WÜRZBURG

Der Star in Senegals Kabinett

Youssou N'Dour: Er ist Weltmusiker, hatte in den 90ern mit „7 Seconds“ seinen größten Hit. Er wollte Präsident seines Landes werden und durfte nicht kandidieren. Jetzt ist der Senegalese Minister für Tourismus und Kultur.
Umringt: Youssou N'Dour in diesem Frühjahr bei Demonstrationen in Senegals Hauptstadt Dakar. Der Weltstar ist neuer Kulturminister seines Landes.  DOMINIKC NAHR/ MAGNUM PHOTOS
Foto: Foto: | Umringt: Youssou N'Dour in diesem Frühjahr bei Demonstrationen in Senegals Hauptstadt Dakar. Der Weltstar ist neuer Kulturminister seines Landes. DOMINIKC NAHR/ MAGNUM PHOTOS

Vor zwei Jahren, beim Africa Festival in Würzburg, da hatte er schon geantwortet wie ein Politiker. Ob er in seiner Heimat Senegal zu den Präsidentschaftswahlen 2012 antreten werde, hatte „taz“-Reporter Dominic Johnson den Sänger im Interview gefragt. Und Youssou N'Dour sagte: „Nein. Ganz klar: Ich kandidiere nicht.“ Er interessiere sich für das Land – aber er habe „keine persönlichen Interessen“. Hörte man damals genau zu, sagt Dominic Johnson, dann sei klar gewesen: Die Gerüchte stimmen. Der berühmteste Sänger Afrikas strebt in die Politik.

Im Mai 2010 in Würzburg, da prangerte Youssou N'Dour nach seinem Konzert im ausverkauften Zirkuszelt das Gebaren der westlichen Welt in der Finanzkrise an. Er wetterte gegen die „Schurken“ in den Banken. Klagte die Zustände Afrikas und die Perspektivlosigkeit der Jugend an. Verwies auf die Bürgerbewegung, die er in seinem Land gegründet hatte. „Die positiven Vorbilder sind Leute wie ich“, sagte er damals. Und wiederholte: Politik – „das ist nicht meine Arbeit, die Musik, die Kunst sind mein Leben“.

Jetzt, im Mai 2012, ist Youssou N'Dour Kulturminister im Senegal.

Also doch. Der Musikunternehmer, Besitzer einer privaten Mediengruppe, der bekannteste Musiker Afrikas, der Jahrhundertkünstler mit der „schönsten Stimme der Welt“, der Sonderbotschafter UNICEFS ist in die Politik gegangen. Anfang Januar hatte der 52-Jährige seine Kandidatur angekündigt: Er, Youssou N'Dour, wolle Abdoulaye Wade herausfordern, den Amtsinhaber. Seit den Wahlen 2000 hatte Wade an der Spitze des westafrikanischen Landes gestanden. Große Hoffnungen hatten sich damals mit dem Gründer der Senegalesischen Demokratischen Partei verbunden. International war Wade als ein Protagonist der „African Renaissance“ gefeiert worden. Er hatte sich zusammen mit Südafrikas Präsident Thabo Mbeki die Einhaltung von Menschen- und Bürgerrechten und „Good Governance“, eine gute Regierungsführung, auf die Fahnen geschrieben.

Doch bald schon wurden auch diesem Präsidenten autokratische Tendenzen nachgesagt. Bei den Wahlen 2007 zweifelten Abdoulaye Wades Gegner bereits seinen Sieg an. Und obwohl es die senegalesische Verfassung nicht gestattet, trat der 86-jährige Präsident in diesem Februar ein drittes Mal an.

Youssou N'Dour zog nach. Erklärte – ganz Politiker – in seinem Fernsehsender seine Kandidatur, um die ihn so viele gebeten hätten. Er habe nicht studiert, aber habe all sein Geld in seiner Heimat investiert. „Mein Leben ist zehn Prozent Inspiration und 90 Prozent Transpiration.“ Afrika müsse endlich wieder träumen. „Der Tag geht auf über so wenig Freiheit“, heißt es in seinem Song „So Many Men“. Und: „There's so much to give, so much to do. I'm gonna show you. I'm gonna make it: Set me free.“

Youssou N'Dour, selbst erklärtes Vorbild der jungen, der mutigen und streitbaren Generation – und jetzt aussichtsreicher Gegenkandidat? Das Verfassungsgericht bremste den Musiker aus und untersagte ihm, neben einem Dutzend weiterer Kandidaten anzutreten. Er habe nicht genügend Stimmen gesammelt. Die umstrittene Kandidatur des langjährigen Staatschefs Wades dagegen billigte das Gericht. N'Dours Einspruch war erfolglos, auf den Straßen Dakars wuchs der Protest, die Sicherheitskräfte gingen mit aller Härte dagegen vor. Der verhinderte Herausforderer demonstrierte mit, setzte sich an die Spitze der Bewegung.

Als Macky Sall, Oppositionspolitiker und Ex-Regierungschef Ende Februar im ersten Wahlgang Zweiter hinter Amtsinhaber Wade wurde und die Stichwahl erzwang, stellte sich Youssou N'Dour hinter den neuen Hoffnungsträger und machte Wahlkampf für ihn. 65 Prozent der Stimmen errang Macky Sall von der „Alliance pour la République“ schließlich im zweiten Wahlgang – der Sänger hatte seinen Teil zum triumphalen Sieg über den alten Staatspräsidenten beigetragen.

Der neue Präsident in dem Land, in dem 60 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben und jeder zweite arbeitslos ist, heißt seit April Macky Sall. Und der Mann, der der einzige eigenständige Musikproduzent des schwarzen Kontinents ist, ist berufen worden zum Minister für Kultur und Tourismus. Youssou N'Dours Stimme wird künftig nicht nur in Liedern, auch im Kabinett erklingen.

Der populäre Weltmusiker als Minister – keineswegs eine Verlegenheitsentscheidung. Youssou N'Dour versteht nicht nur etwas vom Musik- und Mediengeschäft und von Kultur. Soziale Gerechtigkeit und Entwicklungspolitik sind für den 52-Jährigen ein Dauerthema, seit Jahren ist er als Botschafter der Vereinten Nationen und für Amnesty International unterwegs. Und er bewies, dass sich durch Kreativität und neue Konzepte in seinem Heimatland – und in Afrika im Allgemeinen – etwas bewegen lässt.

1985 hatte der Sänger ein Konzert für die Freilassung des inhaftierten südafrikanischen Freiheitskämpfers Nelson Mandela organisiert. Im Filmprojekt „Amazing Grace“ verkörperte er einen Vorkämpfer der Antisklavereibewegung, und er setzte sich immer wieder für Anti-Malaria-Kampagnen ein. „Malaria tötet, die meisten Opfer sind Kinder und Frauen. Wir können diese Geißel stoppen, sodass Menschen würdig leben, arbeiten und zur Schule gehen können.“

Berühmt wurde der Senegalese, in der Hauptstadt Dakar geboren, doch nicht durch politische Aktionen, nicht nur durch soziales Engagement. Er hatte sich seit dem Ende der 1970er Jahre durch seine hohe Stimme – laut Peter Gabriel klingend wie „flüssiges Silber“ – und als Perkussionist, Komponist, Liedermacher einen Namen auf der Welt gemacht. Seinen international größten Erfolg feierte N'Dour 1994 mit dem Hit „7 Seconds“, dem die Radiosender auf- und abdudelnden Duett mit der schwedischen Hip-Hop-Sängerin Neneh Cherry.

1995 gründete der Mann der senegalesische Populärmusik „Mbalax“ sein eigenes Musiklabel. Was ihn einzigartig und auch in Europa bekannt machte: die Art, wie er die traditionellen Elemente mit Einflüssen kubanischer Rhythmen, Hip-Hop, Jazz und Soul mischt. Eine Musik zwischen „Ethnokitsch“ in Synthie-Sound-Sirup und zurückgenommenen authentischen Folk-Balladen. „Meine Musik ist wie ein Ball, der sich dreht: Er kann sich in eine Richtung wenden und kehrt dann zu seinen Ursprüngen zurück“, beschrieb der Künstler einmal sein musikalisches Credo.

Seinen Ursprüngen ist N'Dour treu geblieben. Zwar gab er schon in den 1980er Jahren mit seiner Band „Super Étoile de Dakar“ etliche Konzerte in Europa, immer wieder arbeitete er in seiner langen Karriere mit Größen wie Sting, Paul Simon oder Bruce Springsteen zusammen – aber die Liebe zu seiner Heimat war bei all seinen musikalischen Ausflügen und Experimenten immer unüberhörbar.

Zur Amtseinführung Macky Salls trat Youssou N'Dour in Dakar vor Tausenden jubelnden Anhängern auf – gemeinsam mit Rappern und jungen senegalesischen Bands. Es wird sein vorerst letztes Konzert gewesen sein. Um die Welt aber wird er als Minister weiter reisen: als Botschafter der stolzen Kultur seines Landes und des ganzen Kontinents.

Im Fokus des Africa Festivals

Senegal und die benachbarten kapverdischen Inseln sind in diesem Jahr Schwerpunkt des Würzburger Africa Festivals. Youssou N'Dour, 1959 als erstes von acht Kindern eines Automechanikers und einer Griot-Sängerin in Dakar geboren und heute der afrikanische Superstar schlechthin, gilt als Synonym für die Musik des Senegal. Er ist der wichtigste Vertreter des Mbalax (ausgesprochen: mbalach), der regionale Einflüsse mit schnellem Rhythm and Blues oder Latino-Musik mixt. In der Republik Senegal leben rund zwölf Millionen Menschen auf einer Fläche halb so groß wie Deutschland. Unabhängig und eine zentralistische Präsidialrepublik ist die ehemalige französische Kolonie seit 1960. Mehr als 90 Prozent der Senegalesen bekennen sich heute zum Islam.

Weltsänger: Youssou N'Dour 2010 beim Würzburger Africa Festival.
Foto: D. BISCAN | Weltsänger: Youssou N'Dour 2010 beim Würzburger Africa Festival.
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