Schweinfurt

Herr Gärtner will nur sterben: Schirachs "Gott" in Schweinfurt

Was ist, wenn ein Mensch sterben will, weil ihm der Sinn des Lebens abhanden gekommen ist?Ferdinand von Schirachs brandaktuelles Stück diskutiert das Thema Sterbehilfe.
Tagung des Ethikrates im Theaterstück 'Gott': Karin Boyd, Patricia Schäfer, Klaus Mikoleit, Wolfgang Seidenberg, Ernst Wilhelm Lenik, Christian Meyer und Susanne Theil (von links).
Foto: t.behind-photographics | Tagung des Ethikrates im Theaterstück "Gott": Karin Boyd, Patricia Schäfer, Klaus Mikoleit, Wolfgang Seidenberg, Ernst Wilhelm Lenik, Christian Meyer und Susanne Theil (von links).

Herr Gärtner will sterben. Er ist 78 Jahre alt, gesund. Vor drei Jahren hat er durch einen Tumor seine Frau verloren, der Sinn für das Leben ist ihm abhanden gekommen. Ihm gehört die erste Szene, die eindrucksvollste der ganzen Inszenierung von Ferdinand von Schirachs zweitem Drama "Gott", das kurz nach den Premieren am Berliner Ensemble und dem Schauspiel Düsseldorf nun von Euro-Studio Landgraf auf Tournee geschickt wird. Am Theater der Stadt Schweinfurt ist es noch täglich bis Dienstag, 29. September, zu sehen.

Die Bühne wird von einem großen Kartonlager beherrscht, davor eine Reihe von Stühlen im Halbkreis, auf denen der Ethikrat Platz nehmen wird. Zunächst aber öffnet Herr Gärtner (ein würdevoller, ruhiger Herr: Ernst Wilhelm Lenik) einen der Kartons, kramt in Erinnerungen, zieht ein Kleid seiner Frau Elisabeth heraus, dreht sich im Tanz. Dann wird es hell im Zuschauerraum. Dort sitzen nicht nur Betrachter, sondern Teilnehmer des Ethikrates, dem es darum geht, ob Herr Gärtner Hilfe beim Sterben beanspruchen darf.

Die Besetzung des Ethikrats zeigt, wie komplex das Thema Sterbehilfe ist

Im Februar dieses Jahres hat das Bundesverfassungsgericht den Paragraphen 217 des Strafgesetzbuches kassiert und damit das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung. Seither ist die Beihilfe zum Suizid erlaubt, nicht jedoch die aktive Sterbehilfe, also die Verabreichung eines Medikaments. Seine Beschaffung jedoch schon.

Im Ethikrat sind Experten vertreten. Die Ärztin Gärtners, ein Standesvertreter der Ärzte, eine Juristin, ein Geistlicher. Alles hochkarätige Fachleute, die in Schirachs Drama zu Wort kommen, die von Biegler, dem Rechtsanwalt Gärtners und Keller, dem Mitglied des Ethikrates, nachdrücklich befragt werden. Es geht um die noch immer nicht völlig geklärte Rechtslage, den Schrecken misslungener Suizide, die Bedeutung des hippokratischen Eides, der von Ärzten fordert, das Leben zu erhalten, und die Frage, ob die Bibel tatsächlich die Selbsttötung verbietet.

Wenn der freche Anwalt den bigotten Bischof in die Ecke treibt

Ferdinand von Schirach ist selbst Jurist, und das merkt man dem Stück an. Szenisch gibt es nicht sehr viel her. Da ist es gut, dass Miraz Bezar für seine Inszenierung doch immer wieder die Konfliktlinien ausleuchtet. Das gelingt besonders stark, wenn der leicht freche Anwalt Biegler (Christian Meyer) den bigotten Bischof (sehr überzeugend, wenn auch nicht ganz textsicher, Klaus Mikoleit) in die Ecke drängt. Gärtner hört scheinbar unbeeindruckt zu. Er braucht die Meinung der Experten nicht. Er will sterben, wie er gelebt hat, selbstbestimmt.

Vor vier Jahren war Schirachs "Terror" ein Riesenerfolg. Es geht dabei um eine Gerichtsverhandlung, bei der sich ein Bundeswehr-Jetpilot für den Abschuss eines Passierflugzeugs verantworten muss, das in ein vollbesetztes Stadion gesteuert werden sollte. Damals fiel das Urteil nach einer Pause, die auch bei der Aufführung in Schweinfurt von vielen kontroversen Gesprächen geprägt war. Diesmal muss die Pause wegen der Corona-Pandemie ausfallen. Das Publikum kann nur die Hand heben. Herr Gärtner darf sterben. Am Schluss packt er seinen Karton zusammen.

Weitere Aufführungen am Sonntag, Montag und Dienstag, 27., 28., 29. September, 19.30 Uhr, Theater der Stadt Schweinfurt. Karten gibt es nur im Vorverkauf an der Theaterkasse, keine Abendkasse. Reservierung: Tel. (09721) 51 4955

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