WÜRZBURG

Mit Musik gegen die Krankheit

Auf Roadshow: Am kommenden Sonntag tritt Musiker Martin Kolbe in Würzburg auf.MARTINA DIEMAND
Foto: Foto: | Auf Roadshow: Am kommenden Sonntag tritt Musiker Martin Kolbe in Würzburg auf.MARTINA DIEMAND

Anfangs war es für Martin Kolbe ein „tolles Gefühl“. Der Musiker steckte voller Energie, plante Projekte, „war wie auf Droge“. Dann aber fiel er von einer Gefühlsschwankung in die andere. Überschwang schlug in Depression um, Gefühle und Aktionen waren nicht mehr steuerbar. Bis er sich eines Tages in einem „Scherbenfeld“ wiederfand. Diagnose: bipolare Störung, sprich: manisch-depressiv“. Sein Weg führte in die Psychiatrie. Und die Karriere, die dem Künstlerduo Kolbe/Illenberger einst volle Konzertsäle bescherte, war beendet. Jetzt, nach 20 Jahren, startet Kolbe neu: Mit einer „Bipolar Roadshow“ werben er und andere Künstler um Verständnis für eine Erkrankung, die immer noch mit einem Stigma belastet sei. Am Sonntag kommen sie nach Würzburg.

„Keys“ (Schlüssel) heißt einer der Songs, in denen Martin Kolbe nicht nur die Zeit in der Psychiatrie beschreibt, sondern auch jene Probleme, die ihn dorthin führten: die nicht mehr steuerbaren extremen Schwankungen – vom euphorischen Hoch bis zur abgrundtiefen Verzweiflung. Die krasse Selbstüberschätzung und dann „die Asche, die verbrannt ist“. Die sozialen und materiellen Verluste. Das Leiden der Angehörigen. Dann die Erfahrungen in der Psychiatrie. Oft sei er ein halbes Jahr lang „geflogen“, sagt der in Zürich lebende Musiker.

Für seine manisch-rastlosen Reisen habe er einen Assistenten engagiert, der sein Umfeld besänftigen musste. Kolbe: „Doch irgendwann war alles kaputt, alles weg.“ Acht Jahre lang habe es gedauert, bis sich das, was er als „Leben wie auf Droge“ gelebt habe, als Krankheit entpuppt hat. Schwer war es, den Schock zu verdauen, dass bipolare Störungen ein Leben lang andauern.

Heute glaubt der 57-Jährige einen Weg gefunden zu haben, mit der Krankheit umzugehen. Seit 15 Jahren werde er regelmäßig medikamentös behandelt, habe ein „ganz anderes Körpergefühl“. Sein erster Auftritt vor zwei Jahren bei der Jahrestagung der „Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen“ waren für Kolbe die ersten Beweise, mit seiner Erkrankung auch „nach draußen“ gehen zu können. Seine erste CD nach langer Zeit mit dem Titel „Songs from the Inside“ sieht er als persönlichen Erfolg. Und wenn der Musiker merkt, dass er „wieder zu viel Wind unter die Flügel bekommt“ sucht er sich Hilfe beim Psychiater. Professor Dr. Peter Brieger, Fachmann für die Erkrankung, sieht Kolbe als Vorbild: Er sei ein Beispiel, „was man mit dieser Krankheit zustande bringt.“

Die „Bipolar Roadshow“ des Musiker-Duos Kolbe/Illenberger tourt eine Woche lang durch acht deutsche Städte – von Würzburg bis Hamburg. Auftakt ist an diesem Sonntag, 18. Mai, im Würzburger Felix-Fechenbach-Haus. Kooperationspartner sind die Uniklinik und die Würzburger Bipolar-Selbsthilfegruppe. Beginn des Konzerts ist um 20 Uhr, Karten für 10 Euro gibt es an der Abendkasse und im Vorverkauf bei der Buchhandlung „Neuer Weg“ in der Sanderstraße oder als Reservierung über info@dgbs.de. Infos im Internet: www.bipolar-roadshow.de

Bipolare Störung

Die bipolare affektive Störung ist

durch depressive, manische, hypomanische oder gemischte Episoden gekennzeichnet. Bei starken Depressionen kann es zu Suizidgedanken kommen. Eine manische Episode ist durch gesteigerten Antrieb und Rastlosigkeit gekennzeichnet, was oft mit euphorischer oder gereizter Stimmung einhergeht. Die Wahrnehmung der Realität ist dann stark eingeschränkt. Episoden: Eine gemischte Episode ist gekennzeichnet durch gleichzeitige oder rasch wechselnde Manie und Depression. Zwischen den Episoden kehrt der Betroffene in der Regel immer in einen unauffälligen Normalzustand zurück.

Verlauf: Meist beginnt eine bipolare Störung in Jugend oder frühem Erwachsenenalter. Oft wird sie vom Betroffenen oder auch Medizinern erst viele Jahre nach Ausbruch erkannt.

Häufigkeit: Bei der bipolaren Störung

handelt es sich um eine recht häufige Erkrankung. Werden leichtere Fälle berücksichtigt, so sind laut Untersuchungen in den Industrieländern drei bis vier Prozent der Bevölkerung betroffen.

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