WÜRZBURG

Exklusiv-Interview mit Eckhard Henscheid: Ein Großhumorist gesteht

Der Großhumorist Eckhard Henscheid wird 70. Im Gespräch gesteht er, was er von Marcel Reich-Ranicki hält und warum er bei Haßfurt einmal verhaftet wurde.
„Alles sehr dumm und vulgär“: Eckhard Henscheid über die Bayreuther Wagner-Festspiele.
Foto: Herbert Scheuring | „Alles sehr dumm und vulgär“: Eckhard Henscheid über die Bayreuther Wagner-Festspiele.
Frage: Herr Henscheid, Ihre Trilogie des laufenden Schwachsinns hat Ihnen den Ruf eingebracht, Deutschlands komischster Schriftsteller zu sein. Sie wurden auch schon als „Klassiker zu Lebzeiten“ bezeichnet. Wie lebt es sich mit solchen Etiketten?

Eckhard Henscheid: Letzteres würde ich unterschreiben, und damit lebt es sich summa summarum nicht schlecht. Das erste müsste man präzisieren: Mich mit von mir verehrten Kapazitäten wie Gerhard Polt, Heino Jäger oder dem Lyriker Robert Gernhardt zu vergleichen, wäre etwas unsinnig. Da muss man schon zwischen den einzelnen Sparten unterscheiden. Aber mit dem Etikett „komischster Romancier“ bin ich nicht unzufrieden.

Der Roman „Die Vollidioten“ aus dem Jahr 1973 war der erste Band ihrer Romantrilogie, die Hunderttausende Leser fand. Tommy Jauds Comedy-Roman „Vollidiot“ zählt zu den Bestsellern der vergangenen Jahre. Von der Ähnlichkeit des Titels einmal abgesehen – hat Jauds Art von Komik irgendetwas mit der Ihren zu tun?

Henscheid: Mit Sicherheit nicht. Es sei ihm im Nachhinein ein bisschen geneidet, dass er mit einem Werk, das möglicherweise nicht gerade ein Jahrhundertbuch ist, gleich so erfolgreich wurde. Bei mir und der mir nahestehenden Frankfurter Autoren- und Künstlergruppe dauerte es in der Regel Jahre, manchmal Jahrzehnte, bis sich auch an den Auflagen messbare Erfolge einstellten.

Menschen zum Lachen zu bringen, ist schwer. Wodurch wird ein Text komisch?

Henscheid: Wenn ich etwas schreibe, was nicht zum Lachen zwingen will, dann steht in unseren Weltblättern: „Henscheid ist nicht mehr komisch“ – als ob es meine Absicht wäre, ständig komisch zu sein. Hier ist tunlicherweise eine Unterscheidung zwischen den Gattungen nötig. Loriot oder Karl Valentin wollten schon in gewisser Weise ständig als Komiker präsent sein. Ein Romancier würde einen Fehler machen, wenn er es darauf anlegte, Satz für Satz einen Lacher zu erzielen – was bei Bühnen- oder auch Radio- und Fernsehkomikern nicht unbedingt verboten ist. Ich selbst habe das Erzielen von Komik nie ganz bewusst betrieben. Wenn ich am Schreibtisch über eine Formulierung oder einen Gedankengang von mir lachen muss, dann ist das so eine Art Kontrolle. Außerdem habe ich eine belesene und recht humorbegabte Ehefrau, die als Kontrollinstanz sehr brauchbar ist. Also bevor ein Text von mir den armen Lektor erreicht, ist er sozusagen in mancherlei Hinsicht schon geprüft. Aber ich darf hier auch nicht alle Betriebsgeheimnisse verraten.

Worüber haben Sie selbst zuletzt gelacht?

Henscheid: Über Gerhard Polt. In seinem großen Lesebuch „Circus Maximus“ stieß ich auf einen Text, den ich wohl kannte, den es aber nicht auf CD gibt und der mir deshalb nicht so präsent war. Ich musste sehr lachen – wie fast immer bei Polt. Selbst Polts schwächere Sachen sind oft von einer komischen Kraft, mit der er sich durch einzelne Formulierungen über schwächere Ideen hinweghilft. Auch das verdient Bewunderung, nicht viel anders als im Fall von Mozart und Beethoven, die ja auch manchmal ihre Zuhörer eher mit Kleinleistungen vergnügten.

Ist Komik so eine Art Gegenwehr, eine Reaktion auf die Zumutungen des Lebens?

Henscheid: Das lässt sich sehr einfach beantworten mit dreimal Ja.

Sie haben Laszlo Nemeths Buch „Trauer“ einmal als einen der berührendsten Romane des Jahrhunderts bezeichnet. Sie selbst haben auch Texte wie die „Kleine Todesprosa“ geschrieben. In Ihrer Erzählung „Maria Schnee“ verbinden sich Komisches und Trauriges auf seltsame Weise. Trauer und Komik – wie passt das zusammen?

Henscheid: Nur für sehr einfältige, mit bestimmten Schablonen operierende Leser, trennt sich das. Die wollen nur „mal kurz ablachen“, wie das in unserer Branche heißt. Dabei ist es so, dass Trauer und Komik sich nicht ausschließen, sondern die unterschiedlichsten Liaisonen eingehen. Diese Mischung ist nie „gemacht“, sondern die Dinge selbst haben beide Tendenzen, und der Autor muss eben hellhörig und geschickt genug sein, diese in glücklichen Augenblicken zusammenzuzwingen.

Sie sind nicht nur Erzähler und Satiriker, sondern auch einer der schärfsten Polemiker Deutschlands. Helmut Kohl haben Sie als „Spitzengroßdumpfmeister“, den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki als „Knallcharge“, die Schriftstellerin Elfriede Jelinek als „Vollnullität“ und den Liedermacher Konstantin Wecker als den „unbedarftesten aller Blödmänner“ bezeichnet. Übertreiben Sie manchmal auch gerne ein wenig?

Henscheid: Die Urteile stimmen alle noch, wobei das über Kohl leicht aus dem Zusammenhang gerissen ist. Mein Buch über Helmut Kohl hat ja über 200 Seiten und differenziert sehr stark zwischen einer Birne Kohl, einem Großdumpfmeister, einem Karrieristen, einer unfreiwillig komischen Figur und einem auf seine Art durchaus bewundernswerten Lebewesen. Auf der anderen Seite gehört die Übertreibung seit der Antike zum Arsenal des Komischen, zumal des satirisch-kämpferischen Komischen, bei dem sich der Endzweck der Aufklärung und des Lachens bekanntlich die Waage halten.

Wer geht Ihnen im Moment von all den öffentlichen Figuren besonders auf die Nerven?

Henscheid: Unter den neuen und allerneuesten hat sich eine Gestalt hervorgetan, die „den Bürgern draußen im Lande“, wie Willy Brandt immer zu sagen pflegte, als ganz besonders tapfere kleine Frau gilt, nämlich die inzwischen sehr bekannte Bischöfin Margot Käßmann. Ich war nachweislich einer der ersten, der mit einer kritischen Käßmann-Einlassung vor sieben Jahren schon den richtigen Riecher hatte. Nicht weil sie betrunken durch Hannover fuhr und so Todesopfer riskierte. Aber dieses Gesamtkunstwerk an Bluff, Simulationskunst, Selbstbeschwörung und spätlutheranischer Frauenaufrechtheit ist zumindest mir, um es mit einem Wort zu sagen, zuwider.

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki war oft Gegenstand Ihrer Satiren und Parodien. Sind Sie sich eigentlich mal persönlich begegnet?

Henscheid: Wir beide sind uns häufig begegnet, wir waren in Frankfurt ja fast Nachbarn. Es gab von seiner Seite tückische Versuche, mit mir ins Geschäft zu kommen. Ich habe das Gott sei Dank rechtzeitig gemerkt. Obwohl er ein großer Gauner und grandioser Schwachkopf ist – es passen eigentlich sehr viele Vokabeln auf diesen Typus – und für mich lange Zeit eine große Negativfigur war: Gelegentlich war ich nahe dran, die amüsanten Teile seiner Persönlichkeit, die es zweifellos auch gibt, für mich selbst so zu interpretieren, dass es drohte, in Freundschaft auszuarten. Bei einer Begegnung in Frankfurt sagte er mir einmal, wenn ich wolle, dass er etwas für mich tut, dürfe ich ihn nicht immer als den dümmsten aller Kritiker bezeichnen. Dabei habe ich ihn gar nicht als den dümmsten, sondern nur als den lautesten bezeichnet. Aber auf die Idee, dass ich gar nicht wollte, dass ausgerechnet er etwas für mich tut, kam er gar nicht.

Mit Robert Gernhardt, F. W. Bernstein und anderen Kollegen aus alten „Pardon“-Zeiten haben Sie 1979 das Satiremagazin „Titanic“ gegründet. Die auch unter dem Namen „Neue Frankfurter Schule“ (NFS) firmierende Gruppe hat der Komik in Deutschland in Wort und Bild neue Horizonte eröffnet. War die NFS eine verschworene Gemeinschaft oder eher ein zufällig zusammengewürfelter Haufen?

Henscheid: Es gab nie eine einheitliche Meinung darüber, was die Gruppe eigentlich sei. Robert Gernhardt meinte, es sei nur eine Mystifikation der Presse, die man gern mitgemacht habe, weil diese Art der Werbung ja nichts kostete. In meiner Jugendzeit war Komik zwar nicht gerade verboten, wurde aber in ernsthaften literarischen Zusammenhängen doch mit einer gewissen Abschätzigkeit beurteilt. Wir waren der Meinung, dass wir das durch unsere gemeinsamen Anstrengungen gehoben oder gebessert hätten. Inzwischen komme ich aber zu der nüchternen Erkenntnis, dass wir fast nichts verändert haben. Das heutige Komikniveau ist wieder so dumm wie eh und je. Alle Ausnahmen davon sind aber hocherfreulich und hochwillkommen.

Sie und Robert Gernhardt waren die beiden exponiertesten Vertreter dieser Frankfurter Satire- und Humorschule. Gernhardt starb im Jahr 2006. Wenn Sie auf die Zeit mit ihm zurückblicken, was ist da besonders haften geblieben?

Henscheid: Vor allem, dass ich in der Folge seines Todes 2006 ebenfalls für tot erklärt wurde. In einem Literaturlexikon galt ich vier Jahre lang als tot und erst 2011 wieder als lebendig. Robert Gernhardt war so eine Art spiritus rector, der es mit seiner speziellen Begabung schaffte, verschiedene Leute an dieses Komik- und Satire-Projekt zu binden. Ich verehre besonders die Arbeiten aus seiner mittleren Schaffensperiode, die seine allerbeste war.

Warum schreiben Sie eigentlich nicht mehr für das Satiremagazin „Titanic“?

Henscheid: Ganz ausgestiegen bin ich nicht. Es gibt schon noch Kontakte, und bei einem gerade entstehenden „Titanic“-Lesebuch bn ich sogar der Hauptautor. Doch Satire hat wohl auch ein biologisches Lebensalter als Hintergrund. Man will nicht ein Leben lang Satiriker sein. So notwendig Satire nach wie vor vermutlich ist, sie ist für den Satire produzierenden Autor irgendwann nicht mehr so „spannend“, um einmal dieses Modewort zu zitieren. Und außerdem: Der Stil der jetzigen „Titanic“-Leute ist – bei großen Begabungen im einzelnen – nicht unbedingt der meinige.

Ihre Bücher sind vor allem ein Spracherlebnis. Oft mischen Sie hochkomplexe Wissenschaftssprache und Fremdwörter mit bajuwarischen Vulgarismen und Kraftausdrücken. In Ihren Romanen verbinden Sie das oft grauenhaft dumme Gefasel mancher Figuren mit einem hohen literarischen Ton, einer an Klassikern wie Kafka oder Dostojewski geschulten Erzählweise. Wächst da zusammen, was nicht zusammengehört?

Henscheid: So wie Adorno konnte jeder Adorno schreiben, ich auch, aber Adorno konnte keine Dialoge schreiben wie ich. Die Koinzidenz sehr unterschiedlicher Begabungen und formaler Talente – da würde ich schon ganz unbescheiden sagen, das macht mir kaum jemand nach.

In Ihrem Wörterbuch „Dummdeutsch“, einem Meilenstein moderner Sprachkritik, sammeln und kommentieren Sie Begriffe aus der Sprache der Werbung, der Medien oder des Sports, deren geistloses verbales Imponiergewurstel etwas Hirnzerbröselndes hat. Was ist besonders dumm an dieser Art Dummdeutsch?

Henscheid: Sie sagen ja das Stichwort schon: Imponiergewurstel. Das Aufgeblasene, hinter dem oft Besinnungs- oder Gedankenlosigkeit steckt. Ich habe „Dummdeutsch“ seit 1985 und 1992 in verschiedenen Formen fortgeschrieben, wenn auch nicht als kompaktes Wörterbuch. Aber ich bin ständig am Sammeln. Der Verlag will so alle drei Jahre ein Ergänzungsbändchen oder den ersten Band erweitern. Das geht aus formalen Gründen nicht. Das Material ist so unüberschaubar geworden, dass das pure Sammeln ohne ein analytisches Strukturieren etwas unbefriedigend bleibt.

Seit der Veröffentlichung von „Dummdeutsch“ sind rund 20 Jahre vergangen. Ist das Dummdeutsch seitdem noch dümmer geworden?

Henscheid: Ein Beispiel ist der Siegeszug des Idiotenwortes „spannend“. Inzwischen ist fast alles „spannend“, selbst das alleralbernste Symphoniekonzert im Bayerischen Rundfunk. Im Alltag noch schauerlicher ist das Wort „okay“, leider wird es auch von ansonsten zurechnungsfähigen Menschen bis zur Besinnungslosigkeit gebraucht. Bei der Krankengymnastik hörte ich es neulich in nur drei Minuten ungefähr vierzehn mal. Und noch leiderer wird es eben von Frauen gebraucht, die auf dem Gebiet der Produktion von Dummdeutsch – trotz aller männlichen Konkurrenz – führend sind.

Was halten Sie vom Verein Deutsche Sprache und seinem Kampf gegen Anglizismen?

Henscheid: Ich bin einmal nolens volens in deren Bannkreis geraten. Es sind wohlmeinende Menschen, die mir zum Teil ganz nahestehen. Da muss man aber vorsichtig sein, das kann wirklich leicht in einen Wahn münden, der direkt zum unerwünschten Deutsch-Germanischen zurückführt – dem möchte ich nicht verfallen. Ich versuche in meinen eigenen Schriften weder ein puristisches Programm darzustellen dergestalt, dass ich Fremdwörter oder Anglizismen meide, noch das Gegenteil. Gern nutze ich infantile Sprachidiotien aber zu satirischen, komischen Zwecken.

Sie leben in der Oberpfalz. Über Ihre Heimatstadt Amberg haben Sie einmal geschrieben, die Stadt sei „eine einzige, langdurchgezogene, lästerliche und alles in den Bann ziehende Natur- und Intellektualgemeinheit“. Der Text endet mit den Worten: „Hier gefällt es uns. Hier bleiben wir.“ Was gefällt Ihnen an Amberg?

Henscheid: Na ja, der Text ist inzwischen 35 Jahre alt, und diese Dialektik, dass damals aus einem konstanten, aber durchaus variablen Heimatgefühl zwei Kräfte zusammenwirkten, geht ja aus dem Schlusssatz hervor. Im Augenblick überwiegt eher das Gefallen an Amberg. Die Stadt hat in den letzten Jahren, so weit ich das beurteilen kann, eigentlich fast nur vernünftige Sachen gemacht – von einigen Garagenbauprojekten einmal abgesehen. Das Interesse an Amberg wird zurzeit flankiert durch ein nachweisliches an Würzburg. Ich habe kürzlich mehrere Bücher über Würzburg gelesen, darunter poetische Einlassungen durchreisender Dichter und ein Buch über Richard Wagner, der ja eineinhalb Jahre dort Chorleiter war. Dabei habe ich viel über Würzburg erfahren – über die Fürstbischöfe von Schönborn und den Heiligen Kilian, und ich glaube, ich bringe nun auch nicht mehr die Marienburg und die Marienkirche durcheinander.

Ihre komischen Romane und Erzählungen spielen zum Teil vor einem oberpfälzisch-fränkischen Hintergrund. Haben Sie selbst in Unterfranken schon einmal Seltsames erlebt?

Henscheid: O ja! Nahe Haßfurt wurde ich im Mai 1971 kurzzeitig als Sexualverbrecher verhaftet. Das hat sich dann innerhalb einer Stunde geklärt – es war eine Verwechslung. Es war die bisher einzige Verhaftung meines Lebens. Der Polizeidirektor von Gerolzhofen war damals sehr höflich und hat sich für die aufgeregten Beamten entschuldigt. Wir waren der Landbevölkerung nach einem Besuch bei dem Kirchenkritiker Karlheinz Deschner verdächtig geworden, weil wir zu dritt unterwegs waren und die Zeitung gerade über drei gesuchte Landstreicher berichtete, die eine Bäuerin bedrängt hatten. Das ließ auf eine gewisse Schwäche der Landbevölkerung in der geometrischen Einschätzung schließen, weil wir drei jeweils 1,85 Meter groß waren, die drei gesuchten Übeltäter aber nur 1,65. Aber das war nicht unbedingt ein Erlebnis, das ich den Franken jetzt allgemein anlasten möchte.

Zumal Sie ja alle sechs Strophen des Frankenlieds auswendig können. Wie das?

Henscheid: Ich habe ein gutes Gedächtnis, nicht nur für musikalische Partituren oder Goethe- und Gernhardt-Gedichte. Das geht auf meine Pfadfinder-Zeit zurück und hat mir inzwischen vielfach genützt. Ich beherrsche die Namen aller Spieler der deutschen und ungarischen Nationalmannschaft des Fußballweltmeisterschaft-Endspiels von 1954 und kann auch alle sechs Strophen von Viktor von Scheffels Frankenlied auf Anhieb aufsagen. Ich habe mich in dieser Funktion auch schon verdient gemacht: In Staffelstein hat einmal eine Touristengruppe um die Ehefrau von Gerhard Polt Station gemacht, und ich bin extra hinbestellt worden, um das Lied – das ja wirklich einmal eine Art Gegenhymne zur Bayern-Hymne war – mit denen vorzutragen. So konnten sie bereichert wieder heimfahren.

Apropos Franken und Provinz: Würzburg wollte einmal ernsthaft mit dem Slogan „Provinz auf Weltniveau“ für sich werben. Wie finden Sie den?

Henscheid: Schade, dass er mir nicht eingefallen ist – ich hätte ihn teuer verkauft!

Sie haben sich selbst einmal als „zu 55 Prozent Epiker, zu 23 Prozent Satiriker, acht Prozent Nonsenskomiker, dann außerdem Klavierspieler, Fußball- und Schachexperte“ charakterisiert. Welche Ihrer Werke würden Sie dem Bereich Nonsens zuordnen?

Henscheid: Nonsens ist ein etwas missverständlicher Begriff, weil er ständig mit englischer Nonsensliteratur verwurstelt wird – auch Gernhardt hatte damit zu kämpfen. Ich meine mit Nonsens eine ganz spezielle Art spielerischer Literatur, die keine satirisch-aufklärerischen Zwecke verfolgt, sondern sich sozusagen aus dem Spaß aus sich selber heraus erzeugt. Meine eigenen Werke dieser Art sind eher kleinere Texte. Auf dem Begriff Nonsens bestehe ich allerdings nicht. Ein alternativer Begriff wäre Humoresken, der allerdings auch ein etwas schräges Hautgout vor sich herträgt. Wenn man aber darunter Texte versteht wie die von Gerhard Polt oder meinetwegen Karl Valentin und Ludwig Thoma, dann habe ich gegen die Begriffe Humoresken oder Nonsens wenig einzuwenden. Starke Einwände würde ich jedoch erheben, wenn man meine Romane als Nonsensliteratur bezeichnet. Das war früher hin und wieder der Fall. Dann wird es wirklich ärgerlich, weil dann klar wird, dass der Rezensent, stellvertretend für manchen Leser, gar nichts verstanden hat.

Sie waren früher Anhänger des Vereins Eintracht Frankfurt, haben sogar die berühmte Ode auf dessen Spieler Bum Kun Cha verfasst. Beschäftigen Sie sich noch mit Fußball?

Henscheid: Ich habe heuer schon zweimal mit Fußball zu tun gehabt. Als Mitglied der Nürnberger Fußballakademie habe ich einen Abend mit ehemaligen Club-Spielern bestritten. Dabei wurde auch die Ode an Bum Kun Cha vorgetragen. Außerdem gab es eine Spezial-Lesung im Stadion des SSV Jahn Regensburg. Es war ganz lustig. Man versucht inzwischen, auch aus einer gewissen Übersättigung an herkömmlichen Kulturangeboten heraus, neue Formen zu entwickeln, und da ist das Kulturamt Regensburg auf die Idee gekommen, eine Lesung im Stadion zu machen. Das hat nicht schlecht funktioniert. Schreibend nehme ich nur noch wenig Anteil am Fußball, aber ich kann mit älteren Texten noch gut aus der Reserve leben.

Es gibt aber im Moment keinen Verein oder Spieler, dem sie besonders zugetan sind – so wie früher Eintracht Frankfurt?

Henscheid: Eintracht Frankfurt mit Sicherheit nicht mehr. Der Nürnberger Club ist mir meist am liebsten, wenn er gegen den Abstieg kämpft. Dann empfinde ich wieder eine gewisse Wärme. Wenn der FC Nürnberg wieder in eine Krise geraten sollte, wird man mich an der Seite des Club sehen, den ich zumindest bei zwei oder drei Flutlichtspielen im November mit meiner Anwesenheit unterstützen werde. Ansonsten faszinieren mich eher historische Mannschaften und Spieler, einige von ihnen leben noch. Eines meiner ersten Idole, der Torwart des 1. FC Nürnberg von 1948-1955, Edi Schaffer, wollte schon zweimal zu einer Lesung von mir kommen, aus gesundheitlichen Gründen hat das zu meinem Schmerz nicht geklappt.

Sie haben am gleichen Tag Geburtstag wie die Fußball-Legende Günter Netzer. Was halten Sie von ihm?

Henscheid: Netzer war mir nicht ganz so nahe wie der damals mit ihm konkurrierende Spieler Bernd Hölzenbein, ein inzwischen fast vergessener Magier am Ball.

Sie sind Opernkenner und -liebhaber und ein Verehrer besonders des Werks von Richard Wagner. Was halten Sie von den Inszenierungen der Bayreuther Wagner-Festspiele?

Henscheid: Natürlich nichts, das lässt sich einfach beantworten. Ich habe mir kürzlich auf DVD eine Inszenierung des „Ring des Nibelungen“ aus Valencia angesehen, die war in jeder Hinsicht um Klassen zurechnungsfähiger als das, was in Bayreuth geboten wird, von der Regie her sowieso. Das mit Bayreuth geht eindeutig zu Ende, auch wenn die Leute nach wie vor dort hinflattern. Das ist alles sehr dumm und vulgär.

Sie haben mehr als 50 Bücher veröffentlicht, neben komischen Romanen auch Satiren, Glossen Polemiken, Biografien, musikalische und kulturkritische Schriften. An welchem Projekt arbeiten Sie gerade?

Henscheid: Zur Zeit sitze ich an einem Buch über Richard Wagner, das die Figuren des „Ring des Nibelungen“ behandelt und auch komische Aspekte hat. Ein gotteskundlicher Roman – eigentlich ein Pseudoroman, eine in Romanform auftretende Essay-Prosa – ist schon geschrieben. Eine partiell auch komische Autobiografie ist gerade druckfertig geworden. Ob ich das Bedürfnis in mir verspüre, noch einmal in größerer oder auch nur mittelgroßer Romanform Komisches zu produzieren, ist mir im Moment noch nicht so recht klar.

Wann wird Ihre Autobiografie erscheinen, und was wird die Leser da erwarten?

Henscheid: Das Buch erstreckt sich über die Dauer meines gesamten Lebens, es umfasst genau sieben Jahrzehnte. Es wird im Frühjahr 2012 erscheinen. Dass eine Biografie vom Handwerklichen, Schriftstellerischen her anspruchsvoller als ein Roman sein kann, weil man andere Arten von Strategien, auch Rücksichten auf Leser zu pflegen hat– das wurde mir erst beim Schreiben selbst deutlich. Ich hoffe, dass die gutgesinnten Leser das zu würdigen wissen.

In wenigen Tagen werden Sie 70 Jahre alt. Macht das Alter milder?

Henscheid: Das hat Robert Gernhardt in einem sehr schönen Zweizeiler thematisiert: „Ist der Mensch nicht mehr im Bilde, bleibt ihm doch die Altersmilde.“ Das ist schön boshaft und selbstironisch. Es werden aber die Leute, die ich schon immer bekämpft habe, auch weiter von mir bekämpft werden. Allerdings sind diese Kämpfe, wie so oft in der Literatur, auch stilisierte, literarische Kämpfe, die – wie im Fall Reich-Ranicki – beinahe in Freundschaft auszuarten drohten. Ich hoffe, dass die Milde bei mir nicht zu arg zuschlägt.

Eckhard Henscheid

Der Romancier und Satiriker, geboren am 14. September 1941, lebt in Amberg (Oberpfalz). Henscheid zählt zu den vielseitigsten deutschen Schriftstellern. Er hat rund 50 Bücher veröffentlicht, darunter Romane, Erzählungen, Glossen, Polemiken, Satiren, Anekdoten, Hörspiele sowie Literatur- und Musikkritik. In den 1960er Jahren war Henscheid Mitarbeiter von „Pardon“, 1979 Mitbegründer des Satiremagazins „Titanic“. Bekannt wurde er durch sein Romanwerk „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ (1973-1978), das innerhalb weniger Jahre eine Auflage von über 200 000 Exemplaren erreichte. Zu den Veröffentlichungen des sprachgewaltigen und streitbaren Autors zählen auch eine Biografie Helmut Kohls (1985), der Opernführer „Verdi ist der Mozart Wagners“ (1979) oder die theologischen Studien „Welche Tiere und warum das Himmelreich erlangen können“ (1995). Mit seinem mehrfach aufgelegten Buch „Dummdeutsch“ hat sich Henscheid auch einen Namen als Sprachkritiker gemacht. Eine zehnbändige Werkausgabe ist beim Verlag Zweitausendeins erschienen. Im Jahr 2009 wurde Henscheid für sein literarisches Lebenswerk mit dem Jean-Paul-Preis ausgezeichnet. Text: hes

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