Washington

Das Comeback des Obama-Vertreters

Mit einem Erdrutschsieg in South Carolina kann Joe Biden im demokratischen Präsidentschaftsrennen Boden gut machen. Doch schon am Dienstag droht der nächste Rückschlag.
Joe Biden will Präsidentschaftskandidat der Demokraten werden.
Foto: JIM WATSON, afp | Joe Biden will Präsidentschaftskandidat der Demokraten werden.

So befreit und entschlossen hat man Joe Biden lange nicht gesehen. "Ihr alle, die schon einmal über den Haufen gerannt, abgeschrieben und zurückgelassen wurdet: das ist Eure Kampagne", rief der Ex-Vizepräsident in die Halle: "Wir sind verdammt lebendig!" Die Menge jubelte. Zum ersten Mal in der monatelangen Vorwahlschlacht wirkte die Begeisterung der Biden-Zuhörer euphorisch.

"Am Mittwoch begann die Fastenzeit, und Joe Biden hörte mit dem Verlieren auf", schrieb die Nachrichtenseite Politico und feierte schon die "Auferstehung" des 77-Jährigen. Das scheint zwar - nicht nur angesichts des christlichen Kalenders - deutlich verfrüht. Unbestreitbar aber ist, dass Biden mit seinem Erdrutschsieg bei den Vorwahlen im US-Bundesstaat South Carolina einen vorderen Platz im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur zurückerobert und sich von den anderen moderaten Bewerbern klar abgesetzt hat.

Sanders gesteht Niederlage ein

Nur eine Minute nach Schließung der Wahllokale am Samstagabend erklärten die großen TV-Sender den früheren Obama-Stellvertreter zum Sieger. Am Ende holte er mit 48,4 Prozent der Stimmen fast 30 Prozentpunkte mehr als der Zweitplatzierte Bernie Sanders, der seine Niederlage eingestand. Der Milliardär Tom Steyer, der mehr als 20 Millionen Dollar in den Wahlkampf in South Carolina investiert hatte, erklärte nach einem enttäuschenden Abschneiden sein Ausscheiden aus dem Rennen. Der pragmatische Ex-Bürgermeister Pete Buttigieg, die gemäßigt-linke Senatorin Elizabeth Warren und die moderate Senatorin Amy Klobuchar, die jeweils nur einstellige Ergebnise einfuhren, wollen vorerst aber weiter kämpfen.

Biden hatte South Carolina nach drei enttäuschenden Vorwahlen in Iowa, New Hampshire und Nevada zu seiner "Brandmauer" erklärt. Er profitierte hier von dem hohen schwarzen Bevölkerungsanteil und langjährigen persönlichen Kontakten zu einflussreichen Politikern und Kirchenleuten. Mehr als 60 Prozent der Afro-Amerikaner stimmten laut Nachwahlumfragen für den Vertrauten des ersten schwarzen amerikanischen Präsidenten. Bei seiner emotionalen und persönlichen Dankesrede in der Hauptstadt Columbia wurde deutlich, was Biden in den Augen vieler Unterstützer auszeichnet: Er redet wie ein Seelentröster mit Empathie und persönlicher Betroffenheit, und sieht es als seine wichtigste Pflicht an, das Erbe Obamas zu verteidigen.

Kritik an Bloomberg

"Die Tage von Trumps spalterischer Politik sind bald vorbei!", verkündete Biden: "Wir sind anständig und widerstandsfähig." Mit der Bemerkung, er sei ein "lebenslanger Demokrat", setzte er sich zugleich von dem Multi-Milliardär Mike Bloomberg ab, der in der kommenden Woche erstmals bei den Vorwahlen antreten will und in der politischen Mitte um Stimmen wirbt. Den linken Senator Sanders, der weiter als Favorit im Kandidatenrennen gilt, kritisierte er ebenfalls indirekt: "Die meisten Amerikaner wollen nicht das Versprechen einer Revolution, sie wollen echte Resultate."

Nach der Wahl in South Carolina liegt Biden mit insgesamt 51 Delegiertenstimmen knapp hinter Sanders, der bislang 56 Delegiertenmandate gewonnen hat. Doch diese Statistik sagt wenig aus. Bislang wurde nämlich nur in Bundesstaaten mit relativ wenigen Einwohnern abgestimmt. Insgesamt sind 3979 Delegiertenplätze für den Parteikonvent im Juli zu vergeben, und schon am Dienstag wird in 14 Bundesstaaten über rund ein Drittel davon entschieden. Die bisherigen Umfragen sehen Sanders an diesem "Super Tuesday" klar vorne. Vor allem im bevölkerungsreichen Kalifornien, wo alleine 415 Delegierte nominiert werden, liegt der Alt-Revoluzzer deutlich in Führung. Für Biden hängt nun alles davon ab, ob er den Rückenwind aus South Carolina nutzen kann, um zumindest in anderen südlichen Staaten wie Alabama oder Virginia zu punkten.

Weniger Geld als Kontrahenten

Mit Auftritten in sämtlichen Sonntagsshows der großen US-Sender versuchte der Ex-Vizepräsident am Wochenende, seinen Einmalerfolg zu verstetigen. Allerdings ist die Frist bis zum Dienstag nicht nur extrem kurz. Auch hat Biden deutlich weniger Geld in der Kriegskasse als seine Kontrahenten Sanders und vor allem Bloomberg, der am Dienstag erstmals antritt. Strukturelle Probleme kommen hinzu: So punktet Biden ganz überwiegend bei älteren Wählern. Seine Organisation ist relativ schwach, und er selbst zeigt bei freien Reden immer wieder Konzentrationsschwächen. Seine Anhänger hoffen, dass der langersehnte Triumph von South Carolina dem Kandidaten und seiner Kampagne einen regelrechten Adrenalinstoß versetzt. Sicher ist das freilich nicht.

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