Bad Kissingen

Magie eines Ortes – der Kapellenfriedhof im Herbst

Kruzifixus aus Holz, für den Kapelenfriedhof ist das eher ein ungewöhnliches Material.
Foto: Siegfried Farkas | Kruzifixus aus Holz, für den Kapelenfriedhof ist das eher ein ungewöhnliches Material.

Wie Menschen sich und andere an ihre Verstorbenen erinnern, hat sich im Lauf der Zeit geändert. Im Bad Kissinger Kapellenfriedhof ist das besonders malerisch zu sehen.

So vielfältig wie zurzeit war die Grabkultur noch nie. Die Bandbreite reicht von der testamentarisch festgelegten anonymen Bestattung über den einfachen Stein, besetzt mit Engelsfigürchen aus dem Baumarkt, bis hin zur künstlerisch gestalteten Grabstelle, die eine Botschaft an die Nachwelt senden will. Dieser Wunsch, den Lebenden etwas über Bedeutung und Persönlichkeit der Verstorbenen zu berichten, war im 19. Jahrhundert unter denen, die sich das leisten konnten, schon einmal sehr ausgeprägt. Der Bad Kissinger Kapellenfriedhof ist weit und breit das schönste Beispiel dafür.

Die Aura vergangener Zeiten

Belegt wird der Kapellenfriedhof bereits seit ein paar Jahrzehnten nicht mehr. Trotzdem oder vielleicht sogar deshalb ist er eine Art magischer Ort geworden. Die echten Toten sind weit weg. Doch die Aura der dort zu Grabe getragenen Menschen und ihrer Zeit bleibt spürbar, obwohl nur wenige Meter entfernt neuzeitlicher Verkehr an der Friedhofsmauer vorbeilärmt.

Aus kunsthistorischer Sicht stehen die Favoriten unter den Grabmälern im Kapellenfriedhof schon länger fest. Im Bad-Kissingen-Band der Reihe Denkmäler in Bayern heißt es dazu: Aus der großen Zahl der bemerkenswerten Arbeiten seien das ganzfigurige Porträt des Gustav Diruf von Michael Arnold (...) sowie die vom Berliner Bildhauer Neumann-Torborg 1909 gemeißelte Stele für den aus Kissingen stammenden königlich-preußischen Kammersänger Baptist Hoffmann hervorgehoben.“

Individuell gestaltet

Individuell gestaltet sind auf dem Kapellenfriedhof aber auch viele einfachere Gräber. Selbst das Motiv des Christus mit der Dornenkrone, nach einem zu jener Zeit ganz offensichtlich beliebten Typus, kommt dort in der Regel bildhauerisch nicht von der Stange.

Das Denkmalbuch schreibt über die Mehrzahl der Grablegen: „Sie zeichnen sich durch aufwendige Monumente aus, an denen sich der Stil- und Geschmackswandel in der Grabmalskunst von der Gründerzeit bis zum Jugendstil ablesen lassen.“ Und der Bad Kissinger Heimatforscher Gerhard Wulz würdigt den Kapellenfriedhof in seinem Führer. Der sei im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert „allmählich ein Who is Who der Stadt Bad Kissingen“ geworden. Die Namen der Familien auf den Grabsteinen erinnern vielfach an bedeutende Kapitel der Kissinger Kurgeschichte.

Die Spuren des Bruderkriegs

Zahlreiche Spuren finden sich auch für ein kriegerisches Ereignis. Der Friedhof war ein entscheidender Schauplatz der später von Theodor Fontane beschriebenen Kämpfe zwischen preußischen Angreifern und bayerischen Verteidigern bei der Schlacht um Kissingen am 10. Juli 1866. Bayerische Soldaten hatte sich dort verschanzt. Ihre Stellungen wurden jedoch von den Preußen erobert. Einige Grabstellen mit heroisierend-militärischem Gepräge erinnern ebenso an Opfer dieses blutigen Kampfes wie das Denkmal der trauernden Viktoria gleich schräg gegenüber auf der anderen Seite der Kapellenstraße.

Die Zahl der auf dem Kapellenfriedhof begrabenen Opfer des Gefechts im sogenannten Bruderkrieg ist groß. Wulz nennt in seinem Führer einige Namen: Franz Doyesez, der damals in einer Apotheke arbeitete, Michael Hergenröther, Hausdiener im Russischen Hof der Familie Panizza, und Soldaten wie Karl Heinrich August Rohdewald, Friedrich, Johann Ernst von Reitzenstein, Ignaz Thoma, Eduard Warnberg oder August von Zwehl.

Erinnerung an Pestopfer

Die älteste erhaltene Grabplatte ist in die westliche Friedhofsmauer eingelassen und erinnert an ein Grab für Kissinger und Winkelser Pestopfer der Jahre 1568 und 1569. Geprägt ist der Friedhof auch von der Marienkapelle, die er in seinem Westteil umgibt. Sie geht auf Ursprünge aus dem 15. Jahrhundert zurück, das Langhaus entstand nach Plänen von Balthasar Neumann in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Das ehemalige Küsterhaus an der Südwest-Ecke wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet. Das Leichenhaus folgte 1895.

Drachentöter
Foto: Siegfried Farkas | Drachentöter
Soldatengrab zur Erinnerung an die Schlacht von 10. Juli 1866.
Foto: Siegfried Farkas | Soldatengrab zur Erinnerung an die Schlacht von 10. Juli 1866.
Sinnbild der Trauer.
Foto: Siegfried Farkas | Sinnbild der Trauer.
Kunsthistorisch besonders bedeutsam ist das Grab des in Garitz geborenen KAmmersängers Baptist Hoffmann.
Foto: Siegfried Farkas | Kunsthistorisch besonders bedeutsam ist das Grab des in Garitz geborenen KAmmersängers Baptist Hoffmann.
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