Interview mit Wladimir Kaminer: Aus Liebe zu Deutschland

Als direkte Reaktion auf Thilo Sarrazin will der Bestsellerautor seine „Liebesgrüße aus Deutschland“ nicht verstanden wissen. Demnächst kommt Kaminer zu Lesungen nach Würzburg und Schweinfurt.
Wladimir Kaminer: „In Deutschland wurde die Problematik der Integration von Anfang an von der falschen Seite angegangen.“
Foto: dpa, Manhattan Verlag | Wladimir Kaminer: „In Deutschland wurde die Problematik der Integration von Anfang an von der falschen Seite angegangen.“

Wladimir Kaminer verschickt „Liebesgrüße aus Deutschland“. In seinem neuen Buch nimmt der satirische Geschichtenerzähler aus Berlin zwar eine kritische Haltung gegenüber seiner Wahlheimat ein, aber die Bundesrepublik bleibt für den gebürtigen Moskauer ein lebenswertes Land. Ein Gespräch über Kulturpolitik und das Oktoberfest, über Sarrazin und Prinz Charles.

Frage: Sie schreiben, die Deutschen seien zwar sehr aktiv und beflissen, aber sie täten alles ohne Herz, aus bloßem Interesse. Ist Ihr Buch der Versuch, die deutsche Seele zu ergründen?

Wladimir Kaminer: Mein Buch ist gleichzeitig lustig und ernst, dennoch bleibt es eine Liebeserklärung an dieses Land. Deutschland ist trotz all seiner Schwächen sehr lebenswert und hat eine spannende Zukunft vor sich. Deutschland hat sogar das Zeug dazu, die Postulate meiner Heimat zu erfüllen. In meiner sowjetischen Fibel stand: „Internationalismus ist die Zukunft der Menschheit. Nationalismus ist ihre Sackgasse.“ Das alles kann Deutschland in der EU als wahre europäische Werte etablieren. Das Potenzial dazu habe ich im Bewusstsein der Bevölkerung entdeckt.

Dennoch bezweifeln Sie, dass die Deutschen jemals vorhatten, Fremde zu integrieren. Wird Ausländern die Integration schwer gemacht?

Kaminer: Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, mein Buch drehe sich vor allem um das Thema Integration. Es geht darin um die unterschiedlichsten Themen. In Deutschland wurde die Problematik der Integration von Anfang an von der falschen Seite angegangen. Man hat versucht, alle über denselben Kamm zu scheren und allen die sogenannte Leitkultur anzubieten. Integration wäre eigentlich Aufgabe der Kulturpolitik, aber diese funktioniert in Deutschland nur in begrenztem Maße. Der Staat hat die Integration in eine falsche Richtung getrieben. Die Sowjetunion war eine Vogelscheuche für alle freien Länder dieser Welt, aber gleichzeitig hatten wir eine ausgeprägte Kulturpolitik.

Was war das Geheimnis der sowjetischen Kulturpolitik?

Kaminer: Wir hatten die multikulturelle Gesellschaft tatsächlich verwirklicht. Das friedliche Zusammenleben verschiedener Völker funktionierte durch die ständige Förderung von innen. Dazu sollten Schriftsteller oder Wissenschaftler unbedingt ihren Beitrag leisten. In der heutigen, viel einfacher gestrickten Gesellschaft, in der das Geldverdienen quasi als einziger Sinn und Zweck des Zusammenlebens gepriesen wird, mangelt es leider an Kulturpolitik. Dennoch trägt Deutschland viel mehr sozialistische Züge in sich als die Sowjetunion früher.

Woran machen Sie das fest?

Kaminer: Am Bewusstsein der Bevölkerung und an den Problemen, die hier diskutiert werden. Dabei geht es nicht in erster Linie ums Geldverdienen, sondern um Ökologie und Nachhaltigkeit. Die ökologische Komponente wird bald die Politik ersetzen, weil man sie plötzlich in allen Lebensbereichen proklamiert. Auch wird hier versucht, schwächeren Ländern zu helfen und ihre Eigenarten zu berücksichtigen. Auf den Finanzmärkten dreht sich alles um Vertrauen, um menschliche Gefühle. Wir sehen dort eine Gefühlsschlacht.

Thilo Sarrazin, ein ehemaliger Bundesbanker, hat zum Thema Integration das umstrittene Buch „Deutschland schafft sich ab“ geschrieben. Was antworten Sie ihm?

Kaminer: Wenn ein Deutscher ein Buch namens „Deutschland schafft sich ab“ schreibt, dann schreibe ich als Ausländer eben eines mit dem Titel „Liebesgrüße aus Deutschland“. Mein Buch ist keine direkte Reaktion auf Sarrazin, sondern es zeigt ein Bild von Deutschland, das gerade neu entsteht. Für mich ist nur ein Land zur Weiterentwicklung fähig, das sich ständig verändert. Ein Deutschland schafft sich ab, und eines entsteht neu. Das zu erkennen und zu beschreiben, war meine Aufgabe.

Sie beobachten Deutschland seit 20 Jahren, besitzen inzwischen sogar einen deutschen Pass.

Kaminer: Und trotzdem bleibe ich ein Ausländer. So fühle ich mich auch viel wohler, denn man sieht mehr als Außenstehender. Ich würde sogar das Ausländersein als Schulpflichtfach einführen. Jeder sollte mal ein halbes Jahr in der Fremde gewesen sein.

Das Goethe-Institut hat Sie als „Ausländer“ nach Australien und Singapur geschickt. Fühlen Sie sich bei solchen Lesereisen auch ein bisschen als Botschafter der deutschen Kultur?

Kaminer: Das ist mir eigentlich ein viel zu pathetisches Gefühl, aber ich bin tatsächlich als Botschafter der deutschen Kultur unterwegs. Im November fliege ich nach Mexiko. Deutschland ist dieses Jahr Schwerpunkt bei der südamerikanischen Buchmesse. Die Mexikaner haben sich aus der deutschen Literatur „Russendisko“ ausgewählt. Danach haben wir eine Reise durch amerikanische Universitäten. Die dortigen Germanisten haben sich ebenfalls mich gewünscht. Ob ich es will oder nicht: Ich bin zu einem Teil der deutschen Kultur geworden.

Haben Sie schon mal deutsche Kollektivfeste wie den Karneval oder das Oktoberfest besucht?

Kaminer: Ich habe immer einen großen Bogen um diese Veranstaltungen gemacht. Die Münchner Taxifahrer übrigens auch, weil die Italiener vom Oktoberfest ihnen die Sitze vollkotzen. Aus Leder kriegt man den Geruch nie mehr raus. Ich mag Köln und München sehr, aber die Gigantomanie dieser Feste mit diesen riesigen Biergläsern ist ein Ausdruck von Provinzialität. Berlin zum Beispiel kann auch ohne. Hier können zehn Oktoberfeste gleichzeitig stattfinden, und es würde kein Mensch merken. Berlin ist eine asketische Stadt. Hier wird alles kleingehalten. Das ist letztlich ein Zeichen von Großstädtertum.

In Schloss Bellevue speisten Sie einmal mit Prinz Charles und dessen Frau Camilla zu Mittag. Eine erinnerungswürdige Begegnung?

Kaminer: Prinz Charles ist ein kleiner netter Mann, der ständig lächelt. Ich war zurückhaltend gegenüber ihm und Camilla wegen meiner schlechten Englischkenntnisse. Ich habe zwar Englisch in der Schule gelernt, aber das war damals eine Provokation des Staates. Sie haben uns falsches Englisch beigebracht, damit wir später nicht mit Ausländern kommunizieren können. Deshalb hat Prinz Charles mich nicht wirklich verstanden. Er wollte von mir wissen, was ich mit der Problematik der Nachhaltigkeit zu tun habe. Ich habe dann versucht, über die deutsche Schrebergartenphilosophie zu referieren. Prinz Charles hat wohl auch so einen großen Schrebergarten.

Kaminer liest

Den Schriftsteller, geboren am 19. Juli 1967 in Moskau, machten seine Erzählbände „Militärmusik“ und „Russendisko“ weit über die Grenzen Deutschlands hinweg bekannt. Kaminer lebt mit seiner aus Russland stammenden Frau Olga, die er 1995 in Berlin kennenlernte, und seinen beiden Kindern im Bezirk Prenzlauer Berg in Berlin. Am 25. September, 20 Uhr, liest Kaminer im Saalbau Luisengarten in Würzburg. Infos und Karten unter Tel. (09 31) 37 23 98. Am 10. November, 19.30 Uhr, liest er in der Schweinfurter Rathausdiele. Infos und Karten unter Tel. (0 97 21) 51 79 60.

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