BAD KISSINGEN

Nach 100 Jahren zurück nach Mallorca

Der deutsche Einzelhandel, so klagen viele, verliert immer mehr an Gesicht. Immer öfter setzten sich die Filialisten durch. Deutsche Innenstädte sähen dadurch immer gleicher aus. In Bad Kissingen lässt sich dieser bedauerliche Vorgang gerade hautnah beobachten. Zum Jahresende hört mit Miguel Frau wieder ein Geschäftsmann auf, dessen Angebot es so kein zweites Mal gibt.
Der Herr der Flaschen nimmt Abschied: Miguel Frau schließt zum Jahresende sein Geschäft, das alles in allem in Deutschland heuer 100 Jahre alt ist. In Bad Kissingen ist das Geschäft eine Institution, seit es vor 65 Jahren aus Frankfurt hierher zog.
Foto: FOTO Siegfried Farkas | Der Herr der Flaschen nimmt Abschied: Miguel Frau schließt zum Jahresende sein Geschäft, das alles in allem in Deutschland heuer 100 Jahre alt ist.

Dass der Laden in der Ludwigstraße etwas Besonderes ist, merkt man gleich, wenn man versucht, ihn zu beschreiben. Er ist kein Spirituosengeschäft, obwohl es viele Spirituosen gibt. Er ist keine Weinhandlung, obwohl Miguel Frau vermutlich die vielfältigste Weinauswahl Bad Kissingens vorweisen kann. Er ist kein Süßwarenladen und kein Geschenke-Shop, obwohl der eilige Besucher eines Kurgasts dort selbstverständlich Süßwaren individuell geschenkverpackt bekommt.

Er ist auch nicht „eine Art Tante-Emma-Laden“, wie Miguel Frau selbst auf der Suche nach einer angemessenen Benennung vorschlägt. Denn Tante Emma verkauft im allgemeinen Dinge des täglichen Bedarfs. Genau genommen ist es eine eigene Mischung aus all dem Genannten, gepaart mit freundlichem Service und angenehmer Bescheidenheit.

Die Situation, in der Miguel Frau sich befindet, würden andere Geschäftsleute nutzen, um so laut auf die Werbetrommel zu hauen, dass sie in der Stadt ein jeder hört. Das Geschäft der Familie ist heuer 100 Jahre alt. Gegründet hat es Miguel Fraus Großvater 1908 in Darmstadt. Danach zog er samt Laden nach Frankfurt. Zum Kissinger Ortsbild gehört das Geschäft seit 1943.

Dass es sich jetzt, nach 65 Jahren, still aus diesem Ortsbild verabschiedet, hat mehrere Gründe. Der Mietvertrag laufe ab, sagt Miguel Frau: „Da fange ich nicht nochmal einen neuen an.“ Die Kinder seien alle versorgt. Das Geschäft wollen sie nicht übernehmen. Und dann „ist ja auch das Alter da.“ Miguel Frau wird 65. „Ich möchte nicht warten, bis ich am Krückstock gehe.“

Was sie im Ruhestand machen, steht für Miguel Frau und seine Ehefrau Lourdes schon fest. Sie ziehen nach Mallorca. Das hört sich wie der Durchschnittstraum eines deutschen Rentners an, hat aber wenig damit zu tun. Denn Miguel Frau sagt, er wolle „wieder“ nach Mallorca ziehen. Seine Familie stammt aus der Stadt Soller im Orangental der Insel. Von dort kam der Großvater einst nach Deutschland, um einen der vielen Spanischen Gärten zu eröffnen, die es damals gab, mit Orangen und mit Wein.

Den Bezug zur Heimat der Familie hat sich Miguel Frau stets erhalten. Er ist gebürtiger Kissinger, doch er hat mallorquinische Wurzeln. Ehefrau Lourdes ist Katalanin. Auch bei ihr liegt der Umzug nach Spanien deshalb nah.

100 Jahre in Deutschland, 65 in Kissingen und 40 Jahre am jetzigen Standort – auf seine Jubiläen ist Miguel Frau durchaus stolz. „Wir hatten uns als Ziel gesetzt, die 100 Jahre voll zu machen. Aber dabei soll es dann doch bleiben.“

Wer nach Miguel und Lourdes Frau kommt, welches Geschäft ihren Platz im Gesicht des Kissinger Einzelhandels einnehmen wird, das ist noch nicht sicher. Sicher ist nur, dass die Nachfolger lange brauchen werden, bis sie das sind, was die Fraus waren: eine Kissinger Institution.

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