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Wie Verschwörungstheorien das Internet vergiften

Aluminium       -  Alu, Alu, Alu - daraus lassen sich bequem einige Aluhüte für Verschwörungstheoretiker machen.
Foto: Roland Weihrauch (dpa) | Alu, Alu, Alu - daraus lassen sich bequem einige Aluhüte für Verschwörungstheoretiker machen.

Kontrollieren die Freimaurer im Hintergrund die Regierungen? Oder die Illuminaten? Stecken die USA hinter den Anschlägen vom 11. September? Und hält die Pharmaindustrie Medikamente gegen schwere Krankheiten zurück, um den eigenen Profit zu steigern? Verschwörungstheorien erfreuen sich seit Jahren großer Beliebtheit.

Fragen nach Kontakt zu Außerirdischen, den Kennedy-Mördern oder den Hintergründen des Todes von Prinzessin Diana sind einfach zu spannend, um nicht gestellt zu werden. Doch waren sie lange noch fast ausschließlich Themen auf Klatschseiten, Ufologen-Treffen oder Esoteriker-Kongressen, erreichen moderne Verschwörungstheorien nun ein breiteres Publikum – über das Internet bricht sich der Schwachsinn Bahn.

Immer mehr glauben daran. Und das birgt eine Gefahr. Vertreter solcher Theorien werden in sozialen Netzwerken wie Facebook Aluhut genannt. Der Begriff geht auf die Kurzgeschichte „The Tissue-Culture King“ des englischen Autors Julian Huxley von 1926 zurück. Darin ist von Kappen aus Metallfolie die Rede, die das Gehirn vor telepathischen Einflüssen schützen können.

Die wohl bekannteste Verschwörungstheorie, über die Aluhüte im Netz diskutieren, dreht sich um sogenannte Chemtrails: Demnach handle es sich bei vielen Kondensstreifen am Himmel um Chemikalien, die Flugzeuge im Auftrag von Staaten versprühen, um das Wetter zu beeinflussen oder das Bevölkerungswachstum zu bremsen, indem sie die Zeugungsfähigkeit senken. Klingt bizarr, ist aber lediglich ein harmloses Hirngespinst.

Verschwörung im Mittelalter: die Pest

Doch wie gefährlich Verschwörungstheorien sein können, zeigte sich schon im Mittelalter. Damals erklärte man etwa die Ursache für die Pest, indem man Juden beschuldigte, Brunnen zu vergiften. Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt. Damals wie heute ist es einfacher, für ein komplexes Problem, das man nicht versteht oder dessen Lösung unbequem erscheint, einen Sündenbock zu haben, den man an den Pranger stellt.

Das taugt, um Teile der Gesellschaft zu spalten. Auch heute haben sich in den Verschwörungstheorien Feindbilder etabliert, die die unbescholtene Bevölkerung angeblich für dumm verkaufen, ausbeuten oder gar vernichten wollen: die USA, die EU, die Bundesregierung, das Finanzsystem, die Medien. Immer häufiger liest man dabei den Aufruf, „wir“ müssen uns endlich gegen „sie“ wehren.

Die Quellen, auf die sich die Aluhüte bei vielen ihrer Theorien beziehen, klingen gut und betonen meist im Untertitel ihre Seriosität. Wenn sie nicht George Orwell zitieren, der in seinem Roman „1984“ den totalen Überwachungsstaat beschreibt, verweisen sie auf „Contra Magazin – unabhängig, unbestechlich, unzensiert“, „Kopp-Verlag – Informationen, die Ihnen die Augen öffnen“, „Compact – Magazin für Souveränität“ oder „Wissensmanufaktur – Institut für Wirtschaftsforschung und Gesellschaftspolitik“.

Verschwörungs-Theorien heute

Dort liest man dann, dass die Bundesrepublik nicht souverän sei. Oder dass die Medien bewusst und gegen Honorar vieles verschleierten. Etwa das kriegstreiberische Handeln der USA und einer kleinen „Machtelite des internationalen Finanzsystems“, die in Wahrheit auf der ganzen Welt, derzeit vor allem in der Ukraine, für Krisen und Krieg sorgen, um sich zu bereichern. Das erklärte jüngst in einem Video der ehemalige Unternehmer Andreas Popp, heute einer der Köpfe der „Wissensmanufaktur“.

Popp ist einer, der an Chemtrails glaubt und den „Versailler Vertrag“ gerne „Versailler Diktat“ nennt. Letzteres tat er in einem Gespräch mit dem Historiker und Burschenschafter Michael Friedrich Vogt, der 2012 ein „Manifest zur revolutionären Neuordnung“ veröffentlichte. Darin propagiert er die „Abschaffung des Parteienstaates“ und fordert in rechtsideologischer Manier das Ende der „Instrumentalisierung der deutschen Geschichte“.

So ist es nicht überraschend, dass Vogts Internet-TV-Kanal „quer-denken.tv“ jüngst half, eine Theorie zu verbreiten, die man nicht mehr als schrullig abtun kann – weil sie brandgefährlich und hetzerisch ist: Die USA bezahlen demnach Schlepper, um Europa mit Flüchtlingen zu überfluten, mit dem Ziel, es wirtschaftlich zu schwächen und so in amerikanischer Abhängigkeit zu halten. Diese Verschwörungstheorie vereint dabei gleich mehrere Feindbilder und bedient links- wie rechtsextreme Ideologien. Schon im Juni titelte auch das „Contra Magazin“: „Flüchtlinge sollen Europa zusammenbrechen lassen“.

Überhaupt . . . , die Flüchtlinge. Unter anderem berichtet „Compact“ – Chefredakteur ist Jürgen Elsässer, der unter anderem Nähe zu Pegida pflegt –, die jüdische Familie Rothschild verdiene am „Millionengeschäft Asyl“ kräftig mit. Um die Dynastie ranken sich zahlreiche Verschwörungstheorien: Die Rothschilds hätten Wahlen und Aktienmärkte manipuliert oder Kriege angezettelt und dirigiert, um daran zu verdienen.

Allem versteckten Antisemitismus zum Trotz sind solche Geschichten ein gefundenes Fressen für Aluhüte, die auch auf einen abenteuerlichen Bericht des Kopp-Verlags, in dem unter anderem Udo Ulfkottes Bestseller „Gekaufte Journalisten“ erschienen ist, anspringen. In dem Text geht es um eine Prophezeiung des bayerischen Hellsehers Alois Irlmaier. Der soll in den 50er Jahren geweissagt haben, dass der Zuzug „fremder Leute“ Vorbote einer Revolution in Deutschland sei, woraufhin Russland Europa angreife.

Es scheint, als könnten solche Quellen jeden Blödsinn veröffentlichen, ohne dass die Aluhüte an deren Glaubwürdigkeit zweifeln. Auch wer hinter den Publikationen steckt, wird nicht hinterfragt. Stattdessen folgt die Schar der Aluhüte einer Handvoll Chefverschwörungstheoretiker wie Schafe ihren Hirten. Endlich einmal Medien, die nichts verschweigen, meinen sie. Dabei würde oftmals ein Blick in die verhassten Mainstream-Medien genügen, um zu erkennen, dass eben nichts verschwiegen wird – was real ist.

Doch wer die Verschwörungstheorien in Frage stellt, bekommt die Schwarmwut der Aluhüte in den Kommentarspalten bei Facebook zu spüren. Wie chemtrail-trunken beschimpfen sie jeden, der ihnen widerspricht. Für die Aluhüte gilt so ausgerechnet ein Zitat des von ihnen gefeierten George Orwell: „Je weiter sich eine Gesellschaft von der Wahrheit entfernt, desto mehr wird sie jene hassen, die sie aussprechen.“

Das Netzwerk

Jenseits der traditionellen Medien entsteht eine umstrittene Gegenöffentlichkeit nach dem „Querfront“-Konzept: eine Szene aus Rechten und Linken, aber auch Verschwörungstheoretikern. Sie ist gut vernetzt mit Putin-Anhängern, der AfD, Linken, Pegida und Montagsmahnwachen. In einer aktuellen Studie analysiert die Otto-Brenner-Stiftung das Netzwerk. Das Ergebnis:

Inzwischen ist es ihnen gelungen, ein politisch-publizistisches Netzwerk aufzubauen, an deren Spitze der Kopp-Verlag, die Mediengruppe Compact und der Publizist Ken Jebsen stehen, der bis 2011 beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) beschäftigt war. Der rbb beendete die Zusammenarbeit, Anlass waren Vorwürfe, Jebsen vertrete antisemitische Positionen und Verschwörungstheorien. Er selbst bestreitet das. Text: ben

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