Pontifikat der verpassten Chancen

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Früher war Papst sein einfacher. Kunst sammeln, die Familie versorgen, sich ein Denkmal setzen. Rom ohne die Selbstdarstellungswut der Päpste und ihre Finanzkraft wäre heute nur halb so schön. Das Ganze in der Gewissheit, die allein selig machende Kraft auf Erden zu vertreten: die katholische Kirche. Die Autorität des Papstes war unantastbar. Er war weltlicher Monarch und geistliches Oberhaupt in einem, Nachfolger der römischen Kaiser und Nachfolger Petri, Politiker und Priester. Und heute? Die Stellenausschreibung würde wohl einen leitenden Direktor suchen für einen Weltkonzern, der im Kampf mit immer neuen Konkurrenzmodellen ständig Marktanteile verliert.

Der Kandidat müsste Menschenführung und Finanzen beherrschen, TV-tauglich sein und einer Hierarchie vorstehen, die ein Haifischbecken zu nennen, eher einer Verharmlosung wäre. Er müsste moralisches Vorbild, Manager, Lehrer, Lebensberater, Sinngeber in einer Person sein, Regeln vorgeben und dennoch ständig zum Dialog bereit. Und dann auch noch Glaube vermitteln in Zeiten, in denen immer mehr Menschen glauben, keinen Gott mehr zu brauchen.

Hört sich nach keinem einfachen Job an, selbst für den Statthalter Jesu. Für Marco Politi, Journalist, Autor und Vatikan-Experte, ist Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI., die falsche Wahl. „Benedikt – Krise eines Pontifikats“, heißt sein Buch, das am 28. November auf Deutsch erscheint. In Schweinfurt sprach Politi über sein Buch und über den Papst, den er als „große Persönlichkeit“ schätzt, als Führer der Kirche allerdings nicht akzeptieren kann: „Joseph Ratzinger hätte nicht Papst werden dürfen.“

Politi spricht mit großer Bewunderung und Respekt über den Menschen Ratzinger. Das nötigt Pfarrer Roland Breitenbach, nimmermüder Kirchenkritiker, Respekt ab. Selten habe er eine so faire und ausgewogene Darstellung gehört, sagt er zu Politi. „Ich hätte so fair nicht sein können.“ Das ist auch das Beeindruckendste an Politis Rede. Hart in der Sache zwar, aber ohne Zorn und Eifer. Einfach eine Analyse des Pontifikats Benedikts, der Erwartungen an ihn, der Art, wie er mit Problemen umgeht, wie er Krisen bewältigt. „Wo geht diese große Organisation hin“, die Frage beschäftigt ihn.

Politi, der 20 Jahre lang für die Tageszeitung „La Repubblica“ berichtet hat, kannte Johannes Paul II. persönlich, Papst Benedikt kennt er noch aus dessen Zeit als Leiter der Glaubenskongregation. Beide Päpste sind für ihn Symbole ihrer Zeit. Der polnische Papst für das Aufgehen des Eisernen Vorhangs, der deutsche für die Versöhnung mit den Wunden des Zweiten Weltkrieges. „Wir sind Papst“ – die legendäre „Bild“-Schlagzeile nach der Ratzinger-Wahl war für ihn auch ein Ausdruck der Unterstützung, der Zustimmung. Nur als Benedikt sechs Jahre später nach Deutschland reiste, sagten 86 Prozent, die Reise interessiere sie nicht, zitiert er eine Forsa-Umfrage.

Was war passiert? Benedikt habe große Reden gehalten – allerdings Monologe, keine Dialoge. Was er sage, sei oft brillant, gehe aber an seinen Gesprächspartnern vorbei. Zu viel Intellekt, wo Aufeinanderzugehen, Menschlichkeit gefragt wäre. Und das, obwohl Politi diesen Papst als Menschen kennt, der in den kleinen Kirchen Roms mit klaren und einfachen Worten packend das Evangelium erklärt. Manchmal hat man das Gefühl, Politi hat Mitleid mit Benedikt, weil er, der brillante Theologe, der Falsche für dieses Amt ist. „Er ist kein Oberhaupt, keine Führungspersönlichkeit.“

Das zeigt sich für Politi auch in den vielen Krisen (Piusbrüder, Verhältnis zum Islam, Brüskierung der Juden, Stichwort Karfreitagsgebet) seines Pontifikats. „So viele, wie in 200 Jahren nicht“. Ratzinger hat zwar lange in Rom gewirkt, kannte aber die Kurie nicht, weil er in der eigenen Welt der Glaubenskongregation lebte. Und die Verwaltung und Einrichtungen wie die Vatikanbank scheinen nicht ausschließlich nach dem Prinzip Nächstenliebe zu arbeiten. Politi spricht von Korruption, Vertuschungen, Finanzskandalen, Beziehungen zur Mafia. Er wirft Benedikt auch vor, sich trotz bewegender Worte und Dialogbereitschaft nicht genug um die Missbrauchsopfer gekümmert zu haben. „Warum gibt es keine Pflicht für die Kirche, solche Fälle anzuzeigen?“ Signale waren da, wie so oft, aber gekümmert hat sich keiner. Politi wirft Benedikt auch vor, Sachen zu sagen, die fatal sind. Zum Beispiel, dass Kondome die Aids-Situation verschlechtern.

Für Politi ist Benedikt der Papst der verpassten Möglichkeiten. Und ein Papst, der wenig Rückhalt hat. Symptom: die „Vatileaks“-Äffäre um Kammerdiener Paolo Gabriele. Nicht mal im Kalten Krieg habe jemand aus der engsten Umgebung den Papst verraten, Dokumente an die Medien gegeben. Für Politi klares Zeichen für einen Machtkampf im Vatikan – und dafür, dass Ratzinger nicht hätte Papst werden dürfen. Foto: Waltraud Fuchs-Mauder

Marco Politi

Der Vatikan-Kenner, 1947 in Rom geboren, hat eine deutsche Mutter und Teile seiner Jugend in Deutschland verbracht. Er ist Journalist und Autor, berichtete über den Vatikan, war Korrespondent in Moskau. Zur Zeit arbeitet er für die Tageszeitung „Il Fatto Quotidiano“ und für eine Reihe europäischer und amerikanischer Fernsehsender. Zusammen mit Watergate-Enthüller Carl Bernstein schrieb er eine Biografie über Johannes Paul II. Das Buch „Benedikt – Krise eines Pontifikats“ erscheint am 28. November im Rotbuch-Verlag. In Schweinfurt sprach er auf Einladung der Gemeinde St. Michael in Verbindung mit der Kolpingfamilie, der Katholischen Erwachsenenbildung und des Münnerstädter Kreises. TEXT: sg

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