WÜRZBURG/DÜSSELDORF

Ein Bambi für den Engel von Karachi

Engagierte Ärztin: Seit über 50 Jahren behandelt Ruth Pau (rechts) Patienten in Pakistan. Der Burda-Verlag ehrt sie nun als „stillen Star“.
Foto: Henning Meyer/DAHW | Engagierte Ärztin: Seit über 50 Jahren behandelt Ruth Pau (rechts) Patienten in Pakistan. Der Burda-Verlag ehrt sie nun als „stillen Star“.

Große Ehre für Dr. Ruth Pfau. Vor Millionen Fernsehzuschauern hat der Burda-Verlag am Donnerstagabend in Düsseldorf den „Engel von Karachi“ mit dem „Bambi“ ausgezeichnet. Moderator Johannes B. Kerner überreichte der Ärztin, die seit über 50 Jahren in Pakistan Lepra- und Tuberkulose-Kranke behandelt, den Fernsehpreis in der Kategorie „Stille Stars“. Viele Mainfranken unterstützen die 83-Jährige seit Jahren mit Spenden. Ihre „Heimatbasis“ ist die DAHW, die Deutsche Lepra- und Tuberkulose-Hilfe in Würzburg.

Die Gäste der Live-Gala stehen auf und applaudieren minutenlang, als Ruth Pfau die Bühne betritt. Kerner hat sie zuvor als „Vorbild für Menschlichkeit und Nächstenliebe“ gewürdigt. Zigtausende Menschen verdankten ihr das Leben. Die Geehrte zeigt sich dankbar und erinnert an die Not in Pakistan, wo über die Hälfte der Bevölkerung heute noch hungere. „Ihre Welt ist nicht die meine“, so die Ärztin zu den Promis im Publikum.

Schon vor der Verleihung bekennt Ruth Pfau im Gespräch mit dieser Zeitung, der Rummel sei ihr „fast unheimlich“. Der Business-Flug, das edle Hotel an der Kö, der rote Teppich, die Maskerade, der Schampus, die Stars und Sternchen. . . Was könnte man nicht alles mit dem Geld, das der Trubel kostet, vor Ort in Pakistan leisten? Gerade dieser Tage, wo die schiitische Minderheit den Trauermonat Muharram begeht und die Lage „sehr unruhig“ ist, wäre sie gerne bei ihrem Team im „Marie Adelaide Leprosy Center“ (MALC). Doch bei aller Bescheidenheit, die Ärztin weiß auch, welch gute Gelegenheit der „Bambi“ bietet, für ihre Projekte zu werben.

Auch wenn die Leitung des MALC mit der 80-Betten-Klinik in Karachi und 150 quer über das Land verstreuten Gesundheitsstationen mittlerweile etabliert und in einheimische Hände übergegangen ist, das Gesicht der Pakistan-Hilfe ist Ruth Pfau. Sie brennt wie eh und je für ihre Arbeit, egal ob in den Slums der 15-Millionen-Metropole oder in den dünn besiedelten West- und Nord-Provinzen. Erst vor wenigen Tagen ist sie von einer 5000-Kilometer-Tour zurückgekehrt. Wie sie das schafft in ihrem Alter? „Ich bin weitgehend gesund. Ich mache weiter – solange es geht.“

Ruth Pfau ist in Leipzig geboren. Nach Kriegsende erlebt sie wie ihr kleiner Bruder sterben muss, weil der Vater nicht rechtzeitig an Medikamente kommt. Sie beschließt Medizin zu studieren, geht dazu 1949 nach Westdeutschland. In dieser Zeit findet sie zum Christentum, tritt 1957 der Kongregation der Töchter vom Herzen Mariä bei. Abgeschreckt durch das Konsumdenken der Wirtschaftswunderjahre, will die junge Frauenärztin in Indien in der Entwicklungshilfe arbeiten. Auf dem Weg dahin bleibt sie 1960 in Karachi hängen. Dort sieht sie das Elend der Leprakranken, die durch offene Wunden schwer gezeichnet sind, ohne Wasser und Elektrizität darben und von ihren Familien als „Aussätzige“ verstoßen werden. Sie entscheidet sich zu bleiben – und zu helfen.

1961 beginnt die Zusammenarbeit mit der DAHW. Über 35 Millionen Euro an Spendengeldern sind seitdem in die Pakistan-Hilfe geflossen. Ziel ist die Behandlung der Leprösen, aber auch die Aufklärung der Gesellschaft, um Ansteckung zu verhindern, und um – im wahrsten Sinne des Wortes – Berührungsängste zu überwinden. „Wir müssen den Menschen sehen, nicht seine Bakterien“, das ist ihr Credo – damals wie heute.

Die Lepra, sagt die Ordensfrau, sei angesichts einer Inkubationszeit von bis zu 40 Jahren noch nicht ausgestorben, „aber wir haben sie unter Kontrolle“. Der Schwerpunkt der medizinischen Behandlung liegt heute bei Augenkrankheiten und der Tuberkulose. Das MALC versorgt die Kranken mit den für die meisten Menschen unbezahlbaren Medikamenten und entwickelt zusammen mit den Gesundheitsbehörden Impfkampagnen, um ein Ausbrechen der Krankheit zu verhindern.

Ein weiteres Thema bei einem der am stärksten wachsenden Völker der Erde – aktuell zählt Pakistan bis zu 200 Millionen Einwohner – ist die Geburtenkontrolle. Es bedürfe intensiver Gespräche, Eltern, die bereits vier oder mehr Kinder haben, zu überzeugen, sich sterilisieren zu lassen, berichtet die Ärztin. Das sei schließlich besser, als Babys einfach sterben zu lassen, wie es in armen Regionen immer noch vorkomme.

Was Ruth Pfau antreibt? Harald Meyer-Porzky, ihr langjähriger Begleiter, bringt es auf den Punkt: „Es ist die Liebe zu den Menschen.“

Ruth-Pfau-Stiftung

Um das Lebenswerk von Ruth Pfau dauerhaft zu sichern, haben Freunde und Förderer 1996 innerhalb der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) die Ruth-Pfau-Stiftung gegründet. Ziel war und ist es, die Pakistan-Hilfe vom Spendenaufkommen unabhängiger zu machen.

Das Stiftungskapital beträgt aktuell 3,1 Millionen Euro. Rund 100 000 Euro werden jährlich ausgeschüttet. Dank der Integration in die DAHW fallen kaum Verwaltungskosten an, sagt Harald Meyer-Porzky, einer der drei Vorstände der Stiftung. Im Stiftungsrat, dem Aufsichtsgremium, sitzen Ruth Pfau selbst, drei DAHW-Vertreter sowie als Vorsitzender Pater Franziskus Berzdorf von der Benediktinerabtei Maria Laach. Sitz der Stiftung ist Würzburg.

Wer helfen möchte: Spenden können unter dem Stichwort „Ruth Pfau“ auf das Konto der DAHW, Nr. 96 96, bei der Sparkasse Mainfranken, BLZ 790 500 00, eingezahlt werden.

Weitere Infos auf der Homepage: www.ruth-pfau-stiftung.de

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