(ghs) Der Markt Euerdorf ist ein begehbares Geschichtsbuch zum Anfassen. Dieser Meinung könnte man sein, wenn man den Hinweisen eines Kundigen folgt. Viele der historischen Stätten im Altort liegen nur wenige Meter voneinander entfernt. Manfred Dotter vom Förderkreis der Philippischen Stiftung spielte meisterlich auf der Klaviatur der Heimatgeschichte und faszinierte seine Zuhörer.
Riesengroß war das Interesse der am Torhaus Versammelten am Sonntag, als Dotter zum Tag des offenen Denkmals an geschichtsträchtige Stätten Euerdorfs führte. Knapp 100 Teilnehmer folgten zwei Stunden lang seinen Ausführungen und empfanden keine Sekunde Langweile.
Fast 1500 Jahre blickte der historisch bewanderte Erzähler zurück, bis in die vorfränkische Zeit. Erstaunt waren die Zuhörer über die vormals große Bedeutung des Ortes, der sich früh zu einem Handelsknotenpunkt entwickelte. An der Euerdorfer Furt querte man die Saale. Erste Urkunden aus dem Jahre 716 bezeugen laut Dotter, dass zu jener Zeit mit dem Adel auch viel Kapital in Euerdorf anzutreffen war. So zählte der Ort wie Hammelburg und Münnerstadt zu den Zentren des Geldes, in denen Königsgüter beheimatet waren. Der bekannteste Sohn Euerdorfs ist Einhard, Biograf Karls des Großen und Staatsmann im Reich der Karolinger um 800.
Die Führung erlaubte seltene Einblicke in Kellergewölbe, Gebäude und Innenhöfe wie zum Beispiel bei Hinnert an der Hammelburger Straße, die sich zum Tag des offenen Denkmals öffneten und sonst verschlossen bleiben. So auch das ehemalige Gefängnis, im Volksmund „Mouschele“ genannt, an der Gerichtsgasse, wo noch die alten schweren Zellentüren erhalten sind. Oder die ehemalige Gastwirtschaft Biemüller, die ehemalige Gerberei sowie der alte Fronhof. Auch die Felsenkeller der längst nicht mehr existierenden drei Euerdorfer Brauereien und ein Weinkeller nahe dem Torhaus, in dem die Soldaten bis vor 150 Jahren den schlechten Wein aus Eimern tranken, öffnete sich. Dort soll es am 10. Oktober ab 14 Uhr ein kleines Fest mit gutem Wein geben, berichtete Dotter.
Das Euerdorfer Weinmaß unterschied sich von dem des Nachbardorfs Sulzthal. In Euerbach faste es 1,33 Liter. Vier Mühlen innerorts und eine außerhalb haben einst ihre Dienste verrichtet. Noch heute gut sichtbar ist die Ringmauer um den Altort. Bis 1780 sorgten Schleich- und Schildwachen dort für Ordnung. Das Marktrecht habe Euerdorf 1430 erhalten, so Dotter.
Schon im 13. Jahrhundert wurde der wohlhabende Ort zum Zankapfel zwischen dem Würzburger Bischof, den Hennebergern, den Thüngen und Rhöner Adeligen. Julius Echter hat am Kirchturm seine baulichen Spuren hinterlassen. Vorgänger der heutigen Kirche war eine Wehrkirche mit Gadenhof, so Dotter.
Die aus dem Jahre 1540 stammende Saalebrücke ruhe auf drei Quellen, berichtete Dotter weiter. Die ehemals gewölbte Oberfläche sei 1734 begradigt worden, um neuen Verkehrsansprüchen zu genügen. Noch erinnern konnten sich einige ältere Teilnehmer des Rundgangs an die alte Schule, die 1781 gebaut und in den 60er Jahren abgerissen wurde.