Würzburg

Mainfranken Theater: Das neue Führungsduo Tanz im Interview

Interview: Als neues Führungsduo Tanz des Mainfranken Theaters treten Dominique Dumais und Kevin O'Day zwar erst in einem Jahr an, doch bis dahin wollen die beiden Würzburg auf viele Arten erkunden.
Dominique Dumais und Kevin O'Day lassen immer auch ihr Lebensumfeld in ihre Arbeit einfließen. „Das Bühnengeschehen hat dadurch immer etwas damit zu tun, wie wir die Welt sehen, wie wir uns darin bewegen und wie wir uns verhalten, welche Beziehungen wir eingehen“, sagt O'Day.
Foto: Angie Wolf | Dominique Dumais und Kevin O'Day lassen immer auch ihr Lebensumfeld in ihre Arbeit einfließen. „Das Bühnengeschehen hat dadurch immer etwas damit zu tun, wie wir die Welt sehen, wie wir uns darin bewegen und ...

Zur Spielzeit 2018/19 wird die Frankokanadierin Dominique Dumais Ballettdirektorin des Mainfranken Theaters. Neu ist außerdem die Position des „Artist in Residence“: In dieser Funktion wird der New Yorker Kevin O'Day die Compagnie trainieren, Dumais beraten und eigene Stücke erarbeiten. Dumais und O'Day, die eine gemeinsame zehnjährige Tochter haben, waren bereits in ihrem letzten festen Engagement ein Team: Von 2002 bis zu ihrer Abschiedssaison 2015/16 leiteten sie das Kevin-O'Day-Ballett am Nationaltheater Mannheim, er zuletzt als Ballettintendant, sie als stellvertretende Intendantin. In dieser Zeit entstanden über 40 Produktionen, darunter Ensemblestücke mit Livemusik, mehrteilige Ballettabende sowie große Themen- und Handlungsballette.

Frage: Sie haben gesagt, Sie beziehen immer Eindrücke der Orte, an denen Sie leben und arbeiten, in ihre Choreografien ein – was haben Sie bis jetzt in Würzburg gefunden?

Dominique Dumais: Es ist immer noch etwas früh, um das zu beantworten. Was wir schon sagen können: Es leben hier viele Generationen miteinander, und das ist gut für uns. Es gibt viele Studenten, und es gibt ältere Menschen. Ich glaube, das Theater ist ein guter Ort für all diese Menschen, um zusammenzukommen. Und ich denke, unsere Arbeit muss alle Generationen ansprechen.

Die Barockstadt existiert seit dem Krieg zwar nur noch in Resten, prägt aber immer noch das Selbstverständnis Würzburgs. Und dann sind da noch viele Verwaltungen und die einflussreiche katholische Kirche. Spielt derlei auch eine Rolle in Ihren Überlegungen?

Dumais: Wenn ich an einem Projekt arbeite, vertiefe ich mich in mein Sujet und entscheide erst über dessen Ausrichtung, wenn ich wirklich alle Aspekte verinnerlicht habe. Das wird die Arbeit des nächsten Jahres werden: über Würzburg lernen und lesen, seine Geschichte, seine aktuellen Probleme, das Zusammenleben der verschiedenen Gemeinschaften. Das Barock mit all den übertriebenen, ausufernden Formen ist dabei auch interessant, schließlich haben die Zeitgenossen es als aberwitzig empfunden. Da gibt es also durchaus so etwas wie ein revolutionäres Erbe. Aber es braucht Zeit, eine Umgebung wirklich kennenzulernen. Dazu gehört auch, Vertreter anderer Kunstrichtungen kennenzulernen. Kevin ist darin ziemlich gut.

Kevin O'Day: Möglicherweise gibt es hier Menschen, die hochwertige Kunst machen, aber vollkommen unbekannt sind. In Mannheim habe ich einige entdeckt – Fotografen, Musiker, bildende Künstler, die in ihrer eigenen Stadt kaum wahrgenommen wurden und in Zürich oder Mailand arbeiteten. Die kamen in die Vorstellungen und sprachen uns an. Vielleicht gibt es ja Menschen, mit denen wir uns austauschen und mit denen wir Projekte auf die Beine stellen können.

Es gibt also eine enge Verbindung zwischen der Kunst und Ihrem persönlichen Leben?

Dumais: Wir leben hier ja nicht als Touristen. Für mich gibt es keine Trennlinien zwischen mir als Künstlerin, Mensch oder Mutter.

Sie haben davon gesprochen, dass jeder Künstler so etwas wie ein lebenslanges Thema hat. Welches ist Ihres?

Dumais: Gute Frage – und ich habe sie mir selbst eingebrockt. Also: Auf jeden Fall menschliche Beziehungen. Mitgefühl und Entfremdung spielen eine Rolle und das Konzept des Dazugehörens.

O'Day: Es gibt da diesen deutschen Begriff „Heimat“.

Heimat ist ein typisch deutscher Begriff, und er hat viele Bedeutungen. Ernst Bloch sagt „Heimat ist ein Ort, an dem noch niemand gewesen ist“. Ein ewiger Sehnsuchtsort.

Dumais: Ich würde sagen, Heimat ist etwas, was fortwährend neu definiert wird. In dem Maße, wie sich eben unser Leben verändert. Ich selbst war immer irgendwie eine Außenseiterin – das ist ein wiederkehrendes Thema in meinem Leben. Ich bin schon mit elf von zu Hause ausgezogen. Dadurch habe ich immer das Gefühl gehabt, die Dinge anders zu sehen als andere Leute. Ich habe auch sehr früh den Tod einer mir sehr nahestehenden Person erlebt – auch das hat Einfluss auf mein Schaffen. Aber nicht Tod in einem makabren, dunklen Sinne, sondern eher als ein natürlicher Bestandteil des Lebens, zu dem wir uns stellen müssen.

Sie haben auch mit literarischen Vorlagen gearbeitet.

Dumais: Ja, ich habe ein Stück zu Rilke gemacht und mich dafür sehr intensiv mit den Duineser Elegien befasst. Ich habe jeden Augenblick davon geliebt – deshalb träume ich davon, richtig, richtig Deutsch zu lernen, um all das im Original lesen zu können. Auch andere Arbeiten – zu Frida Kahlo oder „Der kleine Prinz“ – befassen sich mit diesen Motiven, es geht um Entfremdung, Dazugehören, Tod und sogar in gewissem Sinne Wiederauferstehung.

Sie sprechen oft von „Forschung“ im Zusammenhang mit Ihrer Arbeit. Wie hat man sich das vorzustellen?

Dumais: Für mich ist das eine kreative Herausforderung. Es ist gleichbedeutend mit dem Schaffen eines Werkes – ich werde von meiner Nase geleitet. Ich habe für „Frida“, „Rilke“ oder „Isadora“ die jeweiligen Lebensläufe und Werke studiert. In den Choreografien tauchen immer wieder Zitate dazu auf.

O'Day: In Form von Stimmungen wohlgemerkt, nicht als plakative Zitate.

Dumais: Aber auch in Form von Ereignissen aus dem Leben. Ich würde sagen, es ist beides. Die Rose bei Rilke etwa, die ist bildlich und wörtlich gemeint. Er hatte die Rose für eine Frau gepflückt, sich dabei verletzt und dabei eine Infektion bekommen, die ihn letztlich getötet hat. Forschung kann sich auch mit Bewegung befassen. Schließlich ist unser Instrument der menschliche Körper, und der ist eine nie versiegende Quelle neuer Erkenntnisse. Je tiefer ich in die Grundlagen von Biologie und Anatomie eintauche, desto untrennbarer sind diese für mich mit unserem Selbstverständnis verknüpft. Mit all unseren Entscheidungen. Forschung bedeutet also immer Suche nach Bedeutung und Substanz.

O'Day: Die Resonanz entsteht aus der Verbindung all dieser Elemente. Das Bühnengeschehen hat dadurch immer etwas damit zu tun, wie wir die Welt sehen, wie wir uns darin bewegen und wie wir uns verhalten, welche Beziehungen wir eingehen.

Wie viel von den physiologischen Erkenntnissen kann ins klassische Ballett einfließen? Dort sind die Abläufe ja sehr stark genormt.

Dumais: Ich kann gar nicht anders, als diese Ergebnisse auch dort anzuwenden. Klassisches Ballett ist ein wesentlicher Bestandteil meiner Sprache, damit bin ich großgeworden. Deshalb werde ich mich davon nie ganz wegbewegen. Aber das Interessante ist doch, klassisches Ballett mit dem Wissen zu betrachten, das wir heute haben. Und es eher als Werkzeug zu nutzen als etwas, das strikt unverändert erhalten werden muss. Es geht immer darum, die Bewegungen zu finden, die das ausdrücken, was ich künstlerisch sagen will.

Welche Bedeutung hat das Erzählen von Geschichten für Sie?

Dumais: All meine Arbeit ist narrativ, also erzählend. Ob das die großen dramaturgischen Linien sind oder Chansons – ein Chanson kann eine ganze Lebensgeschichte enthalten. Eine individuelle Lebensgeschichte ebenso wie unser aller Geschichte. Wir arbeiten so hart daran, Beziehungen zu verstehen, sie zu entwickeln, und zum Schluss sterben wir doch alle allein. Das ist wie diese russischen Puppen – wir öffnen eine, und darin ist eine andere und so weiter. Grundsätzlich gilt: Es ist Raum für alles. Und das ist der Spaß daran. Natürlich kommen die Menschen mit Erwartungen an große Erzählungen wie „Dornröschen“ oder „Romeo und Julia“ ins Theater – Junge trifft Mädchen – damit fühlen sie sich sicher und wohl. Unsere Aufgabe ist es, diese Geschichten so zu erzählen, dass sie für unser heutiges Leben eine Bedeutung haben.

Wie erzählt man solche Geschichten auf der Ballettbühne?

Dumais: Es geht nicht darum, immer alles genau auszuformulieren. Meine größten Momente als Zuschauerin im Theater waren die, in denen mich Wellen großer Emotion überkamen und ich nicht wusste warum. Es war einfach die Art, wie das Stück gemacht war – das finde ich sehr aufregend. Wir jedenfalls sind sehr offen für alle Formen des Ausdrucks. Manchmal entwickle ich ein Stück aus einer Bewegung, die jemand gemacht hat, den ich auf der Straße gesehen habe.

O'Day: Das Wesentliche ist es, eine Verbindung zum Publikum zu bekommen. Man muss ihm einerseits Raum lassen, denn jeder hat seine eigene Wahrnehmung, das geht schon bei Farben los. Und dann kommt es auf den „Auslöser“ an – das ist noch so ein schönes deutsches Wort. Das kann ein Song sein, der einmal eine Rolle in deinem Leben gespielt hat. Oder Teile unseres kollektiven Bewusstseins wie das Auffliegen eines Vogelschwarms, das für uns eine Bedeutung hat, seit wir Jäger und Sammler waren. In solchen Momenten greift eine Geschichte tiefer, als es die Erzählung einer Handlung je könnte.

Zu den Personen

Dominique Dumais wurde 1968 in Lac St-Jean in Quebec geboren und absolvierte ihre Ausbildung an der National Ballet School in Toronto. Ab 1986 war sie Solistin des kanadischen Nationalballetts, wo sie im klassischen wie im zeitgenössischen Repertoire tanzte und mit Choreografen wie William Forsythe, James Kudelka, Glen Tetley, David Parsons und Christopher House arbeitete.

Nach ersten eigenen Choreografien verließ Dumais 1998 das Ensemble, um als freie Choreografin und Tänzerin zu arbeiten. Sie schuf Werke für kanadische Compagnien, das Stuttgarter Ballett, die Komische Oper Berlin und das Pacific Northwest Ballet.

Kevin O'Day, 1962 geboren in Phoenix, Arizona, aufgewachsen in New York, war von 1983 bis 1988 Solotänzer für Twyla Tharp. 1988 bis 1991 war er Solist im American Ballet Theatre, bevor er sich dem Frankfurter Ballett anschloss. Von 1992 bis 1995 war er Mitglied des White Oak Dance Project von Mikhail Baryshnikov. 1994 lud Baryshnikov O'Day ein, ein neues Werk zu choreografieren, was den Beginn seiner Karriere als Choreograf markierte.

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