Würzburg

Myanmar: Würzburger Studentin über den Putsch in ihrem Heimatland

In Myanmar hat das Militär die Macht an sich gerissen. Die Würzburger Studentin Nyein Chan May hält Kontakt zu ihrer Familie und berichtet über die Zustände in ihrem Heimatland.
Die Würzburger Studentin Nyein Chan May kommt aus Myanmar. Auch wenn das Militär zwischenzeitlich Internet- und Telefonverbindungen kappte, konnte sie bis jetzt Kontakt mit ihrer Familie und ihren politisch engagierten Freunden halten.
Foto: Chan May | Die Würzburger Studentin Nyein Chan May kommt aus Myanmar. Auch wenn das Militär zwischenzeitlich Internet- und Telefonverbindungen kappte, konnte sie bis jetzt Kontakt mit ihrer Familie und ihren politisch ...

Es herrschen dunkle Zeiten in Myanmar. Gerade erst begannen die Erinnerungen an mehr als 50 Jahre Militärdiktatur zu verblassen, gibt es nun ein Déjà-vu. Das südostasiatische Land hatte seit 1962 unter einer Militärherrschaft gestanden - seit zehn Jahren mit demokratischen Elemente und einem zivilen Präsidenten als Staatsoberhaupt. In einem Putsch am 1. Februar hat das Militär die gesamte Staatsgewalt wieder an sich gerissen, demokratisch gewählte Volksvertreter festgenommen und den Notstand verhängt. Die Menschen in ihrem Heimatland stünden unter Schock, berichtet Nyein Chan May. Die 25-jährige Burmesin studiert an der Universität Würzburg Politikwissenschaft und Soziologie. In Myanmar gründete sie an ihrer Hochschule die erste Studentenunion mit und sie setzt sich für politische Bildung und bessere Bildungsgesetze in ihrem Heimatland ein. An diesem Freitag berichtete sie im Gespräch, was sie von ihrer Familie und Freunden in Myanmar hört und wie sich der Putsch auf den Alltag dort auswirkt.

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Frage: Frau Chang May, Sie stehen im Kontakt mit Familie und Freunde in Myanmar. Wie ist die Lage dort am Ende der Woche?

Nyein Chan May: Das Militär hat nach dem Putsch am Montag einen einjährigen Ausnahmezustand ausgerufen und eine neue Interimsregierung eingesetzt. Wir wissen weiterhin nicht, wo viele der inhaftierten Politiker, Aktivisten und Künstler festgehalten werden. Bis jetzt findet der Protest der Bevölkerung gegen den Militärputsch fast ausschließlich in den sozialen Medien oder von den Balkonen aus statt, als Aktionen zivilen Ungehorsams verweigern Staatsbedienstete und Mitarbeiter staatlicher Gesundheitseinrichtungen Anweisungen ihrer Vorgesetzten. Nachdem das Militär nun aber versucht, den Zugang zu sozialen Medien zu verhindern, verlagern sich Demonstrationen in den Großstädten immer mehr auf die Straßen. Das Militär hat die Sicherheitskräfte bereits angewiesen, nun auch Gewalt einzusetzen.

"Die Entschlossenheit wächst, mit aller Kraft zu zeigen, dass der Militärputsch von der Bevölkerung nicht einfach hingenommen wird."
Nyein Chan May
Welche Ängste und Erwartungen gibt es in der Bevölkerung?

Chan May: Vor allem fürchtet sich die Bevölkerung vor Gewalt von Seiten des Militärs, obwohl die meisten nur friedlich von zu Hause aus protestieren, indem sie jeden Tag um 20 Uhr zusammen von ihren Balkonen aus Lärm mit Küchenutensilien machen und Protestlieder singen. Seit Donnerstag beginnen nun Studenten und Intellektuelle trotz großer Angst vor Festnahmen, auch auf den Straßen friedlich zu demonstrieren. Viele sind wegen der Bemühungen des Militärs, die sozialen Netzwerke zu verbannen, natürlich sehr beunruhigt. Ohne Virtual Private Network können Facebook und andere Messenger-Dienste dort beispielsweise nicht mehr genutzt werden. Trotzdem wächst auch die Entschlossenheit, mit aller Kraft zu zeigen, dass der Militärputsch von der Bevölkerung nicht einfach hingenommen wird. Die große Erwartung ist jetzt, dass das Militär nun endgültig seine Macht aufgibt, den demokratischen Willen der Bevölkerung akzeptiert und erkennt, dass die Macht von der Bevölkerung ausgehen muss.

Nyein Chan May bei einer Protestveranstaltung gegen das Handeln des Militärs in Myanmar im Jahr 2014.
Foto: Chan May | Nyein Chan May bei einer Protestveranstaltung gegen das Handeln des Militärs in Myanmar im Jahr 2014.
Wie wirkt sich der Putsch auf den Alltag Ihrer Familie und Freunde aus?

Chan May: Den vorherigen Alltag gibt es nicht mehr. Alles dreht sich nur um die Frage, was man tun kann, um sich dem Militärputsch friedlich, aber entschlossen zu widersetzen. Einige meiner Freunde, die die Protestbewegungen mitinitiiert haben und sich gerade in akuter Gefahr sehen, sind mittlerweile untergetaucht. Wir wissen nicht, wo die Aktivisten, Künstler und Schriftsteller festgehalten werden, die bis jetzt vom Militär schon festgenommen wurden. Diese haben auch keine Möglichkeit, mit uns zu kommunizieren - so wie auch mein Freund und Filmemacher Min Htin Ko Ko Gyi, mit dem ich mehrere Jahre lang beim Human Rights Film Festival Yangon zusammengearbeitet habe. Sein Neffe hat mir am Telefon erzählt, dass die Soldaten acht Stunden nach der Festnahme seine Medikamente abgeholt hätten, da er unter Leberkrebs leidet und sein aktueller Gesundheitszustand auch besorgniserregend ist. Soldaten hätten schon am Montag morgens um 3 Uhr sein Haus umstellt und ihn aufgefordert, sofort mitzukommen. Zu diesem Zeitpunkt hat Min Htin Ko Ko Gyi uns allen über Facebook noch kurz davon berichten können. Das war auch das erste, was ich hier in der Nacht zu Montag vom Militärputsch mitgekriegt habe. Seitdem ist er so wie die anderen Festgenommenen auch von der Außenwelt abgeschnitten.

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Hätten Sie eine solche Situation in Myanmar noch einmal für möglich gehalten?

Chan May: Das Risiko eines Militärputsches lag immer in der Luft.  Mir war immer bewusst, dass das Militär dazu jederzeit die Möglichkeit hat. Denn auch wenn es in den vergangenen Jahren der Öffnung wachsende Presse- und Meinungsfreiheit gab - wie soll es wirkliche Demokratie in einem Land geben können, wo das Militär automatisch ein Viertel der Parlamentssitze hat und somit alle Verfassungsänderungen verhindern kann?

Wie geht es Ihnen persönlich mit Blick auf Ihre Heimat?

Chan May: Seitdem ich in der Nacht zu vergangenem Montag die ersten Nachrichten über den Militärputsch gelesen habe, mache ich mir große Sorgen um meine politisch sehr engagierten Freunde und meine Familie. Während meiner Kindheit saßen mein Vater und mein Onkel jahrelang im Gefängnis. Dieses Gefühl der ständigen Angst, Ohnmacht und Resignation hat mich stark geprägt. Ich bin in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Gewalt droht, wenn man seine Meinung sagt. Das Militär muss erkennen, dass meine Generation nicht akzeptieren wird, die seit der Öffnung des Landes 2011 teilweise hinzugewonnen Freiheiten einfach wieder aufzugeben. Die nächsten Generationen sollen einmal sehen können, dass wir uns mit einem Militärputsch niemals abgefunden haben. Mein größter Wunsch ist bei alldem aber, dass es nicht noch einmal solch eine blutige Gewalt auf den Straßen meiner Heimat gibt.

Das Interview wurde am Freitag, 5. Februar, geführt. 

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