WÜRZBURG

Generalvikar besorgt: Judenwitze im Priesterseminar

Priesterseminar Würzburg: Vier von 18 Seminaristen stehen im Verdacht rechtsradikaler Umtriebe.
Foto: Norbert Schwarzott | Priesterseminar Würzburg: Vier von 18 Seminaristen stehen im Verdacht rechtsradikaler Umtriebe.

Mindestens vier von insgesamt 18 angehenden Priestern, die sich im Würzburger Priesterseminar auf ihren künftigen Beruf vorbereiten, stehen im Verdacht rechtsradikaler Umtriebe. Dies bestätigt gegenüber dieser Zeitung Regens Herbert Baumann, Leiter des Priesterseminars, in dem Seminaristen aus den Diözesen Würzburg und Bamberg ausgebildet werden.

„Wir können nicht bestreiten, dass einige wenige Alumnen bei unterschiedlichen Gelegenheiten Judenwitze erzählt haben, die rassen- und menschenverachtenden Charakter haben“, so der Regens. Ebenso müsse er eingestehen, dass ein Seminarist an einem Konzert der Band „Frei.Wild“ teilgenommen habe, einer Band, der nationalistisches und rechtes Gedankengut vorgeworfen werde. Baumann bestätigt auch, dass der Vorwurf im Raum stehe, dass etliche Seminaristen am Abend des 20. April im Bierkeller des Priesterseminars Hitlers Geburtstag gefeiert hätten.

Gegenüber dieser Zeitung bestätigt der Pressesprecher der Diözese Würzburg, Bernhard Schweßinger, dass die Bistumsleitung über die Vorkommnisse im Priesterseminar „seit etwa zwei Wochen“ informiert sei. Generalvikar Karl Hillenbrand hält die Vorfälle für höchst „beschämend“. In einem Brief an den Regens, der dieser Zeitung vorliegt, schreibt er: „Wenn es stimmt, dass von Studenten des Priesterseminars sogenannte Judenwitze erzählt werden und bei Feiern im Bierkeller beziehungsweise auf Verbindungszusammenkünften an Nazirituale angelehnte ,Zeremonien‘ stattgefunden haben, dann ist das in doppelter Hinsicht nicht zu tolerieren.“

Erstens dürfe mit Blick auf die systematische Judenvernichtung im Dritten Reich nichts bagatellisiert werden, was mit der nationalsozialistischen Ideologie in Verbindung stehe. Zweitens erwarte er insbesondere von angehenden Priestern ein „sensibles Gespür für ein angemessenes Ausdrucksverhalten im Reden über andere Religionen und insbesondere das Judentum“.

Wie Regens Baumann bestätigt, hat er mittlerweile jene Seminaristen, die im Verdacht rechtsradikaler Umtriebe stehen, „individuell“ befragt. Während beschuldigte Studenten zugegeben hätten, Judenwitze erzählt zu haben, bestritten sie vehement den Vorwurf, Hitlers Geburtstag gefeiert zu haben.

Baumann: „Drei Studenten saßen tatsächlich am 20. April zusammen im Bierkeller. Zwei waren vom Gottesdienst gekommen; einer vom „Frei.Wild“-Konzert. Gemeinsam wurde Bier getrunken.“ Dass sie an Hitlers Geburtstag zusammen getrunken haben, bestätigen Baumann zufolge die drei angehenden Priester, dass sie es zur Feier von Hitlers Geburtstag getan hätten, dementieren sie. „Ob und in welcher Form das Datum besonders zelebriert wurde, lässt sich nicht verifizieren“, sagt der Regens. Er habe niemanden gefunden, der ihm eine Hitler-Feier bezeugt hätte. „Ich kann die Leute befragen; aber ich kann sie nicht foltern.“

Aus jetziger Sicht besteht für Baumann noch kein Grund, die Studenten aus dem Seminar auszuschließen. Aber sollten sich die Vorwürfe Hitlers Geburtstag gefeiert zu haben, bewahrheiten, „müssen die Betroffenen gehen“, sagt Baumann: „Nicht nur wegen der rechten Aussagen und Handlungen; sondern besonders auch, weil Lügen das Vertrauensverhältnis zerstören.“

Von der rechtsradikalen Gesinnung einiger Seminaristen hat Baumann nach eigenen Angaben durch den Haussprecher des Priesterseminars erfahren; außerdem durch die Würzburger Studentenverbindung Franco-Raetia. Nach Mitteilung der Agentur epd wirft die Verbindung einigen Seminaristen vor, sie hätten offensiv rechtes Gedankengut unter den aktiven Mitgliedern der Studentenverbindung zu verbreiten versucht.

Sollten die Vorfälle zutreffen, seien die Seminaristen nicht fürs Priesteramt geeignet, sagt der Würzburger Josef Schuster, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern. „Das erschüttert mein Vertrauen in die deutsche Gesellschaft insgesamt.“

Mit „Bestürzen“ reagierte der Sprecher - und Sprecherinnenrat der Universität Würzburg in einer Pressemitteilung. Das Referat gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit der Studierendenvertretung wie auch der Sprecher - und Sprecherinnenrat der Universität Würzburg distanzierten sich ausdrücklich von Rechtsradikalismus, Rassismus und Antisemitismus, „insbesondere von dem Verhalten der Priesterseminaristen“, und verurteilten „die rechtsradikalen Umtriebe im Priesterseminar“, heißt es in der Mitteilung.

Darüber hinaus fordere der Sprecher- und Sprecherinnenrat alle beteiligten Instanzen zur restlosen Aufklärung auf. Ebenso müssten die genannten „Verstrickungen von Studentenverbindungen mit rechtsradikalen Menschen in ihren Strukturen“ aufgeklärt werden.

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