WÜRZBURG

Herbert Böckel: „Unrecht bleibt Unrecht“

Jahrgang 1939: Herbert Böckel.
| Jahrgang 1939: Herbert Böckel.

Herbert Böckel

Wie haben Sie die Tage im November 1989 erlebt?

Als ich das im Fernsehen gehört und gesehen habe, war ich völlig überrascht, dass das so schnell geschehen ist. Irgendwann habe ich damit gerechnet, denn keine Diktatur kann sich auf Dauer halten. Aber dass es so schnell geht, habe ich nicht gedacht. Von heute auf morgen ohne jegliches Blutvergießen, das war für mich auch deshalb so überraschend, weil ich ja die ganze Ideologie und die Gepflogenheiten und Verhaltensweisen der Machthaber in der DDR kannte.

Und wie haben Sie den 3. Oktober 1990 erlebt?

Auch sehr emotional. Unwahrscheinliche Freude, Erleichterung Genugtuung, aber auch Bedenken, was sich letztendlich daraus entwickelt.

Hatten Sie bestimmte Hoffnungen oder Ängste, was die Zukunft betrifft?

Hoffnung, dass das alles reibungslos über die Bühne geht und das ein wirkliches Zusammenkommen auf einer gesunden Grundlage und menschlich vertretbaren Basis zustande kommt. Und auch Bedenken, dass gewisse Kräfte auf der anderen Seite dies blockieren könnten. An ein Verhindern, daran habe ich nicht mehr geglaubt, denn so eine Sache kann man ja nicht mehr stoppen, wenn das ganze Volk dahintersteht.

Wurden im Prozess der Wiedervereinigung Fehler gemacht? Was hätte man Ihrer Meinung nach besser machen können?

In politischer Hinsicht wurden große Fehler gemacht, indem man die Aufarbeitung nicht so vorangetrieben und durchgeführt hat, wie es notwendig gewesen wäre: Heute laufen noch Tausende von Tätern frei herum, die nachweislich Blut an den Händen haben und dafür verantwortlich sind, dass Tausende von Menschen an der Grenze erschossen, von Minen zerfetzt wurden oder in Gefängnisse gewandert sind. Nur um einen „Ost-West-Frieden“ nicht zu stören. Unrecht bleibt Unrecht und Mord bleibt Mord!

Gibt es noch immer Unterschiede oder Vorurteile zwischen West- und Ostdeutschen?

Letztendlich regelt sich das zeitlich und biologisch. Wenn die alte Generation nicht mehr da ist, wird das Vergessen eintreten. Bisher ist noch viel vom alten ideologischen Denken der DDR da. Laut einer Umfrage wünschen sich 25 bis 30 Prozent die alte DDR wieder zurück. Da kann man sich nur fragen: a) Wo haben die gelebt? Und b) Warum wollen die das? Teilweise sind das Leute, die vom System profitiert haben, und einige wenige Unverbesserliche.

Im Zuge der Wiedervereinigung wurden rund 3000 (Quelle: Pressestelle Bundespolizei) der ehemaligen Grenzsoldaten vom Bundesgrenzschutz (BGS) oder Zoll übernommen. Wie lief die Zusammenarbeit mit den neuen Kollegen?

Da hätte man gut und gerne die Hälfte ablehnen müssen, weil sie Dreck am Stecken hatten. Stattdessen wurden sie durchgewunken. Nach der Wiedervereinigung habe ich alte Kontakte zu Ostgrenzern wieder aufgenommen. Die hatte ich schon, bevor die Grenze Anfang der 60er Jahre vollkommen dichtgemacht wurde. Wir haben uns damals getroffen und Waren ausgetauscht, als ob es unsere Kameraden gewesen wären. Mit manchen treffen wir uns heute wieder regelmäßig. Manch einer sagt: „Ja, wir haben damals 1962 auf euch geschossen, aber wir mussten es tun.“ Zumal die meisten absichtlich daneben geschossen hätten. Ich kann dagegen nichts sagen. Das war damals halt so. Die mussten wie wir ihren Dienst machen und standen unter Druck: Entweder du schießt oder du wanderst in den Knast. Das muss man verstehen.

Monotone Architektur: Am Grenzübergang Eußenhausen (Lkr. Rhön-Grabfeld) zeugt dieser Bau von früheren Zeiten.
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