Leitartikel: Wir sind Deutschland?

Sie sind kriminell, nehmen uns die Arbeit weg, leben auf unsere Kosten in der Bundesrepublik. Und das Schlimmste: Sie kommen, um zu bleiben.

So denken nach wie vor viele Deutsche über Migranten. Inzwischen zieht es immer mehr von ihnen in die Bundesrepublik – die meisten stammen aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten wie Polen, Rumänien oder Ungarn. Seit der Finanzkrise sind es aber auch viele Griechen und Spanier, die in die Republik einwandern. Das führt seit zwei Jahren zu einem Bevölkerungswachstum in Deutschland – trotz Geburtenrückgang. Anstatt jedoch Multikulti zu akzeptieren und als Gewinn zu betrachten, verschließt die Bundesrepublik die Augen vor den Konsequenzen. Davor, dass sie längst zu einer Einwanderungsgesellschaft geworden ist.

Fast fast sieben Millionen Menschen ausländischer Herkunft leben in Deutschland. Doch auch heute noch bedeutet immigriert längst nicht integriert.

Dabei war es Deutschland selbst, das die Migranten einst ins Land holte. Anfang der 60er Jahre mangelte es in Deutschland an Arbeitskräften. Arbeiter aus ganz Europa wurden ins Land angeworben – um sie anschließend wieder nach Hause zu schicken. Eine Rechnung, die nicht aufging: Viele Gastarbeiter wollten nicht zurück in ein Land, das wirtschaftlich kaum Möglichkeiten für sie bereithielt.

Die Einwanderer blieben. Und mit ihnen viele Hürden, die es zu überwinden gilt. Nicht nur unterschiedliche Religionen, Mentalitäten und fremde Kulturen prallen tagtäglich aufeinander, sondern auch Vorurteile, die unüberwindbar scheinen.

Ein Teufelskreis: Auf der einen Seite herrschen Vorurteile, auf der anderen zunehmende Abschottung. Viele Migranten fühlen sich ungleich behandelt, isolieren sich, gründen eigene Vereine, organisieren sich mehr und mehr selbst.

Dabei gibt es bereits einige Lösungsansätze: Seit 2000 gilt in Deutschland das neue Staatsbürgerschaftsrecht. Migranten, die seit acht Jahren in Deutschland leben, wird es damit ermöglicht, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. Ein Schritt in die richtige Richtung. Integrationsbeauftragte Maria Böhmer sieht den momentanen Integrationsprozess positiv: Immer weniger ausländische Schüler brechen die Schule ab, immer mehr schaffen den Schulabschluss. Die Arbeitslosenquote unter der ausländischen Bevölkerung ist in den letzten Jahren zudem deutlich zurückgegangen.

Doch allen Bemühungen zum Trotz: Vielen Migranten fällt es schwer, sich in Deutschland zu integrieren. Auf beiden Seiten herrscht in den Köpfen noch immer eine Barriere, die nicht verschwinden will. Dabei leben die Nachfahren der Gastarbeiter der 60er Jahre größtenteils schon in der dritten Generation in Deutschland – trotzdem werden viele in der Bevölkerungsstatistik als „Ausländer“ geführt.

„Wir sind Deutschland“ hieß es in einer bundesweiten Kampagne. Dabei verdrängen wir, dass wir in Deutschland längst in vielen gesellschaftlichen Bereichen von der Zuwanderung profitieren. Eigentlich hatten wir genug Zeit, um eine Basis für Integration zu schaffen. Deutschland ist heute auch ein Stück Türkei, Polen oder Griechenland. Bis diese Tatsache hierzulande akzeptiert wird, kann es noch eine Zeit lang dauern.

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