Schweinfurt

Stephan Schröck: "So stelle ich mir ein Gefängnis vor."

Der Profifußballer über Abenteuer und Erfolge auf den Philippinen, die Corona-Krise, ein Leben in der Blase, die Rückkehr nach Schweinfurt - und eine Zukunft als Nationaltrainer.
'Ich bin wahrscheinlich der einzige Fußballer, der nicht tischkickern kann': Stephan Schröck wagt sich dennoch an den Kicker in der Sportredaktion
Foto: Michael Bauer | "Ich bin wahrscheinlich der einzige Fußballer, der nicht tischkickern kann": Stephan Schröck wagt sich dennoch an den Kicker in der Sportredaktion

Er besitzt die deutsche und die philippinische Staatsbürgerschaft: In der Heimat seiner Mutter ist der gebürtige Schweinfurter Stephan Schröck als Fußballer so etwas wie ein Nationalheld. In Deutschland hatte er über elf Jahre bei der SpVgg Greuther Fürth sowie je eine Saison bei der TSG Hoffenheim und Eintracht Frankfurt gespielt. 

Seit fünf Jahren kickt er auf den Philippinen, zunächst beim Ceres La Salle FC, dann beim FC Ceres-Negros, mit dem er 2018 bis 2020 dreimal Landesmeister wurde. Seit vergangenen Sommer heißt der Verein nach einer coronabedingten Insolvenz und dem Einstieg eines neuen Investors United City. Neben 16 Einsätzen für deutsche Junioren-Auswahlen stand Defensivspieler Schröck seit 2011 auch 37 Mal für die philippinische Nationalmannschaft auf dem Platz - und war in dem Inselstaat mehrfach Fußballer des Jahres. Im exklusiven Interview mit dieser Redaktion spricht der 34-Jährige über "sein" Corona-Jahr.

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Fast ein Jahr Corona-Krise. Wie hat sich das für Sie als Fußballer auf dem asiatischen Kontinent ausgewirkt?

Stephan Schröck: Der asiatische Sportkalender ist ein bisschen anders. Für uns ist es im Januar mit der Champions-League-Qualifikation losgegangen. Da sind wir zwei Runden weitergekommen und dann in den AFC-Cup, das Pendant zur Europa League, "abgestiegen". Da konnten wir noch die Vorrunde der Gruppenphase spielen, standen ungeschlagen vor dem Einzug in die K.o.-Runde - und dann kam Corona.

In Deutschland hatte Stephan Schröck seine beste Zeit bei der SpVgg Greuther Fürth.
Foto: Imago | In Deutschland hatte Stephan Schröck seine beste Zeit bei der SpVgg Greuther Fürth.
Pause? Abbruch? 

Schröck: Das war auf den Philippinen alles etwas kompliziert. Erst hieß es, wie machen sechs Wochen dicht. Dann wurde der Lockdown immer wieder um eine Woche verlängert. Bis es Mitte Mai war. Da habe ich mit meiner Familie einen der letzten abgehenden Flieger nach Deutschland genommen. Es war einfach kein Ende in Sicht und der Lockdown war sehr streng. Man durfte nur mit einer Person pro Haushalt und einem entsprechenden Pass zum Einkaufen. Man stelle sich das vor: Mit unseren zwei Jungs den ganzen Tag zu Hause, wir waren kurz davor, uns von einem der beiden zu trennen (lacht).

So schlimm?

Schröck: War nicht ohne, aber in Deutschland lief das Leben ja zu diesem Zeitpunkt wieder ganz normal.

Wie erging es der Mannschaft?

Schröck: Im Juni ging der Verein wegen Corona pleite. Ein neues Management hat den Klub aufgekauft. Gott sei Dank ging es damit in der Liga für uns weiter. Im September wurde wieder gespielt. Ich bin rechtzeitig vorher wieder rüber geflogen. Die Liga wurde in einer Art Turnier in zwölf Spieltagen gespielt. Wir haben das Turnier und damit die Meisterschaft gewonnen. Weil erstmals der philippinische Meister direkt, ohne Qualifikationsspiele, in die Champions League kommt, wollte man das so schnell als möglich abwickeln. Wir haben aber auch nur acht Mannschaften in der Profi-Liga, ohne eigene Spielstätte, weil das bei 7000 Inseln kompliziert wäre. Wir spielen pro Saison in den Stadien der Hauptstadt Manila viermal gegeneinander. 2020 war aber alles anders: Da durfte ausnahmslos im Trainingszentrum des Verbandes gespielt werden.

Klingt nach Kasernierung.

Schröck: Wir waren insgesamt für 40 Tage in einer Bubble eingesperrt.

Mannschaftskapitän bei United City: Stephan Schröck (links).
Foto: Schröck | Mannschaftskapitän bei United City: Stephan Schröck (links).
Bubble?

Schröck: Ja, wie unter einer Blase. Bevor es in die Bubble ging, mussten wir uns dreimal testen lassen. In der Bubble gab es jeden zweiten Tag Corona-Tests. Wir durften nur in Fünfergruppen trainieren. Du bist in einem Hotel eingesperrt. So stelle ich mir Gefängnis vor. Wir durften das Zimmer nur zum Training und spielen verlassen, Essen gab's auf dem Zimmer. Wir konnten auch nicht auf dem Gang herum laufen, oder schauen, was auf anderen Zimmern los ist. Die Stimmung war nicht so prickelnd.

Und sind alle Spieler Weltmeister im Fifa-Soccer daddeln?

Schröck: Die Jüngeren schon, für mich ist das nichts mehr. Ich habe viel gelesen und nach Hause Kontakt gehalten. Ich bin trotzdem jeden Tag um Sieben aufgestanden, habe für mich trainiert. Ich bin da diszipliniert.

Wann und wie geht's mit Fußball weiter? Und was darf sich ein philippinischer Meister ausrechnen?

Schröck: Mit der Liga wohl erst im Juni. Allerdings nicht in einem normalen Spielbetrieb. Der Präsident des Sportverbandes hat angedeutet, dass Basketball, Volleyball und Fußball im Bubble-System laufen können. International startet Fußball in Asien wegen Corona frühestens im März mit der Quali und im April mit der Endrunde - an einem neutralen Ort, im Bubble-Format. Unsere Chancen sind in etwa die eines zypriotischen Meisters in Europa. Den AFC-Cup haben wir aber vor zwei Jahren gewonnen. In der Champions League haben wir letztes Jahr in der Quali gegen den australischen Meister gewonnen. Und in China sind wir nur unglücklich mit 1:2 gegen Tianjin ausgeschieden, wo Stars wie Modeste, Axel Witsel und Alexandre Pato gespielt haben.

Strandleben auf den Philippinen: 2020 sah das nicht für Stephan Schröck wegen der Corona-Krise etwas anders aus.
Foto: Schröck | Strandleben auf den Philippinen: 2020 sah das nicht für Stephan Schröck wegen der Corona-Krise etwas anders aus.
Wie schaut's in Ihrem Verein mit internationalen Kickern aus?

Schröck: Leider haben wir jetzt viele Spieler nach Thailand verloren, weil unsere Pause länger ist. Wir haben deutsche Jungs wie Manuel und Mike Ott, die früher in Ingolstadt und Nürnberg unter Vertrag standen. Patrick Reichelt von Cottbus, oder Martin Steuble, früher Grashoppers Zürich. Oder unseren Torhüter Roland Müller, auch ein Deutsch-Philippino, früher beim MSV Duisburg. Wir haben viele Mischlingskinder wie mich, auch aus Spanien oder England. Wir haben nur sechs Spieler direkt von den Philippinen. Jetzt müssen wir schauen, dass wir Talente aus den U-Mannschaften nachziehen. Ich bin da mit in der Verantwortung, weil ich seit Oktober Co-Trainer bin.

Eine bunte Mischung, die sich in welcher Sprache unterhält?

Schröck: Englisch. Das wird ohnehin auf den Philippinen beinahe gleichrangig mit der lokalen Sprache Tagalog gesprochen. Davon könnte ich zum Beispiel nur ein paar Wörter.

"Das hat auf den Philippinen ein ganz anderes Ausmaß. Es gibt nur eine Handvoll guter Kliniken. Wenn es 8000 Fälle an einem Tag gibt, ist Land unter."
Stephan Schröck über das im Vergleich zu Deutschland viel schlechtere Gesundheitssystem
Wie kommen die Philippinen generell durch die Corona-Krise?

Schröck: Nicht so gut wie Deutschland. Klar hört man hier viel über überlastete Krankenhäuser. Aber auf den Philippinen hat das ein ganz anderes Ausmaß. Es gibt nur eine Handvoll guter Kliniken, alles was außerhalb der Kernstadt Manilas liegt, ist nicht gut bestückt. Wenn es im Land 8000 Fälle an einem Tag gibt, ist Land unter. Und du musst dafür auch noch bezahlen, was sich kaum einer wirklich leisten kann. Es gibt kein Krankenversicherungssystem. Wenn du ins Krankenhaus musst, heißt es nur: cash oder Kreditkarte?

Aussicht auf Impfungen?

Schröck: Schon. Aber ich lasse mich nicht impfen. Ich will so wenig wie möglich Fremdstoffe in meinen Körper gelangen lassen. Und auch aus Respekt vor Nebenwirkungen.

Im September hielt sich Stephan Schröck (links) beim Kreisligisten TV Königsberg fit.
Foto: Heiko Becker | Im September hielt sich Stephan Schröck (links) beim Kreisligisten TV Königsberg fit.
Hierzulande wird viel über die Saisonalität einer Viruserkrankung gesprochen. Auf den Philippinen ist ja nie im klassischen Sinne Winter.

Schröck: Im Januar 2019 kam Covid mit chinesischen Passagieren auf die Philippinen. Es hieß, für uns sei es nicht so gefährlich, weil wir ja tropisches Klima mit immer mindestens 30 Grad haben. Trotzdem ist es schnell herumgegangen. 

Jetzt sind Sie seit einem guten Vierteljahr in Deutschland.

Schröck: Ja, und ich verstehe, dass die Corona-Zeit auch in Deutschland für alle ein hartes Brot ist. Für Firmen, für alle die Menschen verloren haben. Aber ich kann die Zeit im Moment genießen. Normalerweise sitze ich ständig im Flugzeug, 2018 waren es mal 86 Flüge. Da hat man wenig Zeit mit der Familie. Ich fühle gerade wie schön es ist, zu Hause zu sein, die Kinder aufwachsen zu sehen. Nicht nur der lustige Onkel zu sein, der ab und zu mal vorbeischaut.

Ihre Frau ist Türkin. Da wachsen die Kinder ja viersprachig auf.

Schröck: Der Große spricht fast besser Englisch als Deutsch. Türkisch verstehen sie auch beide. Und auf den Philippinen hat vor allem der Kleine viel Tagalog mitgenommen. Seit Mai ist die Familie durchgehend hier. Der Achtjährige geht in die International School, der Dreijährige in den Kindergarten. 

Wie halten Sie sich fit? Der Jüngste sind Sie ja nicht mehr.

Schröck: Ich gehe jeden Tag laufen und mache täglich Kräftigungs- und verletzungsvorbeugende Übungen. Wenn mein älterer Sohn auf dem Fahrrad dabei ist, laufe ich die 1000 Meter etwas schneller. Da krieg ich über eine Gesamtstrecke von zehn Kilometern schon einen Schnitt von 4:40 Minuten hin.  Mit Ball geht ja nichts. Im Sommer war ich hier mal in Königsberg als Gastspieler eingetragen, habe auch einige Testspiele gemacht. Anlaufstelle war, nachdem ich im Herbst wieder zurück war, auch der FC 05 Schweinfurt, da habe ich schon so viele Vorbereitungen mitmachen dürfen. Doch diesmal waren die in der Vorbereitung auf das Schalke-Spiel. So habe ich auch noch in Üchtelhausen und in Euerbach mittrainiert. Aber ich bin es gewohnt zu improvisieren: Eine unserer zwei Wohnungen auf den Philippinen liegt im 53. Stock, da laufe ich immer die Treppen rauf und runter.

Und hier in Schweinfurt?

Schröck: Hier haben wir ein Haus. 

Klingt danach, früher oder später hier sesshaft zu werden.

Schröck: Eher nicht. Ich will ein paar Jahre auf den Philippinen verlängern. Ich werde die U-19-Nationalmannschaft parallel als Cheftrainer übernehmen. Ende des Jahres steht die Südostasien-Meisterschaft an, wo wir mit der U23 teilnehmen und ich als einziger Älterer mitspielen darf. Diesen Jahrgang soll ich mit der U19 vermischen, etwas aufbauen und in zwei, drei Jahren die A-Nationalmannschaft als Trainer übernehmen. Ich bin gerade dabei die nötigen Lizenzen nach und nach zu erwerben. Ich habe mir etwas aufgebaut, mehr gewonnen als jeder Philippino zuvor, so viele persönliche Auszeichnungen bekommen. Die Familie ist unheimlich stolz. Klar hätte ich gerne mal für den FC 05 gespielt. Aber ich bin im Willy-Sachs-Stadion tatsächlich nur mal bei den Bundesjugendspielen um die Bahn gelaufen. Aber wer weiß, vielleicht wird wegen Corona auf den Philippinen ja nochmal weit nach hinten geschoben, und die Schweinfurter brauchen noch Jemanden.

In seiner Wahlheimat sahnt Stephan Schröck Preise ab: Unter anderem war er schon Fußballer des Jahres.
Foto: Schröck | In seiner Wahlheimat sahnt Stephan Schröck Preise ab: Unter anderem war er schon Fußballer des Jahres.
Oder die Würzburger Kickers. Dort setzt man ja auch auf Erfahrung.

Schröck: Ja, der Maierhofer. Mit dem habe ich in Fürth noch zusammen gespielt. Aber ganz ehrlich: Würzburg wäre nicht so meine Herzensangelegenheit. Ich habe es in Hoffenheim und Frankfurt zweimal probiert, nach Geld zu jagen, und habe mir eine blutige Nase geholt. Ich habe Geld verdienen und Spaß gerne im Einklang.

Geld verdienen kann man auf den Philippinen?

Schröck: Ich schon. Ich habe auch hart gebuckelt dafür. Wenn ich aufhöre, werde ich vermutlich als Bester in die Verbandsgeschichte eingehen.

Es ist aber auch ein Stück Abenteuer, oder?

Schröck: Oh, ja. Bei der Asienmeisterschaft haben wir auf den Malediven ein Quali-Turnier gespielt. Wir mussten zum Spiel gegen Afghanistan zur Hauptinsel zurück. Dann zog ein unglaubliches Unwetter auf. Plötzlich sagte der Kapitän, das kleine Boot würde es nicht schaffen und wir sollten mitten in den hohen Wellen umsteigen auf ein größeres. Man legte uns eine 50 Zentimeter breite Holzpalette hin. Ich hab nur gedacht: Ihr könnt das probieren, ich nicht. Gott sei Dank ließ das Unwetter nach einer guten Stunde nach und wir konnten weiter. Vier Spieler konnten nicht auflaufen, weil sie sich nur noch übergeben mussten. Verrückt.

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