REICHENBERG

Reich an Zeichen

Von „abfallfreundlichen“ Heringen und Gurken bis hin zu einer versuchten Brandstiftung – Das Tor in die Vergangenheit Reichenbergs tat sich bei einer Führung durch die alte Hauptstraße nach Würzburg auf.
Ein sonniges Lächeln: Es ist ramponiert, doch noch immer zeugen die Details am Tor am Altschulzenhof in der Reutersgasse in Reichenberg, das vom Uengershäuser Andreas Hofmann errichtet wurde, von einstiger Eleganz und Kunstfertigkeit.
Foto: Wilma Wolf | Ein sonniges Lächeln: Es ist ramponiert, doch noch immer zeugen die Details am Tor am Altschulzenhof in der Reutersgasse in Reichenberg, das vom Uengershäuser Andreas Hofmann errichtet wurde, von einstiger Eleganz ...

Geschichtsträchtig und voller Geschichten ist in Reichenberg die alte Hauptstraße nach Würzburg. Auf Spurensuche begaben sich jüngst historisch interessierte Besucher mit Ulrich Rüthel, pensionierter Lehrer und Hobbyhistoriker.

Auf den ersten Blick wirkt sie nicht besonders einladend, die heutige Reutersgasse in Reichenberg. Doch wenn man sich auf sie einlässt, kann man in die über 1000-jährige Geschichte der Gemeinde abtauchen. Die beginnt im Jahr 800 nach Christus mit dem ersten Dorf Hattenhausen, das um den Friedhof herum gelegen war, erzählt Rüthel.

An der ehemaligen Wirtschaft „Zum Hirschen“ stoppt er. Alte Reichenberger kennen sie unter dem Namen „Stapf“, eine Kegelbahn und ein Biergarten gehörten dazu. Über die Grenzen Reichenbergs hinaus war sie bekannt, die Würzburger Studentenverbindung „Concordia“ gründete sich hier und schlug ihre Mensuren oberhalb des Guttenberger Waldes, weiß Rüthel.

„Die Wirtshauskultur war früher viel ausgeprägter als heute, Fernseher, Computer und Video sind die Killer der Wirtschaftskultur“, meint er. Ganze fünf Wirtshäuser hat es damals in Reichenberg gegeben, und „alle waren rappelvoll, weil die Leute nach einem schweren Arbeitstag froh waren, mal von zu Hause weg zu kommen“.

Aber nicht nur zahlreiche Gasthäuser, sondern auch eine Brauerei und eine Mälzerei hatte Reichenberg aufzuweisen. Von der ehemaligen Brauerei Dietrich ist heute nur noch der freie Platz hinter dem „Schwarzen Adler“ und ein kleines Wirtschaftsgebäude zu sehen. Die Brauerei schloss bereits nach dem Ersten Weltkrieg ihre Pforten, die Mälzerei 1996.

Der älteste Teil der Malzfabrik wurde im Jahr 1886 in Bruchsteinweise als Brauerei-Gaststätte erbaut. Ab 1920 wurde hier allerdings nur noch Gerste zu Malz verarbeitet, 1972 kam dann Werk 1 und 2 dazu. In den 90er Jahren hätte wieder erweitert werden müssen, doch es war kein Platz mehr da, und so wurde die Mälzerei geschlossen.

Sehr lange gehörte die Mälzerei einem Herrn Ruckdeschel und einem Herrn Kroll, der nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft bei einem Unfall in Würzburg ums Leben kam. Die unter dem Hof befindlichen riesigen Keller wurden im zweiten Weltkrieg als Luftschutzkeller genutzt.

„Da erwachte in manchen Reichenbergern die Habgier.“
Ulrich Rüthel Hobbyhistoriker

Vorbei geht es am ehemaligen Kolonialwarenladen, wo es „abfallfreundlich“ Heringe und Gurken aus einem großen Bottich gab, und dem Altschulzenhof mit dem einst kunstvollen und noch heute schönen Tor, das vom Uengershäuser Andreas Hofmann errichtet wurde. „Ein Schulz war mehr als ein Bürgermeister“, erklärt der Hobbyhistoriker.

Weiter zum ersten von fünf Urbauernhöfen von Hattenhausen-Reichenberg, aus denen alle heutigen Höfe entstanden sind. Im 30-jährigen Krieg kaufte ihn die Familie von Wolfskeel und errichtete dort eine Försterei. Ende der 1930er Jahre wurde das Gebäude an den Frankfurter Zahnarzt Dr. Feidel verkauft, der „ein 180-prozentiger Nazi war und die Juden ohne Ende traktierte“, sagt Rüthel.

Auch einen Blick auf das jüdische Ritualbad, die Mikwe (fränkisch Tauch), erhaschen die Gäste. Darin mussten sich die Frauen einmal im Monat im eiskalten Wasser reinwaschen. „Zwei Züge und dann war man seine Sünden los“, erzählt Rüthel. Es heißt, die Wände seien heute noch feucht.

Vieles weiß Rüthel über die Geschichte, auch Unbequemes. Schließlich soll sich der Denkmaltag damit auseinandersetzen. So waren um 1820 30 Prozent der Dorfbevölkerung Juden, bis zur Nazi-Zeit nahmen sie auf zehn Prozent ab. Dann kamen die Deportationen, die in mehreren Abschnitten erfolgten.

Viele Juden zogen aber auch aus Angst weg. „Dann war mal ein Haus übrig, mal ein Acker. Da erwachte in manchen Reichenbergern die Habgier“, meint Rüthel. Die allerletzten Juden wurden bis zum letzten Abtransport in den sogenannten Roten Bau (heutige VR-Bank) „reingepfercht“. Das sei ihr Getto gewesen.

Zentraler Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde war die Synagoge am Schindersberg, die 1797 im ägyptischen Baustil nach einer Verfügung des bayerischen Königs Max erbaut wurde. Die Inneneinrichtung bestand aus Frauenempore, Thoraschrein und Lesepulten. Gottesdienst sei immer zu Beginn des Sabbat gewesen, also freitags um 18 Uhr.

Am 24. November 1939 stürmte die SA Heidingsfeld die Synagoge. Zerstört wurde sie aber nicht, betont Rüthel. Auch eine versuchte Brandstiftung 1942 konnte vereitelt werden. 1950 kaufte die katholische Kirche das Gebäude für ihre aufblühende Gemeinde in Reichenberg und residierte dort bis 1972.

Zweite Bürgermeisterin Judith Tewes wurde hier getauft. Vor allem an die Fronleichnamsprozessionen erinnert sie sich noch lebhaft. „Die gingen nur durch den eigenen Hausgarten der Kirche, weil man die protestantische Bevölkerung nicht unnötig reizen wollte“, schmunzelt sie. Heute ist die ehemalige Synagoge ein schmuckes Wohnhaus, das nicht besichtigt werden kann.

Überragend: Der Turm der alten Malzfabrik.
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Historisch: Vom Bauern Fuchs hat die Gasse ihren Namen.
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Verziert: Der Giebel des ehemaligen Heunisch-Hauses in der Fuchsengasse in Reichenberg.
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