Würzburg

Mit falscher Diagnose ins Vernichtungslager

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Am Donnerstag dieser Woche werden im Würzburger Stadtgebiet zum 24. Mal Stolpersteine verlegt, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern. An 15 Orten wird der Künstler und Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig 21 neue Stolpersteine verlegen – zur Erinnerung an ermordete Juden (am Vormittag) und Opfer von Krankenmorden (am Nachmittag). Die Verlegungsaktion beginnt um zehn Uhr in der Kroatengasse und endet um 15.30 Uhr in der Schießhausstraße.

Jenaplan-Schule gestaltet Abendprogramm

Nach der Verlegungsaktion findet in der Jenaplan-Schule in der Wallgasse um 18 Uhr eine Abendveranstaltung mit dem Thema „Verlegt in eine andere Anstalt – der Weg in die Tötungsanstalt“ statt. Schülerinnen und Schüler der Jenaplan-Schule werden den Abend gestalten. Boris Böhm, der Leiter der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein, wird in einem Vortrag über Krankenmorde in der NS-Zeit berichten. Er wird voraussichtlich auch eine neue Broschüre über Auguste Warmuth, ein Opfer aus Würzburg, vorstellen.

In der Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein ermordeten die Nationalsozialisten in den Jahren 1940/41 rund 13 720 vorwiegend psychisch kranke und geistig behinderte Menschen, darunter auch mehrere aus der Region Würzburg. Sie wurden im Rahmen der nationalsozialistischen Krankenmorde, der sogenannten „Aktion T4“, in einer Gaskammer im Keller der Anstalt umgebracht. Weiterhin starben an diesem Ort im Sommer 1941 mehr als 1000 Häftlinge aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern im Rahmen der „Sonderbehandlung 14f13“. Erst nach 1989 drang der fast vergessene Massenmord allmählich in das öffentliche Bewusstsein.

Medizinischer Leiter der „Aktion T4“ war der an der Würzburger Universitätsnervenklinik tätige Psychiater und Neurologe Werner Heyde. Der Mediziner war nach eigenen Angaben am 1. Mai 1933 in die NSDAP eingetreten. 1936 trat er der SS bei. Hier erhielt er den Titel „Leiter der psychiatrischen Abteilung beim Führer der SS-Totenkopfverbände/Konzentrationslager“. Vermutlich ab Ende Juli 1939 war Heyde an der Vorbereitung der Tötung von Geisteskranken und Behinderten beteiligt, der sogenannten Aktion T4.

Vom Krankenhaus direkt ins Tötungslager

Ein Schwerpunkt der Stolperstein-Verlegung sind Opfer, denen von den Nationalsozialisten – nicht selten frei erfundene – Krankheiten attestiert wurden. Von Krankenhäusern aus wurden sie in Konzentrationslager verlegt und dort ermordet.

Eines dieser Opfer, an das künftig ein Stolperstein in der Domerschulstraße 6 erinnern wird, war Alfons Kirchner, wie aus einer Biografie der Aktion Stolpersteine hervorgeht.

Kirchner wurde 1878 in Würzburg geboren. Am 31. Dezember 1911 wurde er erstmalig von der Polizei in die Würzburger Psychiatrie eingeliefert. In dem Schreiben der Polizei hieß es: „Leidet an Paranoia und zeitweiliger heftiger Erregung“. Der Landgerichtsarzt stellte dazu unter anderem fest: „Kirchner wähnt sich fortwährend verfolgt und elektrisch beeinflusst“. Außerdem, schreibt der Arzt weiter, habe Kirchners Frau mitteilen lassen, dass er gegen sie handgreiflich geworden sei, weshalb er als gemeingefährlich einzustufen sei.

Ärzte erkennen keine Krankheit

Während der Behandlung in der Klinik konnte der behandelnde Arzt weder einen Verfolgungswahn noch eine Gemeingefährlichkeit erkennen, weshalb Kirchner auf Wunsch seiner Ehefrau am 7. Januar 1912 nach Hause entlassen wurde. Ein Jahr später, am 24. Februar 1913, wurde er erneut von der Polizei in die psychiatrische Klinik gebracht. Ihm wurde vorgeworfen, einen Bocksbeutel auf seinen Schwiegervater geworfen zu haben, ohne ihn jedoch dabei zu verletzen. Außerdem soll er gegen den Sohn des Hauswirts gewalttätig geworden sein, indem er einen Schirm nach ihm warf. Bei seiner Einlieferung hatte Kirchner eine fünf Zentimeter lange Wunde an der Stirn, wahrscheinlich von einem Stoß an einem scharfkantigen Gegenstand. Kirchner wird bei seiner Einlieferung als ziemlich ruhig, örtlich wie zeitlich vollständig orientiert beschrieben.

Mit Beschluss des Stadtmagistrats wurde kurz darauf die Einlieferung Kirchners in eine Irrenanstalt wegen gemeingefährlicher Geisteskrankheit angeordnet. Kirchner legte Beschwerde ein. Wenige Tage später wird er sehr aufgeregt, schimpft auf Ärzte und Personal und behauptet, seine Beschwerdeschreiben würden nicht abgeschickt, sonst müsste er eigentlich schon längst entlassen sein.

Transport in die Tötungsanstalt

Am 31. März 1913 wird er in die Heil- und Pflegeanstalt in Werneck gebracht. Über seinen dortigen Aufenthalt sind keine Aufzeichnungen erhalten. Jedoch gerät er im August 1940 in die Mühlen der nationalsozialistischen Tötungsaktionen. Im Rahmen der Räumung der Anstalt in Werneck im Oktober 1940 gingen mehrere Transporte von Werneck entweder in die Heil- und Pflegeanstalt in Lohr, in die Zwischenanstalt Großschweidnitz in Sachsen oder direkt in die Tötungsanstalten. In einem Transport, der am 3. Oktober 1940 nach Großschweidnitz ging, muss auch Kirchner gewesen sein. Am 11. März 1941 wurde er mit einem weiteren Transport in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein gebracht, wo er vermutlich noch am gleichen Tag ermordet wurde.

Für diese Nazi-Opfer werden am 22. Februar in Würzburg neue Stolpersteine verlegt:
Alfons Kirchner, geb. 12. Mai 1878, ermordet in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein am 11. März 1941.
Selma Stern, geb. am 9. Januar 1879 in Maroldsweisach, deportiert am 25. April 1942 von Würz-
burg nach Krasniczyn und vermutlich in einem Vernichtungslager der Region Lublin ermordet.
Karl Stern, geb. am 18. Oktober 1881 in Maroldsweisach, ermordet am 16. Januar 1941 im Konzentrationslager Dachau.
Julia Weberbauer, geborene Hitzfelder, geb. am 19. Februar 1895 in Bad Mergentheim-Stuppach, im Rahmen der T4-Aktion am 23. November 1940 in Pirna-Sonnenstein ermordet.
Jenny Fried, geb. am 28. März 1884 in Würzburg, am 25. April 1942 nach Krasniczyn deportiert und im selben Jahr dort oder in einem Vernichtungslager der Region Lublin ermordet.
Berta Fried, geborene Rosenblatt, geb. am 5. Mai 1857 in Gochsheim, am 23. September 1942 von Würzburg nach Theresienstadt deportiert und dort am 22. Oktober 1942 ermordet.
Ferdinand Wolfsheimer, geb. am 23. März 1874 in Weikersheim, am 17. Juli 1942 von München nach Theresienstadt und von dort nach Treblinka deportiert, wo er vermutlich kurz darauf ermordet wurde.
Regine Wolfsheimer, geborene Lehmann, geb. am 14. Oktober 1875 in Wenkheim, am 17. Juli 1942 von München nach Theresienstadt und von dort am 19. September 1942 nach Treblinka deportiert und vermutlich dort kurz darauf ermordet.
Salomon „Saly“ Saalheimer, geb. am 31. Mai 1876 in Goßmannsdorf, am 23. September 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 26. November 1942 ermordet.
Selma Saalheimer, geborene Hirschmann, geb. am 16. August 1884 in Würzburg, am 23. September 1942 von Würzburg nach Theresienstadt und von dort am 18. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert, wo sie wohl direkt ermordet wurde.
Agnes Messelberger, geb. am 9. September 1884 in Würzburg, am 6. Oktober 1940 in Pirna-Sonnenstein ermordet.
Johann Adam Grail, geb. am 21. Juli 1900 in Würzburg, ermordet am 27. Juni 1941 in der Tötungsanstalt Hartheim/Linz.
Rosa Hetzer, geb. am 4. Oktober 1901 in Neubrunn, am 4. Oktober 1940 in der Tötungsanstalt Hartheim/Linz ermordet.
Maria Reiser, geb. am 14. Januar 1899 in Würzburg, ermordet am 11. Februar 1941 in Pirna-Sonnenstein.
Karl Müller, geb. am 4. Juli 1881 in Wimpfen am Neckar, nach Aufenthalten in mehreren psychiatrischen Anstalten am 21. Dezember 1940 an Kreislaufversagen gestorben.
Getta Eisenheimer, geb. am 8. Mai 1862 in Wiesenbronn, am 23. September 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 12. Oktober 1942 ermordet.
Hermine Kleemann, geb. am 13. September 1881 in Würzburg, am 27. November 1941 von Würzburg in das Lager Riga-Jungfernhof deportiert und dort am 26. März 1942 im Wald von Bikernieki bei Riga ermordet.
Ida Kleemann, geb. am 23. Juli 1885 in Würzburg, am 27. November 1941 von Würzburg in das Lager Riga-Jungfernhof deportiert und am 16. März 1942 im Wald von Bikernieki bei Riga ermordet.
Raphael Frankenfelder, geb. 25. September 1885 in Heidingsfeld, 27. November 1941 nach Riga-Jungfernhof deportiert und vermutlich dort oder in der Nähe im Winter 1941/42 ermordet.
Laura Frankenfelder, verwitwete Mondschein, geb. am 13. Oktober 1893 in Wiesenfeld als Laura Bamberger, am 27. November nach Riga-Jungfernhof deportiert und dort oder in der Nähe vermutlich bald darauf ermordet.
Veronika Schönbein, geb. am 6. Juni 1901 in Würzburg, ermordet 11. Februar 1941 in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein.

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