Goßmannsdorf

Neuseeland: Goßmannsdorferin will bedrohte Vogelarten retten

Wilde Berge, einsame Strände, schräge Vögel: Lara Urban aus Goßmannsdorf (Lkr. Würzburg) lebt und forscht seit einem Jahr in Neuseeland. Ihr Ziel? Zwei gefährdete Vogelarten zu erhalten.
Rennen kann er: Lara Urban entlässt einen Takahe in die Wildnis.
Foto: Takahe Recovery Team | Rennen kann er: Lara Urban entlässt einen Takahe in die Wildnis.

Der eine ist schön grün, der andere hat einen imposanten roten Schnabel: der Kakapo und der Takahe. Beiden Vögeln ist gemeinsam, dass es sie nur in Neuseeland gibt und dass sie vom Aussterben bedroht sind. Dass das nicht passiert, ist das erklärte Ziel von Lara Urban.

Die Goßmannsdorferin lebt seit einem Jahr in dem Inselstaat im Pazifik, wo die beiden flugunfähigen Vogelarten heimisch sind. An der dortigen Otago-Universität betreibt die promovierte Biologin Forschungen zur Genetik von Kakapo und Takahe, die helfen sollen, den Fortbestand der seltenen Vögel zu sichern. Im Interview erzählt die 29-Jährige von ihrer Arbeit und vom Leben am anderen Ende der Welt.

Frage: Sie sind in Goßmannsdorf aufgewachsen. Schon am Gymnasium Marktbreit hat sich abgezeichnet, dass eine akademische Laufbahn für Sie das richtige wäre. Warum haben Sie diesen Weg eingeschlagen?

Lara Urban: Ich fand den Unterricht oft sehr spannend, und mein Interesse, mehr über die Welt zu erfahren, hat das Lernen relativ einfach gemacht. Ich hatte aber auch einige tolle Lehrer, die mich auch persönlich unterstützt haben, so dass ich dann als beste in unserem Abiturjahrgang abschließen konnte. Ein motivierender Faktor war auch, dass ich früh gelernt habe, dass es wichtig ist (vor allem als Frau), Unabhängigkeit zu erlangen, und dass dies durch Bildung möglich ist. Dass ich dann Biologie studiert habe, kam von meinem Interesse an der Natur und dem Naturschutz.

Lara Urban ist in Goßmannsdorf aufgewachsen.
Foto: Alejandro de Miquel Bleier | Lara Urban ist in Goßmannsdorf aufgewachsen.
Biologie ist ein Fach mit ziemlich breitem Spektrum. Worauf haben Sie sich spezialisiert, und worum geht es in ihrem Fachgebiet?

Lara Urban: Ich habe mich wegen meines Interesses am Naturschutz früh auf Ökologie (die Lehre von den Wechselbeziehungen zwischen den Lebewesen und ihrer Umwelt, Anm. d. Red.) spezialisiert. Ich bin viel gereist, um verschiedene Ökosysteme zum Beispiel in Kanada, Brasilien, Costa Rica, Tansania und Malaysia zu studieren. Ich habe mich auch auf Statistik und Bioinformatik spezialisiert, um meine Daten analysieren zu können, und zu verstehen, was wir durch ökologische Daten über den Zustand unserer Natur lernen können. Zudem habe ich mich immer mehr auf genetische Forschung konzentriert, um auch die Rolle von DNA in verschiedenen natürlichen Prozessen zu verstehen.

Sie waren auch an der angesehenen Universität Cambridge in England. Wie kam es dazu, und was haben Sie dort gemacht?

Lara Urban: Das erste Mal kam ich nach Cambridge durch ein Programm des Gymnasiums Marktbreit, das von dem sehr engagierten, leider inzwischen verstorbenen Dr. Robert Kofer initiiert worden war. Damals habe ich mich in die Stadt verliebt, in das Versprechen, exzellente Bildung zu erhalten, und in das Leben am College, das ein bisschen an die Harry-Potter-Filme erinnert. Deshalb habe ich mich nach meinem Master durch das Europäische Bioinformatik Institut an der Universität Cambridge beworben und ein Doktoranden-Stipendium erhalten. Da in meiner Familie noch niemand studiert hatte, wusste ich nicht, wie meine Chancen stehen würden, aber man verliert ja nichts, wenn man es versucht.

Dort habe ich dann über drei Jahre lang humane Krebsgenomik studiert – ich habe also versucht, die molekulare Grundlage von verschiedenen Krebsarten besser zu verstehen, was hoffentlich früher oder später für die Therapie nützlich sein kann. Diese Arbeit wurde in zwei Publikationen in der weltweit bekanntesten Fachzeitschrift "Nature" veröffentlicht. Und ich habe natürlich für mein College gerudert – ich hatte also die typische Cambridge-Erfahrung.

Mittlerweile leben Sie in Neuseeland. Wie kamen Sie dort an die Universität? Werden Sie irgendwann wieder nach Deutschland zurückkehren?

Lara Urban: Mein Mann und ich sind im Januar 2020 nach Neuseeland gezogen, damit ich meine Stelle als Wissenschaftlerin an der Otago Universität antreten konnte. Ich war bereits während meiner Promotion in Neuseeland, um dort für drei Monate mit dem Kakapo zu arbeiten. Dabei habe ich einige engagierte Forscher kennengelernt, unter anderem Prof. Gemmell, mit dem ich jetzt arbeite. Dann habe ich mich auf ein Humboldt-Stipendium beworben, das jetzt gemeinsam mit einem weiteren Wissenschaftspreis, den ich aus den USA erhalten habe, für mein Gehalt und meine Forschung zahlt.

Ich kombiniere hier nun meine Forschung in der Genomik (diese erforscht, wie lebende Organismen durch die Sequenz, Struktur und Evolution ihrer DNA beeinflusst werden, Anm. d. Red.) und Statistik mit meiner Erfahrung als Ökologin und wende Genomik für den Umweltschutz an. Mein Mann, den ich während unserer Zeit in Cambridge kennengelernt habe, ist Mathematiker. Er hat seinen Job in Cambridge aufgegeben, um mit mir nach Neuseeland zu kommen. Derzeit arbeitet er aus der Ferne als Programmierer mit einer Firma in Europa. Obwohl uns das Land und die Leute hier sehr gefallen, werden wir wohl nach Europa zurückkehren – zunächst sind viele unserer Freunde und Familie dort, da mein Mann aus Barcelona ist, aber auch das Forschungsumfeld in Europa gefällt mir sehr gut.

Lara Urban forscht in Neuseeland zur Genetik zweier einheimischer Vogelarten. Das Bild zeigt sie mit ihrem Mann Alejandro de Miquel Bleier in Dunedin, Neuseeland.
Foto: Bryn Evans | Lara Urban forscht in Neuseeland zur Genetik zweier einheimischer Vogelarten. Das Bild zeigt sie mit ihrem Mann Alejandro de Miquel Bleier in Dunedin, Neuseeland.
In Neuseeland untersuchen Sie die Genetik zweier dort heimischer Vogelarten. Können Sie erklären, was genau Sie machen und was das Ziel Ihrer Forschung ist? Um was für Vögel handelt es sich?

Lara Urban: Ich erforsche hier derzeit die beiden sehr bedrohten Vogelarten Kakapo und Takahe. Beides sind fluglose Vögel, die durch eingeführte Raubtiere und wegen der Zerstörung des Lebensraums auf wenige hundert Individuen reduziert wurden. Ich erforsche nun die DNA dieser Vögel, um die genetische Grundlage ihrer erhöhten Krankheitsanfälligkeit und reduzierten Fruchtbarkeit zu verstehen. Die statistischen Methoden, die ich hierbei anwende, sind sehr ähnlich zu dem, was ich während meines Doktors gelernt habe. Zum Beispiel habe ich durch genetische Studien herausgefunden, dass Cloacitis, eine Krankheit, die den Kakapo befällt, höchstwahrscheinlich durch Retroviren ausgelöst wird – eine Information, die wir nun für den Schutz der Art nutzen können. Wir haben nämlich beobachtet, dass diese spezielle Krankheit nur auf einer der mittlerweile fünf Inseln vorkommt. Wir könnten demnach die Vögel, die aus genetischer Sicht anfällig für Cloacitis sind, auf die Inseln bringen, auf denen bisher keine retrovirale Infektion aufgetreten ist. Zudem kann die Gesundheit von Individuen, die krankheitsanfällig sind, intensiver überwacht werden.

Gerade haben wir zudem eine Studie veröffentlicht, die zeigt, wie genetische Studien helfen können, die Qualität von Frischwasser wie Seen und Flüssen zu verstehen.

Neuseeland ist ja für viele, gerade naturverbundene Menschen, ein Traumziel. Auch für Sie? Was gefällt Ihnen dort besonders? Haben Sie überhaupt Zeit zur Erkundung, oder ersticken Sie in Arbeit?

Lara Urban: Ich arbeite tatsächlich einigermaßen viel – weil ich die Arbeit einfach sehr spannend finde, und auch, weil ich in Forschung zur Covid-19-Überwachung im Abwasser involviert bin. Ich nehme mir aber auch genug Zeit zum Erkunden und für Sport. Meine Hobbies sind Wandern, Laufen, Rudern und Tauchen. Ich wollte tatsächlich schon immer nach Neuseeland kommen, also hat es sehr gut gepasst, dass ich hier nun auch eine tolle Arbeit gefunden habe – und tatsächlich sind die wilde Natur, der entspannte Lebensstil und die menschenleeren Berge und Strände absolut faszinierend.

Lara Urban mit einem Kakapo, einer neuseeländischen Vogelart.
Foto: Dr. Andrew Digby, Kakapo Recovery Team | Lara Urban mit einem Kakapo, einer neuseeländischen Vogelart.
Das Coronavirus ist also auch im Abwasser zu finden? Welche Ansätze ergeben sich daraus für die Wissenschaft?

Lara Urban: Man kann das Coronavirus SARS-CoV-2 im Abwasser feststellen – wie viele andere Bakterien, Viren und Mikroorganismen. Es ist aber nicht bekannt, dass sich schon jemand über Abwasser angesteckt hätte. Für uns ist es interessant, da es eine parallele Möglichkeit bietet, die Ausbreitung von Covid-19 zu überwachen. Forschungen haben gezeigt, dass das SARS-CoV-2-Virus im Abwasser entdeckt werden kann, bevor Infektionen in der Population bekannt werden.

Wie ist eigentlich derzeit die Corona-Situation in Neuseeland?

Lara Urban: Neuseeland hat es dank eines harten Lockdowns im März und April 2020 geschafft, frei von Covid-19 zu bleiben. Wir haben hier also derzeit ein ganz normales Leben. Es gibt nur wenige Fälle, die aus dem Ausland eingeführt werden, aber diese werden in der Quarantäne an der Grenze abgefangen. Deshalb ist die Abwasser-Überwachung hier ein sehr effektives Werkzeug, um sicherzugehen, dass sich das Virus nicht unbemerkt ausbreitet.

Auch in vielen anderen Ländern sind Sie schon gewesen und haben dort gearbeitet. Sind Sie generell ein reiselustiger Mensch? Wo hat es Ihnen bisher am besten gefallen?

Lara Urban: Am besten gefällt mir am Reisen, neue Kulturen und Ökosysteme kennenzulernen. Das hat es mir erlaubt, die Welt ein bisschen besser zu verstehen, und keine Vorurteile zu entwickeln. Hier in Dunedin gefällt es mir, wie gesagt, derzeit sehr gut: Berge und Meer sind sehr nahe, und die Menschen sind wahnsinnig nett und hilfsbereit. In Malaysia hat mich vor allem die Unterwasserwelt begeistert, in Kanada die weite Wildnis und die Wale, die ich dort studiert habe, in Costa Rica die fantastische Biodiversität und in Cambridge die offene Forschungskultur.

Vermissen Sie auch manchmal das kleine Goßmannsdorf? Wie halten Sie Kontakt zu Ihrer Familie?

Lara Urban: Meine Oma ist die letzte aus der Familie, die noch ihren Hauptwohnsitz in Goßmannsdorf hat, und ich vermisse sie natürlich – und ein Glas Wein mit ihr auf der Terrasse zu genießen. Wir bleiben derzeit über Telefon und Internet in Kontakt. Im Moment ist es natürlich schwierig, zurück zu reisen, aber ich bin mir sicher dass wir dank des Impfstoffs entweder dieses oder nächstes Jahr wieder in Goßmannsdorf vorbeikommen können.

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