Haßfurt

Warum die Schiedsrichter die Pfeife mit der Maus tauschen

Ob Handball, Fußball und Eishockey: Mit Online-Seminaren halten sich die Schiedsrichter in Regelfragen fit. Die Handballer betreten dabei durchaus Neuland.
Der Regeltest für Handball-Schiedsrichter wird online abgehalten. Wolfgang Benzinger, Handball-Bezirksschiedsrichterwart in Unterfranken, hat das Konzept mit entworfen.
Foto: Matthias Lewin | Der Regeltest für Handball-Schiedsrichter wird online abgehalten. Wolfgang Benzinger, Handball-Bezirksschiedsrichterwart in Unterfranken, hat das Konzept mit entworfen.

"Schiedsrichter, Telefon!" hieß es früher oft vom Spielfeldrand. "Schiedsrichter, Internet!" heißt es aktuell. Denn, auch wenn Pfeife, Gelbe und Rote Karten derzeit in den Schubladen auf ihre Wiederbelebung warten, die Schiedsrichter bleiben aktiv, zumindest theoretisch. "Online-Schulungen" nennt sich das Zauberwort, mit dem die Unparteiischen in den verschiedensten Sportarten fit gehalten werden sollen, damit sie, wenn sich der Sport aus dem Corona-Käfig befreit hat, noch wissen, was Abseits ist oder wann ein Spieler oder eine Spielerin zu bestrafen ist.

"Wie können wir unsere Schiedsrichter bei Laune halten?" Eine Frage, die sich der Bayerische Handball-Verband (BHV) schon im Frühjahr stellte, als Corona den Sportbetrieb vor ein Stopp-Schild stellte. Wolfgang Benzinger, Bezirksschiedsrichterwart für Unterfranken aus Westheim im Landkreis Haßberge, hatte die Antwort: Sämtliche Lehrgänge, Aus- und Fortbildungen sollen online durchgeführt werden. Der EDV-Fachmann fand im Verband Gehör - und in drei Monaten wurde ein entsprechendes Angebot aus dem Boden gestampft. Drei Monate, in denen die Schiedsrichter quasi arbeitslos waren, Handball lediglich im Fernsehen verfolgen konnten.

"Da gibt es einen, von dem wir nie gedacht hätten, dass er mitmacht. Und dann war er einer der Ersten."
Wolfgang Benzinger, Handball-Bezirksschiedsrichterwart

Quasi als "Einstimmung auf die neue Zeit" haben die bayerischen Schiedsrichter einen "Online-Regeltest" installiert. Statt in einer Sporthalle wird der Wissensstand um die Handballregeln damit vom heimischen Sofa aus überprüft. "Aus 400 Fragen, die der Deutsche Handball-Bund formuliert hat, wählt das Programm zufällig 30 Fragen aus, für die haben die Teilnehmer 45 Minuten Zeit", erklärt Benzinger, selbst ehemaliger Zweitliga-Schiedsrichter, mittlerweile aber "nur" noch auf Bezirksebene für den TV Königsberg im Einsatz. Der Test lief vom 27. Dezember bis zum 7. Januar , bisweilen haben knapp 300 Schiedsrichter teilgenommen.

Für Benzinger allerdings noch zu wenig. "Wie kriegen wir die Schiedsrichter dazu, sich vor den Rechner zu setzen?", fragt er. Zumal in Unterfranken nur etwa 50 Prozent der 122 aktiven Schiedsrichter an dieser Schulung teilgenommen haben – für ihn dennoch "sensationell", auch wenn er sich noch mehr wünscht. "Die Online-Schulungen bieten doch fast nur Vorteile, vor allem eine Menge Zeitersparnis", ist der Rentner überzeugt, trotz anfänglicher Vorbehalte im Verband das richtige Mittel gefunden zu haben, um seine Schiedsrichterkollegen in Regelfragen "fit" zu halten. "Das ist die einfachste und billigste Art der Fortbildung. Ich bin begeistert davon, das bringt uns nach vorne. Und wir können uns locker die Hälfte der Präsenzlehrgänge sparen", betont der gebürtige Schwabe.

Ganz so schnell wie die hier angezeigten zwei Minuten laufen die Online-Seminare beim BHV natürlich nicht ab. Wolfgang Benzinger jedoch schwört auf dieses Verfahren.
Foto: Silvia Gralla | Ganz so schnell wie die hier angezeigten zwei Minuten laufen die Online-Seminare beim BHV natürlich nicht ab. Wolfgang Benzinger jedoch schwört auf dieses Verfahren.

Benzinger, selbst seit 49 Jahren als Schiedsrichter und zuletzt 15 Jahre als Bezirksschiedsrichterlehrwart aktiv, hat genügend Erfahrung in der Ausbildung. Er ist nun auch Mitglied in der "E-Learning-Gruppe", die im Sommer gegründet wurde, um Ersatz für die gestrichenen Präsenz-Versammlungen zu schaffen. In dieser Gruppe sind vor allem jüngere Schiedsrichter aktiv, der 65-jährige Benzinger ist da als "graue Eminenz" in beratender Funktion tätig.

Nach dem Regeltest wird es weitere Online-Seminare geben, die jeweils einen bestimmten Aspekt des Handball-Sports beleuchten. Als Nächstes steht das Thema "Fuß" an. Weitere Themen wollen die Funktionäre dann auch aus Ergebnissen des Regeltests generieren, sollten größere Schwächen bei bestimmten Fragen festgestellt werden. Vom BHV wird zudem ein Online-Seminar für die Zeitnehmer angeboten. "Das ist sensationell angenommen worden, da waren rund 1700 Teilnehmer dabei." Zudem gibt es vom Deutsche Handball-Bund Video-Tests für Schiedsrichter, in denen Spielszenen bewertet und beurteilt werden können. Das alles ist bei den Handballern aber Neuland und wohl auch einem Generationswechsel im Verband geschuldet. "Bis vor kurzem hatte der Verband die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt", glaubt Benzinger.

Teilnahme ist keine Pflicht

Überrascht zeigt sich der Westheimer von seinen älteren Kollegen - die waren beim Regeltest im Internet stark vertreten. "Da gibt es einen, von dem wir nie gedacht hätten, dass er mitmacht. Und dann war er einer der Ersten", freut sich Benzinger. 

Die Schulungen sind allerdings keine Pflicht. "Wir haben das zwar schon als verpflichtend kommuniziert, sollte dennoch ein Schiedsrichter nicht mitmachen, gibt es aktuell keine Konsequenzen", hofft Benzinger auf steigende Teilnehmerzahlen. Zumal in Unterfranken niemand glaubt, dass die unterbrochene Saison in den unteren Ligen wieder aufgenommen wird. Die Online-Seminare werden demnach zumindest auf absehbare Zeit das einzige Mittel bleiben, das Schiedsrichter-Dasein auszuüben.

15 000 Fußball-Schiedsrichter in 400 Online-Schulungen

Walter Moritz ist Verbandslehrwart beim Bayerischen Fußball-Verband (BFV) und damit oberster Ausbilder für die Fußball-Schiedsrichter im Freistaat. Der Haßfurter ist zwar in erster Linie für die Verbandsebene, also die höherklassigen Schiedsrichter, zuständig, die auch von ihm zusammengestellten Online-Schulungen sind aber für alle Schiedsrichter, egal welcher Leistungsklasse oder welchen Alters, geeignet.

Statt mit Gelben und Roten Karten hantieren die Schiedsrichter, wie hier Davina Haupt in der Bezirksliga-Partie zwischen Dampfach und Bad Kissingen,  zur Zeit eher mit der Maus. 
Foto: René Ruprecht | Statt mit Gelben und Roten Karten hantieren die Schiedsrichter, wie hier Davina Haupt in der Bezirksliga-Partie zwischen Dampfach und Bad Kissingen,  zur Zeit eher mit der Maus. 

"Wir haben etwa 15 000 Schiedsrichter in knapp 400 Schulungen erreicht", ist Moritz sicher, dass die Online-Ausbildung ihre Früchte tragen wird. Überrascht zeigt er sich, dass auch viele "ältere Kameraden" den Weg vor den Bildschirm gefunden haben. "Auch die knien sich richtig rein", konnte er in den letzten Monaten beobachten. Ebenso wie einen – wenn man das überhaupt sagen darf – positiven Corona-Aspekt: "Die Angst vor den Neuen Medien scheint verschwunden zu sein. Ich hätte das in der Dimension nie gedacht, bin positiv überrascht. Die älteren Kameraden haben die Online-Medien kennengelernt und gesehen, dass das alles kein Hexenwerk ist."

"Die älteren Kameraden haben die Online-Medien kennengelernt und gesehen, dass das alles kein Hexenwerk ist."
Walter Moritz, Verbandslehrwart beim BFV

Eine Erfahrung, die Christian Wetz so nicht bestätigen kann. Der Obmann der Haßberg-Schiris hat in den Online-Seminaren in seiner Gruppe eher jüngere Kundschaft. "Während viele ältere Schiedsrichter bei den Versammlungen fehlen, kommen jüngere, die sonst aus den verschiedensten Gründen nicht dabei sind, hinzu", hat Wetz beobachtet. Viele ältere Schiedsrichter kämen mit dem Internet nicht so zurecht oder hätten einfach keine Lust, sich dafür vor den Bildschirm zu setzen. "Da fehlen regelmäßig schon so 15 bis 20 ältere Kameraden", schätzt der Obmann.

Neulingslehrgang wird wohl abgesagt

"Immerhin haben wir aber gesehen, welch andere Möglichkeiten wir haben. Die Online-Seminare sparen eine Menge Zeit. Die Fahrt nach Haßfurt, wo die monatlichen Versammlungen in normalen Zeiten in der FC-Gaststätte stattfinden, fällt weg. Ich muss den Rechner erst fünf Minuten vor Beginn hochfahren", kann Wetz dieser "speziellen Zeit" durchaus auch etwas Positives abgewinnen. Dennoch vermisst er natürlich das Zusammentreffen mit der Gruppe wie auch die Diskussionen, die online nicht so intensiv geführt würden.

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Streichen musste er zumindest keine einzige der vorgesehenen Sitzungen, die – wie auch zu Präsenz-Zeiten – immer von 50 bis 60 Teilnehmern besucht worden seien. Auch die monatlichen Förderlehrgänge für den Nachwuchs werden online abgehalten, lediglich den für den 22. Januar geplanten Neulingslehrgang müsse er wohl trotz massiver Werbung absagen. "Da haben wir noch keine einzige Anmeldung", glaubt Wetz, dass der ungewisse Re-Start auf den Fußballplätzen etwaige Interessenten von einer Schiedsrichter-Karriere abhält. "Das ist wie bei den Spielern auch. Da wird sich jetzt wohl kaum jemand bei einem Verein melden, um als Neuling Fußball zu spielen."

Video-Schulungen in der Schiedsrichtergruppe Haßberge: Für Obmann Christian Wetz (links oben) und seine Mitstreiter ein adäquates Mittel.
Foto: Screenshot Christian Wetz | Video-Schulungen in der Schiedsrichtergruppe Haßberge: Für Obmann Christian Wetz (links oben) und seine Mitstreiter ein adäquates Mittel.

Klar sei aber: "Wir müssen unsere Schiedsrichter auf dem Laufenden halten, damit sie, wenn es wieder losgeht, nicht ins kalte Wasser fallen." So werden die Schiedsrichter ihre Online-Schulungen auch weiterhin nutzen, um sich in der Theorie fit zu halten. "Für die körperliche Fitness hingegen ist jeder Einzelne selbst verantwortlich." Seine Schiedsrichter-Tasche ist jedenfalls gepackt, Christian Wetz könnte schon morgen wieder auf den Platz.

Knifflige Szenen auf dem Eis

Schon seit 2014 ist Philipp Graf für den ERV Schweinfurt als Schiedsrichter auf dem Eis unterwegs. Der 21-Jährige ist als Linienrichter in der Bayernliga und als Schiedsrichter in der Landesliga aktiv – wenn denn gespielt wird. Aktuell hält sich Graf wie seine Kollegen online fit, der Bayerische Eissport-Verband (BEV) bietet über das Internet Regeltests an – das allerdings nicht erst seit Pandemie-Beginn, sondern bereits seit knapp vier Jahren. Diese Online-Schulungen sollen ein Ersatz für die normalerweise zweimal pro Jahr stattfindenden Präsenz-Lehrgänge sein. "Dabei werden in erster Linie knifflige Szenen dargestellt, also Dinge, die nicht unbedingt alltäglich sind", weiß Graf, der schon mit 16 Jahren zur Pfeife gegriffen hat.

Diese Regeltests enthalten – wie beim Handball – 30 Fragen, die das Programm aus 450 Fragen per Zufall auswählt und die von den aktuell 207 bayernweit aktiven Schiedsrichtern der Nicht-Profi-Ligen in 90 Minuten zu beantworten sind, erklärt Schiedsrichter-Obmann Werner Haas. Profi-Schiedsrichter hätten dafür lediglich 15 Minuten Zeit. Grundsätzlich ist Haas aber ein Freund von Präsenz-Lehrgängen, "weil dort Diskussionen über Regelauslegungen erfolgen, die per Online-Schalte schlichtweg nicht möglich sind". Aus diesem Grund sieht er die Internet-Variante mehr als Ergänzung, gibt aber zu, dass die Online-Tests effizienter seien.

Auch für Eishockey-Schiedsrichter geht es derzeit nicht aufs Eis wie hier in der Partie zwischen Schweinfurt und Klostersee, dafür vor den Bildschirm. 
Foto: Marion Wetterich | Auch für Eishockey-Schiedsrichter geht es derzeit nicht aufs Eis wie hier in der Partie zwischen Schweinfurt und Klostersee, dafür vor den Bildschirm. 
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