Schweinfurt

100 % bis 2030

Hans-Josef Fell zu hohen Strompreisen, Windrädern, SuedLink und dem Friedenspotenzial erneuerbarer Energien.

Er ist auf dem Sprung nach Frankreich. In Lille wird Hans-Josef Fell auf dem „World Forum“ vor 2500 Menschen über die Finanzierung der Energietransformation sprechen. Gut, dass die Bahn wieder fährt. Zum Vortrag ins Allgäu, tags zuvor, musste er selbst in sein Pflanzenöl-Auto steigen. Hans-Josef Fell, der ehemalige Bundestagsabgeordnete und grüne Energie-Experte aus Hammelburg, ist auch nach seinem Ausscheiden aus dem Parlament viel gefragt. Vor einer Woche war er in Kiew, führte Gespräche mit Alexander Dombrovskyi, dem persönlichen Berater von Präsident Poroschenko, wie die Energieunabhängigkeit der Ukraine von Russland mit erneuerbaren Energien organisiert werden kann.

Frage: Sind die erneuerbaren Energien ein Schlüssel zum Frieden in der Ukraine?

Hans-Josef Fell: Auf jeden Fall. Denn eine der Kriegsursachen ist ja die politische Ohnmacht aufgrund der Energieabhängigkeit. In der Ukraine ist mein Einsatz besonders stark, weil hier der Schlüssel für die Weltgemeinschaft liegt. Denn wenn es gelingt, die Ukraine über Energieunabhängigkeit in die politische Unabhängigkeit zu führen, dann wäre das geopolitisch ein richtig großer Erfolg. Es gibt aber auch viele andere Regionen, in denen ich tätig bin. So habe ich jetzt eine Einladung nach Marokko bekommen.

Sind Sie als Berater in die Wirtschaft gewechselt?

Fell: Nein, das bin ich nicht. Ich habe zwar Ämter angenommen, aber verdiene nichts hinzu. Ich bekomme ja noch die Bundestagsübergangsdiäten. Das lässt mir die Freiheiten, so zu handeln, wie ich es für richtig halte.

Ist das ohne direkten politischen Einfluss nicht frustrierend?

Fell: Ich mache das als Botschafter der Kampagne „Go 100 % Renewable Energy“. Außerdem habe ich das Präsidentenamt bei der Energy Watch Group übernommen. Das ist eine von mir initiierte Wissenschaftsgruppe, die Analysen über die Ressourcenfrage erstellt. Wir haben etwa nachgewiesen, dass es keine Regionen in der Welt gibt, wo man neues Erdgas in der Größenordnung herbekommen könnte, wie es uns Russland liefert.

Dann schaden wir uns mit Sanktionen am Ende selbst?

Fell: Eine Unabhängigkeit von russischen Energielieferungen wird nur innerhalb des Systems der erneuerbaren Energien möglich sein. Und das muss man anstreben. Wir können den russischen Aktivitäten politisch nichts entgegensetzen, weil uns die Hände über die Energieabhängigkeit gebunden sind. Wirksame Sanktionen machen nur im Energiesektor Sinn, weil sie 80 Prozent der Einnahmen Russlands ausmachen. Wenn wir aber Sanktionen im Energiesektor aussprechen, bricht unsere Wirtschaft zusammen. Und das ist nicht nur beim Erdgas der Fall, sondern auch bei Erdöl, Kohle und selbst beim Uran.

Was kann der Westen tun, um Russland in die Schranken zu weisen?

Fell: Zunächst muss sich das Bewusstsein ändern. Leider ist das Wissen der Energy Watch Group nicht auf der politischen Agenda. Daran arbeiten wir. So habe ich kürzlich Konferenzen zur europäischen Energiesicherheit in Brüssel und Kiew mitorganisiert. Ich bin tief im Gespräch mit Parlamentariern, die in der Ukraine gestaltende Kraft haben, vor allem mit Herrn Dombrovskyi. Er hat auch das Ziel, die Energieunabhängigkeit der Ukraine von Russland mit erneuerbaren Energien zu organisieren.

Stichwort Erdöl: Zurzeit ist der Ölpreis so niedrig wie seit Jahren nicht mehr, weil auf der Angebotsseite reichlich Öl vorhanden ist. Das sieht doch gar nicht schlecht aus . . .?

Fell: Nein. Die Ressourcen nehmen ab. Immer wenn wir eine Rezession in der Weltwirtschaft haben, dann wird die Ölnachfrage geringer und der Preis geht nach unten. Wir erleben jetzt aktuell wieder so eine Phase. Ein klein wenig hat es zwar schon mit einem vermehrten Erdölangebot zu tun. Denn in den USA wird mit dem Tight Oil tatsächlich mehr gefördert. Aber nur kurzfristig. Die Krisen und vielen Spannungen in der Welt hängen im Tieferen klar mit der Ressourcenfrage zusammen. Die Ukrainekrise steht da im Mittelpunkt. Aber auch der Irak, Syrien und der Iran. Wir sollten wissen, dass sich der IS aus dem Erdöl finanziert, das über dunkle Kanäle auch in unsere Autos läuft.

Auch bei uns beschert die Energiepolitik einen gewissen Unfrieden. Nächstes Jahr wird das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld abgeschaltet, und die Menschen protestieren nun gegen die Windräder vor ihrer Haustür. Hat man es versäumt, die Bevölkerung bei der Energiewende mitzunehmen?

Fell: Also zunächst einmal, nicht überall wo Windräder gebaut werden, gibt es Bürgerinitiativen dagegen. Oft läuft das geräuschlos. Meistens werden die Windräder ja sogar von Bürgergemeinschaften gebaut, die das Energiegeschäft nicht den Konzernen überlassen wollen. Laut einer jüngsten Umfrage stehen in Deutschland 92 Prozent der Menschen hinter der Energiewende. Die Proteste leben vielfach von Falschargumenten, die Ängste schüren. Ich halte das für unverantwortlich. Und offensichtlich schwingt da auch noch etwas anderes mit. Denn eine der stärksten Bürgerinitiativen gegen die Ausweisung der Windkraftfläche WK 88 im Landkreis Haßberg wird ja vom Ehepaar Scheuring geleitet, und Herr Scheuring ist bekanntlich der Leiter des KKW Grafenrheinfeld. Da ist es bezeichnend, dass gerade diese Bürgerinitiative Herrn Seehofer die 10 H-Regelung diktiert hat.

Nahrung bekommen die Windkraftgegner aber auch dadurch, dass die Rentabilität der Windräder im Binnenland infrage gestellt wird.

Fell: Die Rentabilität hängt natürlich an den politischen Rahmenbedingungen, wie den Vergütungssätzen im erneuerbare-Energien-Gesetz, dem EEG. Da muss man differenzieren zwischen Binnenland und Küstenregionen. Diese Differenzierung ist nicht optimal gelungen, darum müssen sich die Unternehmen hier für die Wirtschaftlichkeit mehr anstrengen. Das kann aber gelingen. Die Windkraft macht in jedem Fall sehr viel Sinn. Denn Bayern hat aufgrund seiner Fläche das größte Windstrompotenzial aller Bundesländer.

Aber Bayern hat nicht die meisten Windräder!

Fell: Das liegt an der restriktiven Genehmigungspraxis. In den Regionalplänen sind rechtswidrig große Ausschlussgebiete festgeschrieben, das ist in kaum einer anderen Region im Bundesgebiet so. In allen anderen Bundesländern hat man in Naturparks und Biosphärenreservaten Windräder zugelassen. In Bayern findet das außer im Regionalplan Altmühltal nicht statt. Vor allem in Rhön, Steigerwald und Spessart haben wir großflächige Ausschlussgebiete. Und wenn man so agiert, dann hat man zu wenig Windkraftflächen. Der stärkste Wind weht nun mal in der Rhön, und da steht kein einziges Windrad.

Die größten Proteste gibt es derzeit ja gegen die SuedLink-Trasse. Können wir auf sie verzichten?

Fell: Nein.

Aber die Menschen hier wollen sie nicht haben.

Fell: Das ist vor allem eine von der CSU gemachte Kampagne. Da werden Bürgermeister vor Ort aufgefordert, Bürgerinitiativen gegen die Trasse zu gründen. Und dabei hat die CSU selbst diese Leitungen beschlossen. Die ganze bayerische Energiepolitik zeigt, dass Stromerzeugung mit erneuerbaren Energien nicht gewollt ist. Nicht einmal die von Seehofer einst angepeilten 1500 Windräder kann es mehr geben, wenn wir die 10 H-Regelung als Gesetz hätten. Gleichzeitig wird mit massiver CSU-Unterstützung anderen erneuerbaren Energien der Atem abgeschnitten. Wir haben faktisch in Bayern den Stopp des Windkraft- und Biogasanlagenbaus, und auch die Solarenergie ist massiv unter Druck. Somit wird die eine Säule zum Ersatz der Atomkraft erdrosselt. Wenn man aber dennoch den Atomausstieg will, muss man einen Ersatz des Stromes beibringen. Und das kann dann nur gelingen, wenn man ihn mit Leitungen von außen beischafft. Also SuedLink. Und genau da gibt es wieder Proteste von Seehofer. Da kann ich nur folgern, dass er zurück zur Atomenergie will.

Und warum kann man den Strom nicht dezentral vor Ort produzieren?

Fell: Wenn ich höre, wer alles das jetzt plötzlich sagt. Es sind diejenigen, die in ihren Gemeinden die Windräder, Photovoltaikanlagen und vieles andere verhindert haben. Ich sehe keine Aktivitäten von diesen Aktivisten, beispielsweise jetzt gegen die 10 H-Regelung anzugehen oder den Regionalplan zu ändern, dass sie Windräder bauen könnten. Insofern ist das sehr fragwürdig, was da stattfindet.

Könnte man bei einer dezentralen Energieversorgung auf SuedLink verzichten?

Fell: Theoretisch und technisch ja, aber das ist fast unbezahlbar. Für eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien bräuchten wir erstens eine schnelle, flexible Stromerzeugung, die einspringt, wenn wenig Wind und Sonne da ist, und abgeschaltet wird, wenn viel Wind und Sonne da ist. Mit Biogas, Wasserkraft und Geothermie wäre das machbar. Zweitens müsste sich die Energienutzung am meteorologischen Stromangebot orientieren. Für die Schweinfurter Industrie wäre das ein Stück weit möglich, in andern Regionen gibt es das schon. Drittens müssen entsprechende Speicher gebaut werden. Und das sollten nicht nur Pumpspeicherkraftwerke sein, sondern auch elektrochemische Speicher oder Systeme zur Umwandlung von Windstromüberschuss in Methangas, das dann wieder verstromt wird. Selbst wenn wir wirklich alles angehen, haben wir einen Problembereich, die Inversionswetterlagen im Winter, wo vier Wochen lang kaum Wind weht und Sonne scheint. Das ist die Herausforderung.

Wie sieht die Lösung aus?

Fell: Da kommen jetzt die Leitungen ins Spiel. Wenn wir diese Wochenzeiträume mit Leitungsverbünden überbrücken, dann haben wir die Lösung. Sie schaffen den regionalen Ausgleich. Dieser kann aber nicht nur innerhalb von ein oder zwei Bundesländern stattfinden, sondern großflächig im europäischen Verbund. Norwegen zum Beispiel hat Pumpspeicherwerke, die wir dann anzapfen könnten.

Die Menschen haben aber Angst vor den Leitungen, vor allem vor gesundheitlichen Gefahren.

Fell: Die Ängste sind unbegründet. Es ist eine Gleichstromleitung und davon geht kein Elektrosmog aus. Was es gibt, ist die optische Beeinträchtigung. Und die kann wehtun für die Blicke der Menschen. Schöne Landschaft ist sicher etwas Wertvolles, aber man muss es auch einordnen in die Notwendigkeiten. Ich bin mir sicher, dass die Menschen in Fukushima gerne große Leitungen gehabt hätten, die Windstrom in ihre Region gebracht hätten. Das Abschalten der Atomkraftwerke ist wohl ein vorrangiges Ziel, weshalb wir uns an den Anblick unserer Landschaft mit Leitungen und Windrädern gewöhnen sollten; denn was mit der Klimaveränderung auf uns zukommt, ist viel schlimmer – auch für unsere Landschaft. Und die Menschen in der Lausitz wollen auch lieber einen Windpark und große Leitungen, als dass ihre Häuser wegen der Braunkohle abgebaggert werden. Braunkohlenutzung ist wirklich Landschaftszerstörung, ja sogar Heimatzerstörung.

Tennet hat zur Bürgerbeteiligung aufgerufen und aus den Vorschlägen nun viele neue Trassen entworfen. Will man die Regionen gegeneinander ausspielen?

Fell: Das ist doch der Ausfluss dessen, was der Gesetzgeber vorschreibt. Er hätte nur Tennet mehr Vorgaben geben müssen, es besser zu machen. Und jetzt müssten sich nur alle Bürgerinitiativen an den Tisch setzen und die verträglichste Trasse aussuchen.

Welche halten Sie denn für die verträglichste?

Fell: Damit habe ich mich nicht beschäftigt. Ich weiß nur, dass die Leitung notwendig ist.

Könnte man die Leitung unterirdisch verlegen?

Fell: Ja, aber auch das ist ein enormer Eingriff in die Landschaft. Das sind große begehbare Bauwerke. Und auch hier müssten oberirdisch Kühlungsbauten zur Ableitung der Wärme errichtet werden.

Wie lange wird es noch dauern, bis Speicher für die erneuerbaren Energien zur Verfügung stehen?

Fell: Wir haben sie ja schon teilweise. Wir haben nur das Problem, dass die Pumpspeicherkraftwerke nicht ökonomisch betrieben werden können, weil wir eine verfehlte Gesetzesentwicklung haben, die über den EEG-Umlagemechanismus den Börsenstrom nach unten treibt und damit Investitionstätigkeiten ökonomisch schwierig macht. So ist der Gesetzgeber gefordert, dass er bessere Anreize schafft. Und das findet leider nicht statt.

Apropos EEG: Erkennen Sie als Vater des EEG das Gesetz noch wieder?

Fell: Nein, überhaupt nicht. Die Grundfesten, die das EEG erfolgreich gemacht haben, sind weitgehend zerstört worden. Bis 2009 hatte sich die EEG-Umlage exakt parallel mit den Einspeisevergütungen entwickelt. Dann kam die vom damaligen Umweltminister Gabriel intendierte Gesetzesnovelle und die EEG-Vergütung hat sich abgekoppelt. Die Umlage hat sich verdreifacht und die Vergütungszahlungen für Stromproduzenten sind nicht mal um 30 bis 40 Prozent gestiegen.

. . . und die Haushalte ächzen unter den hohen Strompreisen.

Fell: Weil die Haushaltskunden nicht an der sinkenden Preiswirkung der erneuerbaren Energien teilhaben können. Das hätte Herr Gabriel korrigieren müssen. Er will aber den Kohlestrom schützen. Und es gibt noch ein zweites schlechtes Element im EEG. Wir haben immer noch einen verzerrten Markt. Die konventionellen Energien tragen nicht ihre Schadenskosten, weder die für die Gesundheit noch die der Klimaveränderung und schon gar nicht die Folgekosten durch den Atommüll. Da kann man doch nicht Produzenten und Verbraucher von Ökostrom mit der EEG-Umlage noch zusätzlich belasten.

Wann könnte Deutschland zu 100 Prozent über die erneuerbaren Energien versorgt sein?

Fell: Bis 2030 wäre das im Stromsektor zu schaffen.

Und dann geht Hans-Josef Fell in Ruhestand?

Fell: (lacht) Noch bin ich voller Ideen.

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