert in ihrer "Physica" die lungenerwärmende und heilende Wirkung der scharfen Wurzel.

Der Frankfurter Stadtarzt Adam Lonitzer beschäftigt sich 1557 in seinem Kräuterbuch ausführlich mit dem Meerrettich und beschreibt ihn als Mittel gegen Darmkoliken, Gifte und verdorbene Speisen, Nieren- und Harnsteine, Harnwegsentzündungen, Husten, Leberbeschwerden und Geschwüren in den Ohren. Damit war der Meerrettich endgültig im deutschen Arzneischatz angekommen, sagt Mayer.

Und heute nach über 460 Jahren tragen die neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse dazu bei, dass den Kritikern der Pflanzenmedizin der Wind aus den Segeln genommen wird und der Meerrettich auch in der Schulmedizin angekommen ist, so der Würzburger Forscher.
Und so dreht sich für die Forschergruppe Klostermedizin auch auf der Landesgartenschau alles um das Thema pflanzliche Antibiotika. Dazu gibt es regelmäßige Führungen an den Pflanzenbeeten, die rund um den Pavillon der Kreisgruppe Würzburg im Bund Naturschutz angelegt sind.
Auch Professor Uwe Frank wird am Mittwoch, 12. September 2018, um 17 Uhr nochmal über "Die antibiotische Wirkung von Senfölen" einen Vortrag in Lab 13 neben der Blumenhalle halten.

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