Neues Bild von Hans Scholl

Die Weiße Rose: Die erste Biografie über den Widerstandskämpfer und älteren Bruder von Sophie Scholl
Freiheitskämpfer: Hans Scholl, Mitgründer der Widerstandsgruppe Weiße Rose.
Foto: dpa, Hoffmann und Campe | Freiheitskämpfer: Hans Scholl, Mitgründer der Widerstandsgruppe Weiße Rose.

Vor 70 Jahren gründeten die Geschwister Hans und Sophie Scholl mit anderen die Widerstandsorganisation Weiße Rose. Erstmals ist jetzt eine Biografie über Hans Scholl erschienen (Hoffmann und Campe, 499 Seiten, 24,99 Euro). Die Historikerin Barbara Ellermeier lässt ihn durch seine Briefe und Tagebuchaufzeichnungen zum Leser sprechen. Viele bisher unbekannte Quellen zeigen ein überraschend neues, lebendiges Bild des Widerstandskämpfers. Ein Gespräch mit Ellermeier über Scholl und den Widerstand.

Frage: Die Weiße Rose wird vor allem mit Sophie Scholl in Verbindung gebracht. Ihr hat man Filme und Musicals gewidmet. Wollten Sie mit Ihrer Biografie über Hans Scholl den Mythos ein bisschen korrigieren?

Barbara Ellermeier: Mythos ist ein großes Wort. Mein Geschichtsprofessor hat immer gesagt: „Das Uninteressante ist das Interessante.“ Wenn man bei Sophie den Blickwinkel nur geringfügig ändert, kommt Hans Scholl in den Fokus. Sein Nachlass im Institut für Zeitgeschichte in München wurde erst jetzt komplett freigegeben. Da habe ich Hunderte neuer Briefe entdeckt, an die Freunde und Freundinnen, die Geschwister und die Eltern. Seine Mutter hat jeden Sonntag allen Kindern geschrieben. Es ergibt ein sehr dichtes Bild, teilweise kann man sogar Tagesabläufe rekonstruieren. Meine Biografie beginnt, als Hans anfängt, selbst regelmäßig Briefe zu schreiben: mit 18 Jahren. Seine Kindheit habe ich nur in Rückblenden erzählt. Ich wollte nicht auf die Erinnerungsliteratur zurückgreifen. Hans Scholl soll direkt zum Leser sprechen, mit seiner eigenen Stimme.

Welche neuen Erkenntnisse haben Sie bei den Recherchen für Ihr Buch gewonnen?

Ellermeier: Bisher hatte man immer dieses Bild des draufgängerischen Helden Hans Scholl. Ich war überrascht, wie spät er sich zum aktiven Widerstand entschloss. Auch war ich verwundert, wie sehr bei ihm Innen- und Außenansicht auseinanderklaffen. Nach außen wirkt er wie ein Netzwerker, der Leute zusammenbringt. Innerlich sehnt er sich danach, allein zu sein. Das durchzieht seine Briefe über Jahre. Ein zweiter Punkt ist seine starke Sehnsucht nach dem Krieg, die mir völlig unbekannt war. Andererseits hatte er diesen Hass aufs Militär, er strebte nach persönlicher Freiheit. Es fiel ihm leicht, neue Beziehungen einzugehen – und furchtbar schwer, Schluss zu machen! Neu für mich war auch, dass die Weiße Rose keine homogene Gruppe war. Durch das bekannte Buch von Inge Aicher-Scholl erschien es, als seien Hans und Sophie die Anführer dieser kleinen Widerstandsorganisation in München gewesen. Erst durch meine Recherchen habe ich gesehen, wie sehr diese Gruppe in Bewegung war. An den Rändern kamen ständig neue Leute dazu, andere sprangen wieder ab. Eigentlich waren es Hans Scholl und Alexander Schmorell, die die ganze Flugblättersache angestoßen haben. Sophie Scholl musste sich ihren Platz erst mühsam erarbeiten.

Sophie Scholl soll bis 1941 noch Heimabende des „Bundes Deutscher Mädel“ besucht haben. Wie war das bei Hans?

Ellermeier: Hans Scholl war bis zum Ende seiner Schulzeit in der Hitlerjugend aktiv. Sein Engagement ließ erst nach, als er zum Reichsarbeitsdienst musste. Im Frühjahr 1939 begann er ein Medizinstudium in München. Er hat versucht, sich auf sein Studium zu konzentrieren und irgendwie klarzukommen mit den Zwängen im Militär und dem NS-Staat. Das war noch kein Widerstand, sondern nur ein Stillhalten. Er nannte das Energiesparen.

Gibt es den einen Punkt, den man als Wende festmachen kann?

Ellermeier: Nein, diese Sache musste erst einmal reifen. An den neuen Quellen sieht man, wie er bestimmte Fragen jahrelang gedanklich bearbeitet. Ich habe einen Brief gefunden, auf dessen Umschlag er eine Hitler-Briefmarke kopfüber geklebt hat. Verkehrt herum! Das ist ein erster Funke. Im Februar 1942 ist Hans Scholls Welt in den Grundfesten erschüttert. Er fühlt sich beim Militär nicht wohl, er ist im Arrest, weil seine Studentenkompanie einen Vorgesetzten ausgepfiffen hat, er kann keine kleinen Fluchten mehr unternehmen. Zudem ist seine Familie existenziell bedroht, weil sein Vater den Führer beleidigt hat. Robert Scholl drohen Haft und Berufsverbot. Es dauert noch zwei, drei Monate, bis sich die Freunde Hans Scholl und Alexander Schmorell zusammentun und in München die ersten vier Flugblätter versenden.

Von Hans ging eine große Anziehungskraft aus. Hat er Sophie instrumentalisiert für seinen gefährlichen Kampf gegen Hitler?

Ellermeier: Hans Scholl hätte sie nie um Mitarbeit gebeten, das glaube ich fest. Die Männer haben eigentlich gesagt, der Widerstand ist nichts für Frauen. Sophie Scholl hat sich ihr Mitwirken selber erarbeitet. Sie hatte einen starken innerlichen Drang, etwas gegen Hitler zu unternehmen. Als Hans Scholl, Alexander Schmorell und Willi Graf monatelang als Sanitäter in Russland an der Front waren, machte sie einfach weiter. Sie besorgte einen Vervielfältigungsapparat, warb einen neuen Mitarbeiter in Ulm an und beschaffte sehr viel Geld. Als die Männer im November 1942 wiederkamen, griffen sie einfach das auf, was Sophie in der Zwischenzeit vorgearbeitet hatte, denn sie sahen ja, wie sie ihrem Unternehmen nützte.

Welches Verhältnis hatte Hans Scholl zu seiner jüngsten Schwester Sophie?

Ellermeier: Ursprünglich wollte ich das Verhältnis zwischen Hans und Sophie Scholl neu beleuchten. Man hat immer dieses glorreiche Geschwisterpaar vor Augen, was mit vereinten Kräften Flugblätter in den Lichthof der Universität wirft. Aber in Wirklichkeit stand Hans seiner ältesten Schwester Inge sehr viel näher. Wenn er ein Problem hatte, schrieb er ihr und nicht Sophie. Sie sprachen über Religion oder Frauengeschichten. Mit Sophie verbrachte Hans über weite Jahre kaum gemeinsame Zeit, er war beim Militär, sie beim Reichsarbeitsdienst an unterschiedlichen Orten. Erst im Mai 1942 kommt Sophie zu Hans nach München. Und erst im November 1942 beziehen sie gemeinsam das Gartenhaus in Schwabing. Dieses Geschwisterverhältnis, wie wir es aus Filmen kennen, hatten sie eigentlich nur für vier Monate!

Sie verschickten nicht nur Tausende Flugblätter, sie schrieben zudem Parolen wie „Nieder mit Hitler“ oder „Freiheit“ an die NSDAP-Parteizentrale oder den Eingang der Universität in München. Woher nahmen sie diesen ungeheuren Mut?

Ellermeier: Es waren wohl sehr mondhelle Nächte im Februar 1943, als Hans Scholl und Alexander Schmorell loszogen, um „Massenmörder Hitler“ an Wände zu malen. In manchen Nächten war auch Willi Graf bei diesen enorm gefährlichen Aktionen dabei. Die Konfrontation mit dem Tod und dem Dahingeschlachtetwerden der Soldaten in Russland hat die jungen Männer radikalisiert. Hans Scholl schrieb einmal, er habe keine Angst vor dem Gefängnis, und auch der Tod schrecke ihn nicht länger. Eigentlich wollte er keine Frauengeschichten mehr haben, aber dann hat er sich doch wieder verliebt.

Hatte Hans Scholls wechselhaftes Liebesleben einen Einfluss auf den Gang der Ereignisse?

Ellermeier: An den neuen Quellen sieht man, dass Hans Scholl selbst seine Ex-Freundinnen um Papier und Briefumschläge gebeten hat. Zum Jahreswechsel 1942/43 verliebte er sich in eine Freundin von Sophie, Gisela. Diese kam aus einer nationalsozialistischen Familie. Er glaubte, dass sie nichts von seinen Planungen ahnte. Aber sie hat natürlich etwas mitbekommen. Am Tag seiner Beerdigung ist sie freiwillig zur Gestapo gegangen und hat ein Geständnis abgelegt. Sie hat viele Namen genannt, mancher wurde extrem hart bestraft, nur weil er Hans Scholl gekannt hat. Insgesamt hat die Gestapo 80 bis 100 Verdächtige befragt. Ich bin die Erste, die versucht, die Zeit nach der Flugblattaktion vom 18. Februar 1943 nachzuvollziehen. Hingerichtet wurden sechs. Christoph Probst wurde im Hauruckverfahren mit Hans und Sophie Scholl zum Tode verurteilt. Dabei war er an den Aktionen viel weniger beteiligt. Die jüdische Frau eines Geldgebers wurde ins KZ gebracht und kam dort um. Im letzten Kapitel meiner Hans-Scholl-Biografie beschreibe ich solche Schicksale.

Am 18. Februar 1943 ließen sich Hans und Sophie bei einer Flugblattaktionen in der Münchner Universität widerstandslos durch einen Hausmeister verhaften. Ließen sie dies mit sich geschehen, weil sie nicht damit rechneten, ihr Leben aufs Spiel zu setzen?

Ellermeier: An ihrer Unvorsichtigkeit sind wahrscheinlich viele Faktoren beteiligt. Die Überarbeitung, der wenige Schlaf, die nächtlichen Aktionen, der Übermut. Als Historikerin kann ich die Geschehnisse nicht bis ins Letzte erklären. In meinem Kapitel über die Verhaftung lasse ich viele verschiedene Originalquellen sprechen: die Verhörprotokolle der Gestapo, Briefe und Telegramme, Aussagen von Hans und Sophie Scholl.

Was hat Hans Scholl uns heute noch zu sagen?

Ellermeier: Wenn man sich eingeschränkt fühlt, sollte man für seine Freiheit kämpfen. Und außerdem sollte man mehr Liebesbriefe schreiben.

Die Historikerin

Dr. Barbara Ellermeier hat im Münchner Institut für Zeitgeschichte den umfangreichen Nachlass von Hans und Sophie Scholl ausgewertet. 2012 erhielt die Historikerin den Martha-Saalfeld-Förderpreis und das Vézelay-Stipendium des Landes Rheinland-Pfalz. Die 32-Jährige lebt und schreibt in einem 450 Jahre alten Fachwerkhaus am Mittelrhein.

Themen & Autoren
Alexander Schmorell
Allgemeine (nicht fachgebundene) Universitäten
Biografien
Christoph Probst
Erbschaften
Gestapo
Hans Scholl
Historikerinnen und Historiker
Hitlerjugend
Hoffmann und Campe
Kapitel
Sophie Scholl
Weiße Rose
Willi Graf
Zeitgeschichte
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!