Würzburg

Leseranwalt: Redakteure sollten durchblicken lassen, wenn sie mit dem Bürgermeister öfter ein Bier trinken

Zu viel Nähe zu Politikern oder einflussreichen Personen ist im Journalismus verpönt, aber in Einzelfällen unvermeidlich. Dann ist Offenheit wünschenswert.
Redakteurinnen und Redakteure, die öfter mal mit dem Bürgermeister oder Landrat beim Bier sitzen (Symbolbild), sollten das für ihre Leserschaft transparent machen.
Foto: Tom Weller, dpa | Redakteurinnen und Redakteure, die öfter mal mit dem Bürgermeister oder Landrat beim Bier sitzen (Symbolbild), sollten das für ihre Leserschaft transparent machen.

Mit ihrer Unabhängigkeit wollen Journalistinnen und Journalisten sowie Medien dem Vertrauen ihrer Leserschaft gerecht werden. Kein Dritter soll auf sie Einfluss nehmen können. Diese Freiheit schützt das Grundgesetz. Aber im Einzelfall kommt es dann doch auf alle Beteiligen an. So sichert der Pressekodex (Ziffer 6) die Glaubwürdigkeit der Presse noch freiwillig. Er fordert strikte Trennung der Funktionen, sollten Journalisten oder Verleger neben ihrer publizistischen Tätigkeit für Regierung, Behörde oder ein Wirtschaftsunternehmen tätig sein. Gleiches gilt im umgekehrten Fall.

Dass daraus Konflikte entstehen können, habe ich schon erklärt. Die drohen auch bei zu großer persönlicher Nähe von Presseleuten zu Politikerinnen und Politikern oder Personen des öffentlichen Lebens. Das ist zurecht verpönt und nicht nur in Hauptstädten, in denen man sich kaum aus dem Weg gehen kann, zu vermeiden, sondern gerade auch in der ländlichen Region. Auch da zählt journalistische Distanz.

Keine journalistischen Gefälligkeiten für Bekannte oder Freunde

Freundschaften jedoch, die sind menschlich und unvermeidlich. Dagegen wird kein Berufsstand etwas einwenden, auch nicht der Journalismus. Und Nähe ist ohnehin Bestandteil des lokalen Journalismus, weil daran seine Stärken geknüpft sind. So lese ich im Transparenzblog der Schwäbischen Zeitung: "Darf ich nirgendwo dazugehören, nur weil ich bei der Zeitung arbeite? Darf ich mich nicht freuen über gute Nachrichten für meine Kommune, meinen Verein, das Unternehmen, bei dem gute Freunde von mir arbeiten? Doch, ich glaube, ich darf das. Denn Lokaljournalismus lebt auch davon ..."

Zu journalistischen Amigo-Diensten, also zu Gefälligkeiten für Bekannte oder Freunde, darf es aber keinesfalls kommen. So dient es der Kontrolle, wenn den Leserinnen und Lesern mitgeteilt wird, was tunlichst vermieden werden sollte, aber gelegentlich doch mal unvermeidlich sein könnte: Eine wichtige Person seines Beitrages steht dem Berichterstatter persönlich nahe. Und ein anderer Mitarbeiter ist - etwa in einer kleinen Lokalredaktion - für das Thema nicht verfügbar.

Der Journalist, der sich das Siezen verbittet

Jüngst hat mein Kollege Helmut Burlager (Wilhelmshavener Zeitung) aus langjähriger Erfahrung heraus geschrieben, er habe Landräten und Bürgermeistern, obwohl er sich mit denen duzte, böse Kommentare um die Ohren gehauen. Erst hätten sie geschimpft und Tage später bei einer Feier wieder mit ihm beim Bier gestanden. - Das ist nachvollziehbar. Und gewiss im lokalen Umfeld kein Einzelfall.

Interessant ist die Konsequenz, die ein mittelfränkischer Kollege mitteilt. Siezen verbitte er sich in der Regel. Das hält er für "verkrampft und überkommen". Er sei froh, kraft Alters fast jede(n) duzen zu können. - Ja, Duzen muss Unabhängigkeit nicht unbedingt in Frage stellen. Ich gehe davon aus, dass der Kollege in seiner beruflichen Rolle ein gefestigter Mittelfranke ist. Im Berliner Tagesspiegel lese ich zum Beispiel: "Im persönlichen Bereich wird erst recht klar, dass ein 'Du' alleine keine völlig distanzlos-konfliktfreie Zonen schafft. Auch in der kleinen Zeitung pflegen wir immer schon das totale Du, mit allen menschlichen Fiesheiten, die sich auch ohne 'Sie' bestens um die Ohren hauen lassen."

Autorinnen und Autoren sollten ehrlich sein

Für wünschenswert und transparent halte ich das, was ein ostfriesischer Kollege erklärt: Wenn er sich etwa im Interview in gegenseitigem Einverständnis duze, teile er den Leserinnen und Lesern mit, "woher wir uns kennen". Und man bleibe beim Du, damit es nicht gekünstelt klinge. – Das ist sonst wohl selten der Fall, aber korrekt. Vor allem im Radio- oder TV-Journalismus spielt das eine Rolle und ist Bestandteil der Ausbildung. Aber Journalismus sollte sich grundsätzlich zur Transparenz verpflichtet sehen.

Fazit: Wenn sie mal beim besten Willen nicht vermieden werden kann, dann muss der Leserschaft eine Doppelfunktion in der Sache angesagt werden. Das wissen alle. Aber auch große persönliche Nähe zu Protagonisten in wesentlichen Beiträgen, die nicht schon über das Duzen entstehen muss, sollte nicht verschwiegen werden. Wenn es darauf ankommt, sollten Autorinnen und Autoren eben ehrlich sein und damit für ihre Glaubwürdigkeit stehen. Das kann auch für freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gelten. Und Redakteurinnen und Redakteure, die öfter mit Bürgermeister und/oder Landrat beim Bier sitzen, sollten das durchaus mal in ihren Beiträgen durchblicken lassen. 

Journalisten müssen die richtige Balance finden

Nein, ich kenne keine Beispiele für solche Biertische mit Bürgermeistern. Und ich rufe Journalistinnen und Journalisten auch nicht zu ständiger Offenbarung persönlicher Verhältnisse auf, aber in diesem entscheidenden Kontext zur Ehrlichkeit bei wesentlichen Themen.

Auch Journalistinnen und Journalisten haben Anspruch auf ihre Privatsphäre. Grundsätzlich stimme ich dem zu, was Burlager zutreffend schreibt: Jeder Journalist muss für sich die richtige Balance zwischen unvermeidlicher Nähe und ausreichendem Abstand finden, um frei und unabhängig zu bleiben. Patentrezepte aber, die gibt es nicht.

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute e.V.

Ergänzende Leseranwalt-Kolumnen:

2011: "Journalisten dürfen Einfluss auf Rathauspolitik nehmen, ohne gewählt zu sein"

2016: "Der Nachrichtenfaktor Nähe"

2016: "Am Wurzelwerk der Lokalredaktionen"

2017: "Für was das Zitat von Hanns-Joachim Friedrichs nicht taugt"

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