Würzburg

Tabuthema Abtreibung: Warum in Unterfranken Ärztinnen und Ärzte fehlen

Frauen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden haben, müssen oft lange Wege in Kauf nehmen. Warum die Versorgungslage in der Region alles andere als gut ist.
Zwei Striche: schwanger. Und jetzt? Verunsicherte Frauen finden Hilfe bei den Schwangerschaftsberatungsstellen in der Region. 
Foto: SymbolMascha Brichta, dpa | Zwei Striche: schwanger. Und jetzt? Verunsicherte Frauen finden Hilfe bei den Schwangerschaftsberatungsstellen in der Region. 

Schwangerschaftsabbrüche sind auch im Jahr 2021 ein Tabuthema – für die betroffenen Frauen wie für die Ärztinnen und Ärzte, die sie durchführen. Offen darüber gesprochen wird selten, auch wegen der umstrittenen Paragrafen, die den Abbruch regeln, und der damit verbundenen unsicheren Rechtslage. Die Folge ist, dass immer weniger Medizinerinnen und Mediziner Abtreibungen durchführen. Betrifft das auch die Region?

"Die Versorgungslage in Unterfranken ist nicht gut", sagt Beate Schlett-Mewis von der Schwangerschaftsberatungsstelle von Pro Familia Würzburg. Lediglich eine Handvoll Ärzte in Unterfranken würden überhaupt Abbrüche durchführen. "Die Frauen müssen oft längere Wege zur Klinik oder Praxis auf sich nehmen und sogar bis nach Nürnberg oder nach Hessen fahren", sagt Schlett-Mewis. Viele dieser Frauen seien nicht mobil, hätten oft kleine Kinder. Noch dazu kämen längere Wartezeiten, das sei eine zusätzliche psychische Belastung.

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Zudem sei es schwierig zu erfahren, wer überhaupt einen Abbruch durchführt - denn Ärztinnen und Ärzte dürfen nicht damit "werben". Seit einer Gesetzesreform der Großen Koalition vor zwei Jahren dürfen sie zumindest öffentlich darüber informieren, dass sie Abtreibungen durchführen. Weitere Informationen dazu, wie zum Beispiel die Art der durchgeführten Abbrüche, bleiben aber verboten.

Steuert die Region auf eine Unterversorgung zu?

Insgesamt ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland seit einigen Jahren rückläufig. "Dazu hat vermutlich beigetragen, dass die 'Pille danach' rezeptfrei in den Apotheken erhältlich ist", sagt Schlett-Mewis. Mit rund 100 000 gemeldeten Fällen im Jahr 2020 ist die Zahl der Abtreibungen leicht gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen (-0,9 Prozent), das teilte das Statistische Bundesamt mit. Im Vergleich zum Jahr 2010 (110 431 Eingriffe) ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche sogar um knapp 10 500 Fälle gesunken. In Bayern wurden in den letzten Jahren hingegen mehr Abtreibungen gemeldet: Für das Jahr 2020 hat das Statistische Bundesamt 12 487 solcher Eingriffe erfasst. Im Jahr 2016 waren es noch 11 291. Für Unterfranken werden dort keine Zahlen erfasst.

Die meisten Schwangerschaftsabbrüche (52 Prozent) wurden 2020 mit der Absaugmethode durchgeführt, bei 31 Prozent erfolgte eine medikamentöse Abtreibung mit der Pille Mifegyne. Die meisten Medizinerinnen und Mediziner in Unterfranken bieten den medikamentösen Abbruch an. Nur ein Arzt führt in der Region Abtreibungen mit der Absaugmethode durch. Er geht demnächst in Rente, bislang fehlt ihm jedoch ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin. Dadurch würde sich die Versorgungslage in der Region weiter verschlechtern, so Anette Kern-Besold, Leiterin der Schwangerschaftsberatungsstelle des Diakonischen Werks in Schweinfurt.

"Wenn sich für den Kollegen keine Nachfolge findet, steuern wir auf eine Unterversorgung zu", sagt auch Dr. Stefan Heuer, Bezirksvorsitzender im Berufsverband der Frauenärzte in Unterfranken. "Es ist zu befürchten, dass weite Wege für die Frauen entstehen." Daher seien die Frauenärzte bereits mit der Stadt Würzburg und der Frauenklinik im Gespräch und arbeiteten an einer Lösung. Das Problem: "Nur drei oder vier Frauenärzte in Würzburg führen überhaupt ambulante Operationen durch", so Heuer. Nur diese hätten Platz für die nötige Ausstattung, wie einen entsprechend ausgestatteten OP-Raum, ein Narkose-Team und einen Aufwachraum. Zudem müsse der Arzt oder die Ärztin 48 Stunden nach dem Eingriff erreichbar sein, falls es Komplikationen gibt. 

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Auch der medikamentöse Eingriff sei zeitaufwendig, so der Bezirksvorsitzende der Frauenärzte. Die Patientin müsse mindestens zweimal kommen und mehrere Stunden betreut werden. Hinzu komme das Risiko einer starken Nachblutung. Sehr viel Verantwortung, die den Job für jüngere Kolleginnen und Kollegen wenig attraktiv mache. Noch dazu komme die Rechtslage. "Niemand führt diese Eingriffe wirklich gerne durch", sagt Heuer. Trotzdem sei in der Ärzteschaft in der Region die Bereitschaft da, Frauen in der Not zu helfen. Denn: Sichere Schwangerschaftsabbrüche sind für ungewollt Schwangere lebenswichtig.

In Deutschland ist der Weg bis zum Schwangerschaftsabbruch oft schwer

Schwangerschaftsabbrüche führt auch die Frauenklinik der Uniklinik in Würzburg durch, insbesondere bei medizinischen Indikationen, erklärt Klinikdirektor Prof. Dr. Achim Wöckel. Auch er sieht Unterfranken auf einen Versorgungsengpass zusteuern. "Insgesamt muss sich die Region besser aufstellen. Auch wir als Frauenklinik haben hier einen  Versorgungsauftrag", so Wöckel. 

"Die Versorgungslage ist alles andere als gut!" 
Anette Kern-Besold, Leiterin der Schwangerschaftsberatungsstelle in Schweinfurt

Pro Familia hat 2020 in den Beratungsstellen in Würzburg, Schweinfurt und Aschaffenburg 702 Schwangerschaftskonfliktberatungen durchgeführt. Einige Frauen kämen auch mehr als einmal zur Beratung, so Schlett-Mewis. Ob all diese Frauen sich letztendlich für eine Abtreibung entschieden oder aber das Kind behalten haben, dazu bekommen die Beraterinnen und Berater keine Rückmeldung.

Teenager-Schwangerschaften sind eher selten

Sieben von zehn Frauen, die 2020 in Deutschland einen Schwangerschaftsabbruch durchführen ließen, waren zwischen 18 und 34 Jahren alt und rund 19 Prozent waren im Alter zwischen 35 und 39 Jahren. Rund acht Prozent der Frauen waren 40 Jahre und älter, drei Prozent waren jünger als 18 Jahre. Rund 41 Prozent der Frauen hatten vor dem Schwangerschaftsabbruch noch kein Kind zur Welt gebracht, so das Statistische Bundesamt. "Teenager-Schwangerschaften sind eher selten", sagt Barbara Biemer von Pro Familia in Würzburg. "Die meisten jungen Menschen verhüten sehr vernünftig", ist ihr Eindruck.

Zwischen 200 und 500 Euro kostet ein Schwangerschaftsabbruch. Die Kosten müssen die Frauen nach wie vor meist aus eigener Tasche bezahlen. Jedoch übernehmen die Krankenkassen nach Vergewaltigungen oder bei einer medizinischen Indikation sowie bei niedrigem oder geringem Einkommen die Kosten.

Immer mehr Männer nehmen an Konfliktberatung teil

Die Gründe für einen Abbruch seien vielfältig: Bei vielen Frauen sei die Familienplanung bereits abgeschlossen, manche nennen Gründe wie Überforderung oder Zukunftsängste oder geben an, dass ihre Beziehung zerrüttet sei. Es kämen meist verschiedene Gründe zusammen, wenn eine Frau einen Abbruch in Erwägung zieht. "Die Frauen sind immer betroffen von der Situation und suchen nach Lösungen", sagt Anette Kern-Besold vom Diakonischen Werk in Schweinfurt. 

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Laut gesetzlicher Vorgabe dient die Schwangerschaftskonfliktberatung dem Schutz des ungeborenen Lebens. Klar sei aber auch: "Man kann das Kind nicht gegen die Frau, sondern nur mit der Frau schützen", sagt Kern-Besold. Immerhin kämen mittlerweile auch viele Männer zur Konfliktberatung mit. Die meisten Frauen würden das Gespräch mit einer unabhängigen Person als angenehm empfinden. Einige sagen: "Freiwillig wäre ich nicht gekommen. Aber jetzt bin ich froh, dass ich mit jemandem sprechen konnte."

Überall in Deutschland ist der Weg bis zum Schwangerschaftsabbruch oft schwer. Immer weniger Ärztinnen und Ärzte in Deutschland führen Abtreibungen durch. Betroffene Frauen können hier anonym ihre Erfahrungen teilen: correctiv.org/dein-abbruch. Bislang haben sich bundesweit bereits 800 Frauen gemeldet. Zusammen mit Correctiv.Lokal, einem Zusammenschluss von Journalistinnen und Journalisten aus ganz Deutschland, recherchiert die Main-Post zu diesem Thema. Correktiv.Lokal stößt Recherchen in Themenfeldern an, die eine nationale Bedeutung haben und gleichzeitig vor Ort für die Bürgerinnen und Bürger relevant sind. 

Schwangerschaftsabbrüche: Die rechtliche Lage

Ein Schwangerschaftsabbruch ist in der Bundesrepublik nach Paragraph 218 Strafgesetzbuch (StGB) grundsätzlich rechtswidrig. Er bleibt aber auf Grundlage der sogenannten Beratungsregelung unter bestimmten Bedingungen straffrei.
So muss die Schwangere den Abbruch wollen und eine gesetzlich vorgeschriebene Schwangerschaftskonfliktberatung wahrgenommen haben. Außerdem ist ein Schwangerschaftsabbruch aufgrund einer medizinischen oder einer kriminologischen Indikation möglich. Das heißt: besteht eine erhebliche Gefahr für das Leben oder die körperliche und/ oder seelische Gesundheit der Frau, oder wurde die Frau Opfer eines Sexualdeliktes, dann ist ein Schwangerschaftsabbruch nicht rechtswidrig.
Quelle: STGB, clk
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