Würzburg

Leonie Ebert wird ungeduldig im Wartestand

Die Aussicht auf den Olympiastart hilft der Würzburger Weltklasse-Fechterin, trotz fehlender Wettkämpfe die Motivation hoch zu halten. Doch in der Pandemie ist die Ungewissheit groß.
Immer nur Training, das nervt: Leonie Ebert, die Elfte der Weltrangliste im Florett, wartet sehnsüchtig auf Wettkämpfe.
Foto: HMB Media / Volker Danzer | Immer nur Training, das nervt: Leonie Ebert, die Elfte der Weltrangliste im Florett, wartet sehnsüchtig auf Wettkämpfe.

Seit acht Monaten ist sie nun schon ohne Wettkampf. "Langsam", sagt Leonie Ebert, "kommt das Gefühl hoch, auf der Stelle zu treten. Die Belohnung für das tägliche harte Training fehlt." Ende November sollte es mit den deutschen Fechtmeisterschaften auch für die 21-jährige Würzburgerin erstmals wieder ein Turnier geben, doch der Teil-Lockdown verhinderte das. Als Alternativprogramm plant der Deutsche Fechter-Bund nun "German Masters" im Dezember an den gleichen drei Standorten. Statt 72 Startern wie bei deutschen Meisterschaften dürfen pro Disziplin aber nur die besten 16 der Rangliste teilnehmen - so lässt sich das nötige Hygienekonzept leichter umsetzen. 

Doch ob die Florett-Turniere für Frauen und Männer in Tauberbischofsheim am zweiten Dezember-Wochenende tatsächlich stattfinden können, bleibt ebenso ungewiss wie die Entwicklung der Corona-Pandemie. Dass die bereits verschobene Weltcup-Saison Anfang 2021 wirklich startet, kann sich Sven Ressel, der Sportdirektor des Deutschen Fechter-Bundes, "ganz ehrlich nicht vorstellen. Man kann eigentlich erst beginnen, wenn weltweit die Reisebeschränkungen aufgehoben sind."  Zudem sei das Hygienekonzept des Weltverbandes FIE so anspruchsvoll, dass es in der Praxis kaum umsetzbar sei.

Im schlimmsten Fall können sogar die noch ausstehenden Qualifikationsturniere für die Olympischen Spiele nicht ausgetragen werden. Das träfe vor allem die Mannschaftswettbewerbe, wo noch viele Entscheidungen ausstehen. Zur Not müsste dann wohl der Ranglistenstand vor dem Wettkampfabbruch im März herangezogen werden. Ein Fragezeichen steht hinter allem - auch hinter den Spielen in Tokio, die nach der Verschiebung nun am 23. Juli 2021 eröffnet werden sollen. "Es wäre wichtig und gut, wenn sie ausgetragen werden könnten, zur Not auch ohne Zuschauer", sagt Ressel.

"Ich habe den Sommer sehr genossen. Normalerweise bin ich die ganze Zeit in der Halle eingeschlossen."
Florettfechterin Leonie Ebert

An der Austragung der Olympischen Spiele will Leonie Ebert, die sich als einzige deutsche Florettfechterin dafür qualifiziert hat, nicht zweifeln: "Für mich steht das fest, als mentale Strategie lasse ich nichts anderes zu." So kann sie ihre Motivation weiter aufrecht erhalten. Noch ist ihr Ehrgeiz ungebrochen, ihre Professionalität ist ohnehin groß. Zusätzlich zum Programm am Bundesleistungszentrum in Tauberbischofsheim arbeitet die für Future Fencing Werbach startende Sportsoldatin seit längerem mit einem Personal Coach und einem Mentaltrainer, die sie trotz geringer Einkünfte und nur weniger Sponsoren aus eigener Tasche zahlt. Ebert steht noch am Anfang ihrer Karriere. Ehemalige Fechtgrößen wie Cornelia Hanisch trauen der aktuellen Weltranglisten-Elften zu, einmal bei Olympia und Weltmeisterschaften auf dem Treppchen zu stehen.

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Ein winziges Fragezeichen steht noch hinter Eberts erster Olympia-Teilnahme - so winzig, dass man es normalerweise unterschlägt. Dass beim letzten zählenden Turnier, das für März in Anaheim (USA) geplant ist, noch eine andere Fechterin in der Rangliste an ihr vorbeizieht, bezeichnet Sportdirektor Ressel als "fast unmöglich". Schon mit ihrem Antreten würde die Würzburgerin den allerletzten kleinen Zweifel beseitigen, aber natürlich will sie in Kalifornien wieder unter die letzten Acht kommen wie bei der letzten Austragung 2019. Denn die erreichten Punkte müssen im Fechten wie in der Tennis-Weltrangliste verteidigt werden. Und Ebert will wieder unter die Top Ten, Sechste war sie bereits.

Den Sommer mit ungewöhnlich viel Freizeit hat Ebert "sehr genossen. Normalerweise bin ich die ganze Zeit in der Halle eingeschlossen". An die Stelle von internationalen Reisen zu Turnieren und Trainingslagern traten selbstgestellte Aufgaben wie das Einstudieren eines Klavierstücks, aber vor allem mehr gemeinsame Zeit mit ihrer Mutter und den beiden Geschwistern Amelie und Constantin, viele Spaziergänge im Wald und Entdeckungstouren wie ins Elbsandsteingebirge - so lange das erlaubt war. Sind dabei vielleicht Gedanken aufgekommen, ob ein Leben ohne den Leistungssport nicht schöner wäre? Ebert schüttelt sofort den Kopf, wenn man sie danach fragt. Dafür hat sie auf den Planchen dieser Welt noch zu viel vor.

Nationalmannschaft blickt schon auf 2024

Für die in Tauberbischofsheim angesiedelte Florett-Nationalmannschaft der Frauen ging der Traum von Olympia nicht in Erfüllung. Nach der verpassten Team-Qualifikation sind die Aufgaben für Bundestrainer Giovanni Bortolaso nun, jüngere Fechterinnen auf Top-Niveau zu bringen und im Hinblick auf die Spiele 2024 im Team wieder "ein gutes Geflecht zu bilden", wie es Top-Fechterin Leonie Ebert ausdrückt.
Die 27-jährige Eva Hampel (FC Tauberbischofsheim), die meist die Rolle der Ersatzfechterin im Team hatte, beendete ihre Karriere wie angekündigt im Juni, um in ihrem Beruf als Lehrerin zu arbeiten. Anne Sauer, hinter Ebert die zweitstärkste Fechterin, musste sich im Juni einer Operation am Hüftknochen unterziehen und ist noch nicht ins Fechttraining zurückgekehrt. Mit der 29-Jährigen, die jetzt in Bonn lebt, habe der Verband, so Ressel, bereits eine Fortsetzung der Laufbahn bis 2024 ausverhandelt. Auch Carolin Golubytski (34, ebenfalls Future Fencing Werbach), die seit März nicht mehr in ihrer Wahlheimat USA war, ficht erst einmal weiter. 
Mehr Einsatzchancen erhoffen sich nun vor allem Leandra Behr (Tauberbischofsheim), Kim Kirschen (SC Berlin) und Zsofia Posgay (PSV Stuttgart). Aber auch die noch gar nicht zu den drei Top-Kadern zählende Tauberbischofsheimerin Aliya Dhuique-Hein (19) müsse man, sagt Sportdirektor Sven Ressel, im Blickfeld haben.
Quelle: hst
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