LESERANWALT

Leseranwalt: Die Fleißarbeit eines Lesers zeigt eindrucksvoll den Gemeinsinn einer freien Mitarbeiterin

Wochenlang hat ein Leser aus Höchberg lokale Zeitungsseiten ausgewertet. Seine Statistik zeigt, dass eine freie Journalistin sich unentgeltlich für einige Vereine engagiert.
Vereine oder Institutionen können Beiträge, die in der Zeitung erscheinen sollen, über ein spezielles Portal hochladen.
Foto: Getty Images | Vereine oder Institutionen können Beiträge, die in der Zeitung erscheinen sollen, über ein spezielles Portal hochladen.

Ein Leser aus Höchberg (Lkr. Würzburg) hat mir in bester Absicht eine gehaltvolle statistische Fleißarbeit geschickt. Ich danke ihm dafür, denn er hat damit eine bemerkenswerte Erkenntnisse ins Blickfeld gerückt.

In den Lokalteilen dieser Zeitung haben Vereine, Schulen und andere Gruppierungen die Möglichkeit, mit ihren eigenen Texten und Bildern zu erscheinen. Dafür müssen sie dem Aufruf "Sie haben das Wort" folgen und ihre Beiträge über das Online-Portal mainpost.de/einsenden der Redaktion zur Verfügung stellen. Diese Texte werden dann - klar gezeichnet mit Autorennamen, Rolle und Institution - veröffentlicht. Ganz wichtig: Parteien, Behörden und andere "kritische Quellen" können diesen neuen Weg nicht nutzen. Hier ein digitales Beispiel einer solchen Veröffentlichung.

Redaktionen gewinnen Freiräume

Diese neue Möglichkeit der Mitgestaltung einer Zeitung ist dem Medienwandel geschuldet und entspricht allen journalistischen Regeln der Transparenz. Redaktionen gewinnen so Freiräume für wesentliche Themen.

Zweifellos kann diese bewusste Übergabe mancher Berichterstattung von Journalistinnen und Journalisten auf Beteiligte auch kritisch gesehen werden. Von Unabhängigkeit kann dabei kaum mehr die Rede sein. Man könnte auch von einer Form von Bürger- oder Graswurzeljournalismus sprechen, freilich angeboten und kontrolliert von der Tageszeitung. Zu wirklich offenem Bürgerjournalismus gab es 2016 eine Studie.

Auch Journalistinnen und Journalisten laden Beiträge für ihre Vereine hoch

Dem Höchberger Leser ist nun auf den entsprechend gekennzeichneten Seiten im Lokalteil ("Wir in Würzburg und Umgebung") aufgefallen, dass zwischen den Texten, die direkt von Vereinen kommen, auch Beiträge von Journalistinnen und Journalisten stehen, die unter anderem auch als freie Mitarbeiter für die Redaktion arbeiten. Das liege nahe, da alle ja privat ebenfalls Teil des gesellschaftlichen Lebens sind, fügt er an. Das sieht er richtig. Auch Sie können für ihre Vereine oder Institutionen Beiträge über www.mainpost.de/einsenden mit ihren Namen hochladen.

Der Mann hat die "honorarfreien Erzeugnisse" professioneller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Zeitung statistisch festgehalten. Dazu hat er sämtliche Ausgaben seines Lokalteils ("Wir in Würzburg und Umgebung") vom 1. April bis zum 2. Juni 2022 ausgewertet – und das trotz der mahnenden Frage seiner Frau, ob er nichts Sinnvolleres zu tun habe. Als langjähriger Rentner nehme er sich eben diese Freiheit, lässt er mich wissen. Und ich bin froh darüber.

Als Ergebnis hat er mir eine säuberlich geführte Liste geschickt. Die lässt erkennen, welche journalistischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wie oft und für welchen Verein freiwillig und honorarfrei publiziert haben.

Viele Vereinen fehlt jemand, der sich um Zeitungsbeiträge kümmert

Eine freie Journalistin aus dem ländlichen Raum, ich nenne Sie kurz A., fällt statistisch besonders auf. Ihr Name steht unter 27 Beiträgen aus Gruppierungen ihrer Umgebung. Sie habe wohl ihren Zeitungshut häufiger gegen einen privaten getauscht, merkt der Leser aus Höchberg an. Zurecht erkennt er, dass eine solche Kümmerin vielen Vereinen fehle. Um das zu ändern, schlägt er vor, die Redaktion möge dafür professionelle Hilfe anbieten. Das gebe ich einfach mal weiter. Zumindest das Portal für die Übergabe der Beiträge, so heißt es, sei technisch kinderleicht zu bedienen.

Das führt zurück zu dieser gut vernetzten und in ihrem Wirkungsbereich gut bekannten Kollegin A., die neben honorierten journalistischen Aufträgen in zwei Monaten noch 27-mal unbezahlt in der Zeitung das Wort für eine Gruppierung übernommen hat. Das geschah einige Male, obwohl sie dort weder in Amt und Würden, noch Mitglied ist. Letzteres hat sie mir auf Nachfrage preisgegeben.

Die Reporterin, die aus gesellschaftlichen Gründen nicht "Nein" sagen mag

Ich habe sie nach dem Warum gefragt. Sie hat antwortet, dass sie mit engagierten Leuten mitfühlen könne, die niemanden finden, der für sie über ein geplantes Ereignis auf den dafür offenen Zeitungsseiten berichte. Sie möchte ihre Bitten nicht ablehnen, weil sie die gesellschaftliche Bedeutung erkennt. Wenn sie geholfen habe, mache sie das zufrieden, sagt sie. Ich habe ihr meinen Respekt bekundet. Zumal sie mich fühlen lässt, wo die lokale Tageszeitung (noch) lebt. 

So liebenswert der Blick auf diese Frau auch sein mag, viel mehr hoffe ich natürlich für den Journalismus und alle Journalistinnen und Journalisten auf bessere Zeiten. Und somit auch in klassischen Medienhäusern auf mehr tragfähige digitale Geschäftsmodelle. Großzügigkeit und der Gemeinsinn einer lokal verwurzelten Reporterin wie Frau A. sind das nicht. Sie finden sich auch bei Lokalblättern immer seltener. Sozial wünschenswert sollte das ohnehin nicht sein. 

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute e.V.

Frühere Leseranwalt-Kolumnen zu journalistischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern:

2008: "Ein lokales Markenzeichen der Zeitung: Die Freien"

2013: "Mit ihren Autoren können die Tageszeitungen mehr Gesicht zeigen"

2013: "Wenn der Berichterstatter in ein berichtetes Ereignis selbst eingebunden war"

2016: "Am Wurzelwerk von Lokalredaktionen"

2017: "Interessenskonflikte von Autoren müssen erkennbar sein"

2020: "Bericht über Kirchenprotest in Forst: Verstoß gegen Pressekodex"

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