Hammelburg

Hammelburg: Warum Bürgermeister Fell auf Gehalt verzichtete

Karl Fell trat sein Amt 1966 bei leerer Stadtkasse an. Er putzte Klinken für finanzielle Hilfe bei Land und Bund. Am kommenden Sonntag wäre er 100 Jahre alt geworden.
Karl Fell, der damalige Bürgermeister von Hammelburg (links), und Alfons Boone, sein Amtskollege aus Turnhout, unterzeichneten 1974 die Partnerschaftsurkunde.
Foto: Archiv Josef Kirchner | Karl Fell, der damalige Bürgermeister von Hammelburg (links), und Alfons Boone, sein Amtskollege aus Turnhout, unterzeichneten 1974 die Partnerschaftsurkunde.

Bis heute sind Spuren des Wirkens von Altbürgermeister und Ehrenbürger Karl Fell in der Stadt allgegenwärtig. So setzten die Planungen für das Sportzentrum in den 1960er Jahren auch für andere Städte Maßstäbe.

Eine Lebensleistung Fells war es, dass er die Leitung der Stadtpolitik 1966 in größter Finanznot übernahm. Er blieb bis 1984 im Amt, und damit länger als kein anderer Bürgermeister in der jüngeren Stadtgeschichte. Zuvor war er von der CSU zur Kandidatur überredet worden. Dies wohl auch, weil er als Mitarbeiter der Gemeindeaufsicht mit dem finanziellen Abgrund vertraut war, vor dem sein Heimatort stand.

Der Anfang war nicht einfach: Fells CSU hatte zunächst keine Mehrheit im Stadtrat. Die Kommune war praktisch zahlungsunfähig, es lagen unbezahlte Rechnungen in Höhe von rund 800 000 Mark vor. Kurios: Fell ließ deshalb sogar den Bau eines Freibades nahe der Saale an der heutigen Turnhouter Straße stoppen.

Ministerpräsident zu Gast

Im Jahr des Amtsantritts von Fell zeigte sich Hammelburg geschichtsbewusst. Und es gab Rückendeckung von der Mutterpartei. Zur 1250-Jahrfeier war sogar der damalige Ministerpräsident Alfons Goppel da. Bei einem Bläsertreffen traten 1000 Musiker in 32 Kapellen auf, bei einem militärischen Wettbewerb nahmen Mannschaften aus sieben Nationen teil.

Zur Kraftprobe geriet die Gebietsreform vor knapp 50 Jahren. Es gab Bestrebungen Ende der 1960er Jahre, den Altlandkreis Hammelburg westlich der Rhönautobahn der Kreisstadt Karlstadt zuzuschlagen. Erfolgreich stemmte sich Fell mit anderen Entscheidungsträgern dagegen.

Fast bis zuletzt im öffentlichen Leben präsent

2012 wurde Fell in einem großen Trauerzug zu Grabe getragen. Noch eine ganze Zeit lang vorher war er in seiner ruhigen, konstruktiven Art geschätzter Mitgestalter gewesen, unter anderem in den Gremien der Bayerischen Musikakademie und bei Treffen des Arbeitskreises Hammelburger Geschichte. Vielfach waren seine Herzlichkeit und sein profundes Verwaltungswissen präsent. Erst 2010 verfasste er einen Band über seine Amtszeit zur Gebietsreform zu Beginn der 1970-er Jahre.

Seine Frau Anna Fell stärkte ihm stets den Rücken, so dass er sich auch als stellvertretender Landrat, Vorsitzender des Fremdenverkehrsvereines sowie im Vorstand von Wohnungsbaugenossenschaft und Kirchenverwaltung einsetzen konnte. Ehrenmitglied war er bei der Stadtkapelle und bei der Musikakademie, die er maßgeblich mit auf den Weg gebracht hat, sowie im TV/ DJK. Die Verdienste Fells schlagen sich in der Ehrenbürgerwürde, dem Bundesverdienstkreuz und dem hohen Ansehen vieler Hammelburger nieder.

In der Familie Fell mit ihren drei Kindern offenbarte sich auch der Wandel der gesellschaftlichen Debatte mit Erweiterung der Themenfelder. "Wir haben häufig kontrovers diskutiert", erinnert sich Hans-Josef Fell, in den 1990er Jahren Stadtrat und von 1998 bis 2012 Bundestagsabgeordneter für Bündnis 90/Grüne. "Aber wir haben immer zueinander gestanden", beschreibt er seinen Vater als überzeugten Familienmenschen. 

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