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Werden Geflüchtete als Fachkräfte immer wichtiger?

Rahmatullah Mobariz, 26 Jahre alt, aus Afghanistan, darf jetzt seine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker beim Autohaus Vossik, Gelder & Sorg in Schweinfurt beginnen.
Foto: Angelika Kleinhenz | Rahmatullah Mobariz, 26 Jahre alt, aus Afghanistan, darf jetzt seine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker beim Autohaus Vossik, Gelder & Sorg in Schweinfurt beginnen.

Der Trend zeigt aufwärts: Zum 1. September 2018 registrierte die IHK Würzburg-Schweinfurt 3501 neue Ausbildungsverträge, das sind vier Prozent mehr als im Jahr zuvor. Doch noch immer können zum Ausbildungsstart 2018 bayernweit mehrere tausend Ausbildungsplätze nicht besetzt werden.

„Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist eine große Herausforderung für die mainfränkischen Betriebe. Fachkräfte- und Nachwuchsmangel sind zentrale Konjunkturrisiken“, sagt Max-Martin Deinhard, stellvertretender IHK-Hauptgeschäftsführer.

Unterfranken: 1000 Lehrstellen im Handwerk unbesetzt

In der IHK-Lehrstellenbörse in Mainfranken sind rund 280 Lehrstellen unbesetzt. Noch verheerender sieht es im Handwerk aus. Zum 1. September starteten 2376 neue Lehrlinge einen Handwerksberuf. Doch noch immer sind 1000 Stellen in Unterfranken unbesetzt – „in allen Sparten, egal ob Bäcker, Metzger oder Kfz-Mechatroniker“, sagt Daniel Röper, Pressesprecher der Handwerkskammer Unterfranken. Eine Lösung scheint da, verstärkt auf Flüchtlinge zurückzugreifen.

„Geflüchteten als Fachkräften eine Chance geben“ hieß deshalb das Motto des ersten Würzburger Integrationskongress in der Franz-Oberthür-Schule, an dem 100 Vertreter aus Politik, Wirtschaft und kirchlichen Institutionen teilnahmen. „Wir reden nicht von einer Handvoll junger Menschen, die gerne eine Arbeit in Deutschland hätten und von einer Handvoll Ehrenamtlicher, die sie dabei unterstützen“, sagte eine der Organisatorinnen, Judith Aßländer. 2016 seien in Deutschland 10 300 Ausbildungsstellen von Geflüchteten angenommen worden. Trotzdem blieben 45.000 Stellen unbesetzt. Aßländer ist Vorsitzende des Vereins „Freundeskreis für Flüchtlinge in Unterfranken“.

Familiäre Handwerksbetriebe erleichtern die Integration

Die Handwerkskammer Unterfranken versucht mit Willkommenslotsen, Betriebe und geeignete Bewerber mit Fluchthintergrund zusammen zu bringen. Mit Erfolg: Zum 1. September haben in Mainfranken 179 junge Menschen aus Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien eine handwerkliche Ausbildung begonnen. 2017 waren es 132. Da der hiesige durchschnittliche Handwerksbetrieb mit fünf Angestellten recht familiär aufgestellt sei, funktioniere Integration gerade hier besonders gut, so Daniel Röper.

Auch Max-Martin Deinhard von der IHK ist überzeugt: „Wenn es uns gelingt, die fachlichen und sprachlichen Kompetenzen der Flüchtlinge zügig zu verbessern, können viele Betriebe und Branchen, die händeringend Fachkräfte suchen, langfristig profitieren.“ 95 Geflüchtete haben zum 1. September bei der IHK Würzburg-Schweinfurt eine Ausbildung begonnen. Insgesamt haben derzeit 205 von 9675 IHK-Azubis einen Fluchthintergrund.

Hürden: Sprache, Qualifikation und unsichere Bleibeperspektive

Doch jenseits von Sprache und Qualifikation ist es für Betriebe nicht immer leicht, Geflüchteten eine Chance zu geben. Dies zeigt der Fall des Autohauses Vossiek, Gelder & Sorg in Schweinfurt. Weil die Ausbildung in der Industrie besser bezahlt ist, fand der Mittelständler keinen Lehrling. Daraufhin vermittelte die ehrenamtliche Helferin Renate May den 26-jährigen Afghanen Rahmatullah Mobariz als Praktikanten.

Ein Jahr lang arbeitete der junge Mann fleißig, war Klassenbester in der Berufsschule und beliebt bei Chef und Kollegen. Serviceleiter Mario Schäfer wollte ihn unbedingt halten und bot ihm Ende 2017 eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker an. Doch es folgten zermürbende Monate des Wartens und ein Papierkrieg mit Behörden. Denn Mobariz's Asylantrag wurde in erster Instanz abgelehnt und war in zweiter Instanz noch nicht entschieden. Ihm drohte die Abschiebung.

Abschiebung statt Ausbildung?

Die Zentrale Ausländerbehörde verbot die Ausbildung „aus erheblichem öffentlichem Interesse“. Der 26-Jährige, sein Chef sowie Ehrenamtliche setzten alle Hebel in Bewegung und besorgten fehlende Dokumente bis hin zur behördlich geforderten Original-Tazkira (Geburtsurkunde) aus Afghanistan, mit der die Identität des jungen Mannes zweifelsfrei geklärt werden sollte.

Jetzt, ein Jahr später, darf Rahmatullah Mobariz seine Ausbildung beginnen. Mario Schäfer ist erleichtert, der junge Mann überglücklich. Staatssekretär Gerhard Eck (CSU) sagt zu dem Fall: „Bei der Frage, ob ein Asylbewerber noch vor seiner Ablehnung oder Anerkennung in Deutschland eine Ausbildung beginnen darf, spielt es eine Rolle, ob sein Asylantrag Erfolgschancen hat. In Grenzfällen gilt es, besonders genau hinzuschauen. Hier dürfen Maß und Mitte und die Umstände im Einzelfall nicht aus dem Blick geraten.“

Bei einem Integrationskongress in der Würzburger Franz-Oberthür-Schule ging es um die Chancen, Geflüchtete als Fachkräfte in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Foto: Dita Vollmond | Bei einem Integrationskongress in der Würzburger Franz-Oberthür-Schule ging es um die Chancen, Geflüchtete als Fachkräfte in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Zu dem Würzburger Integrationskongress in der Franz-Oberthür-Schule waren 100 Vertreter aus Politik, Wirtschaft und kirchlichen Institutionen gekommen.
Foto: Dita Vollmond | Zu dem Würzburger Integrationskongress in der Franz-Oberthür-Schule waren 100 Vertreter aus Politik, Wirtschaft und kirchlichen Institutionen gekommen.
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