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Angela Merkel in Augsburg: Der Abend zum Nachlesen

Augsburger Allgemeine Live

Angela Merkel und die Flüchtlingskrise: „Ich wollte, dass es mit unseren Werten vereinbar ist“

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    Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit Andrea Kümpfbeck und Peter Müller.
    Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit Andrea Kümpfbeck und Peter Müller. Foto: Marcus Merk

    Türkiser Blazer, „schönen guten Abend“, sagt sie, und ist da, als wäre sie nie weg gewesen. „Sie kennen mich“, ist einer ihrer berühmtesten Sätze. Altbundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist am Mittwochabend bei Augsburger Allgemeine Live zu Gast. Der Kongress im Park ist ausverkauft. Und sie sitzt da und spricht, sachlich, engagiert, zwischenzeitlich auch mit großer Überzeugung und immer wieder auch ziemlich gewitzt. Wie man sie kennt. Der Ruhestand hat sie, das steht schon nach dem Entrée fest, nicht verändert.

    Im Gespräch mit den Chefredakteuren Andrea Kümpfbeck und Peter Müller geht es dann, knapp zehn Jahre danach, gleich um ihren berühmtesten, um den Satz. Auf der traditionellen Sommerpresse-Konferenz hatte sie mit Blick auf die Herausforderung der Flüchtlingskrise und ihrer Politik der offenen Grenze 2015 gesagt: „Wir schaffen das.“ Und deshalb lautet eine der ersten Fragen an diesem Abend natürlich: Haben wir das geschafft, Frau Merkel?

    Angela Merkel ist zu Gast in Augsburg

    Merkel antwortet nicht einfach „ja“ oder „nein“, sondern sie betonte zunächst, dass sie diesen Satz nicht nur in jener berühmt-berüchtigten Pressekonferenz, sondern viel öfter in verschiedenen Reden und zu verschiedenen Anlässen, davor und danach gesagt habe. Aber, machte sie dann schnell deutlich: Sie hätte damals gewusst, dass das „eine riesige Anstrengung“ würde. Und, sie sei damals überzeugt gewesen und sei es noch heute, dass „wir“ das schaffen. „Natürlich ist der Prozess nicht abgeschlossen, vieles ist besser, aber wir haben noch viel zu tun.“

    Merkel widersprach auf Nachfrage nicht, dass es große Probleme, Krisen und katastrophale Anschläge gegeben hätte, die das Land nach 2015 bewältigen musste. Aber sie lenkte den Fokus bald wieder auf die, die herkamen und darauf, was diese geleistet hätten: Sie finde, man solle einen Blick dafür behalten, „wie viele auch derer, die zu uns gekommen sind, etwas geschafft haben.“ Sie wolle sich nicht wegducken, aber sie bleibe auch heute dabei, dass es damals richtig gewesen sei, die Grenze offen zu lassen. „Natürlich gibt es die Kehrseite“ sagt sie.

    In ihren Memoiren habe sie ein ganzes Kapitel dem islamistischen Terrorismus gewidmet. „Ich verstehe auch“, fuhr Merkel fort, „dass manche Menschen sauer sind.“ Was aber, fragte sie, wäre damals die Alternative gewesen? Die Wasserwerfer auf die Menschen richten? Natürlich wünsche sie sich nicht, dass sich eine Situation wie die 2015 wiederhole. Aber wenn es eines Tages wieder eine vergleichbare Lage gebe, dann müsse man sich doch fragen, ob „die Reden zu Menschenrechten nur schöne Sonntagsreden waren oder ob wir auch versucht haben, ein bisschen danach zu handeln.“ Sie, auch das machte sie auf Nachfrage sehr klar, verbleibt hier uneinig mit ihrem diesbezüglich größten Kritiker, dem früheren Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Merkel bleibt dabei: „Ich wusste, wir müssen was tun. Aber ich wollte es so tun, dass es mit unseren Werten vereinbar ist.“ Großer Applaus im Saal.

    Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Gast bei Augsburger Allgemeine Live.
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    12 Bilder
    Die Altkanzlerin ist für unser Live-Interview zu Gast in Augsburg. Eine lange Schlange bildete sich bereits am Nachmittag bei einer Signierstunde. Die Bilder des Tages.

    Angela Merkel in Augsburg: „Ich habe vielleicht öfter gewonnen, als andere erwartet hätten“

    16 Jahre lang, von 2005 bis 2021, hat sie als Regierungschefin das Land geführt. Die heute 71-Jährige war die erste Frau in der Geschichte der Bundesrepublik, die dieses Amt innehatte. Und im Gegensatz zu ihrem politischen Ziehvater Helmut Kohl, von dem sie sich nach dessen Spendenaffäre in einem legendären FAZ-Beitrag 1999 distanzierte, trat sie selbstbestimmt von der großen politischen Bühne. Kohl, der die in Hamburg geborene, aber in Ostdeutschland groß gewordene Physikerin, 1991 als Familienministerin in sein Kabinett geholt hatte, schaffte das nicht. Er wurde 1998 abgewählt, Gerhard Schröder (SPD) übernahm, der wiederum die Macht widerwillig (“Müssen doch mal die Kirche im Dorf lassen“) an Merkel abgeben musste.

    In ihren Kanzlerinnenjahren musste sie nicht nur die Finanz- und Eurokrise bewältigen, in ihre Amtszeit fiel auch die Aussetzung der Wehrpflicht, die russische Besetzung der Krim 2014 und in den letzten Jahren die Corona-Pandemie. Und die AfD gewann in ihrer Amtszeit zunehmend Befürworter. Merkel wurde hier deutlich: Mit Blick auf die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Partei, sagte sie: „Wir dürfen nicht zulassen, dass das Volk in bessere und schlechtere Staatsbürger eingeteilt wird.“ Großer Applaus.

    Neben den harten politischen Themen – Putin, Trump und die Rolle Europas – ging es in den gut eineinhalb Stunden auch um ihre Rolle als Frau in der Politik. So viele Männer – Edmund Stoiber etwa oder den heutigen Bundeskanzler Friedrich Merz - habe sie hinter sich gelassen. Was die denn falsch gemacht hätten? Merkel ganz trocken: „Das Neue bestand nur darin, dass ich eine Frau bin. Männer lassen permanent Männer hinter sich.“ Politik bestehe aus Wettbewerb, dozierte die Frau, die vier Bundestagswahlkämpfe in ihrer Karriere (wenn auch teilweise knapp) gewann. „Man kämpft. Wir alle, die wir Politiker sind, wollen etwas erreichen, sind im Wettbewerb. Das ist richtig, weil sich die Besten durchsetzen müssen.“ Das seien Prozesse, in denen Parteien ihre Kraft und Lebensfähigkeit erhielten. Und dann schiebt sie noch einen typischen Merkel-Satz hinterher, sanft lächelnd: „Ich habe vielleicht öfter gewonnen, als andere erwartet hätten“.

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