ANSBACH

Mollath: Wahlkämpfer wider Willen

Gast, nicht Patient: Gustl Mollath (Mitte) kam nach Ansbach mit seinem Chronisten Wilhelm Schlötterer (links) auf Einladung des örtlichen Landtagsabgeordneten Peter Bauer (Freie Wähler).
Foto: Claudia Flemming | Gast, nicht Patient: Gustl Mollath (Mitte) kam nach Ansbach mit seinem Chronisten Wilhelm Schlötterer (links) auf Einladung des örtlichen Landtagsabgeordneten Peter Bauer (Freie Wähler).

Noch im Januar hatte sich Bayerns bekanntester Psychiatrie-Insasse vehement gewehrt, nach Ansbach verlegt zu werden. Acht Monate später kommt Gustl Mollath freiwillig – nicht ins Bezirkskrankenhaus, wo die siebenjährige Gefangenschaft weitergehen sollte, sondern in die Karlshalle der mittelfränkischen Stadt, nicht unter Zwang, auf Einladung der Freien Wähler. Mollath ist – mehr als mancher Politiker – Zugpferd der Opposition in den letzten Tagen des Wahlkampfes: Bayerns berühmtester Freigelassener wächst in die Rolle des Widerstandskämpfers gegen die übermächtige CSU.

Zwar betonen die gastgebenden Freien Wähler, das sei eine Info-, keine Wahlveranstaltung. Doch ohne den bevorstehenden Urnengang wäre Mollath weder frei noch hier, der ganz unaufgeregt vom Leben in der Psychiatrie erzählt, aber seine Sätze in Appellen enden lässt: „So geht's nicht weiter“ oder „Macht braucht Kontrolle“ und „Bitte, machen Sie Druck“.

„Nehmen Sie Kenntnis von dem, was in unserem Land geschieht!“
Gustl Mollath in Ansbach

Mollath fasziniert, Mollath zieht wie ein Magnet die an, die über ihn gelesen oder ihn in einer Talkshow gesehen haben. Nun wollen sich viele selbst ein Bild machen. Warum? „Da ist einer, der das System bezwungen hat. Er ist für viele ein Held, weil er so lange durchgehalten hat,“ glaubt eine Kollegin. „Für andere ist er ein Kuriosum, wie man es schafft, Jahre in der Geschlossenen zu verbringen und nicht verrückt zu werden.“

Die Karlshalle ist jedenfalls proppenvoll. Eilig werden Stühle und Lautsprecher in den Vorraum gestellt, auch die reichen nicht. „Ob Justizministerin Beate Merk kommt?“ fragt einer und erntet Gelächter.

Mollath folgt Wilhelm Schlötterer auf dem Fuß, Chronist und Unterstützer, ein enttäuschter Ministerialbürokrat, dessen neues Buch sich mit Mollath beschäftigt. Filz und Korruption waren schon zuvor Thema des von der Führungsriege enttäuschten CSU-Mitgliedes Schlötterer.

Nun kann er in Mollath einen Zeitzeugen für seine Sicht der Dinge präsentieren: „In Fällen mit politischem Bezug ist Bayern kein Rechtsstaat mehr“, erklärt er den Zuhörern. „Das habe ich mir gedacht“, sagt einer vernehmlich. Nicken, Beifall folgen. Überhaupt packt Mollath sein Publikum, da wird genickt, mitfühlend geseufzt und gequält gestöhnt, wenn er zur Pointe kommt. Und selten gibt es so viele zustimmende Zwischenrufe aus dem Publikum wie hier.

Mollath erzählt nicht nur von sich und „der teuflischen Karte, die eine Frau zückte“: Ihn für verrückt erklären zu lassen, weil er Schwarzgeldgeschäfte ihrer Bank aufdecken wollte. Die Justiz erklärte ihn für paranoid. Dabei sagt ein Prüfbericht der Bank: „Unzweifelhaft besitzt er Insiderwissen“, es bestehe „die Gefahr, dass er versucht, das Wissen zu verkaufen“.

Von anderen Patienten berichtet Mollath: vom jungen Waldemar Vogel, der sich in der Psychiatrie das Leben nahm – aber auch von Bernhard S., einem Vergewaltiger, den die Gutachter (anders als Mollath) freiließen, woraufhin er erneut eine Frau „in seinen Krallen hatte“.

Zu zweit entwickeln Mollath und Schlötterer beträchtliche Überzeugungskraft, mit klarer Stoßrichtung „gegen eine bestimmte Partei“: Hier der emotionale Dulder, der in weichem Fränkisch seine schaudernden Zuhörer bei der Urangst packt: Euch kann es bei den Zuständen in Politik, Justiz und Psychiatrie schnell wie Mollath gehen! Dort Schlötterer, der spröde Faktensammler, der mit Zauberhand Schriftstücke aus dem Hut zaubert. Kenntnisreich legt der Insider dar, wie die Bürokratie tricksen kann. Er wütet gegen „ein vorsätzliches Verbrechen der schweren Freiheitsberaubung mit dem Ziel, Mollath mundtot zu machen“.

Das alles passiere im Namen des Volkes, konkret: der anwesenden Zuhörer. „Wollen Sie das?“ fragt Mollath. „Nein“, ruft ein Zuhörer, andere klatschen. Mollath mahnt: „Suchen Sie sich die Volksvertreter, die Ihre Vorstellungen unterstützen.“ Schlötterer fürchtet, wenn die Wahl zugunsten „einer bestimmten Partei“ ausgehe, werde der Fall vertuscht. Dabei „müssen die Richtigen bestraft werden,“ meint er: Generalstaatsanwalt, Oberlandesgerichtspräsident, Justizministerin: „Unfassbar, dass sie noch im Amt ist.“

Mollath präsentiert einen alten Brief, in dem er aus der Psychiatrie heraus Kanzlerin Angela Merkel bat, beim bayerischen Ministerpräsidenten (damals Günther Beckstein) ein Wort für ihn einzulegen: „Reden Sie ihm ins Gewissen!“ Bis heute gebe es keine Antwort. „Geholfen hat mir Herr Schlötterer. Geholfen haben mir aufrechte Bürger, die ein Herz haben,“ sagt er und appelliert an die Zuhörer: „Nehmen Sie Kenntnis von dem, was in unserem Land geschieht!“

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Beate Merk
Bundeskanzlerin Angela Merkel
CSU
Freie Wähler
Gustl Mollath
Günther Beckstein
Justizminister
Psychiatrie
Wahlkämpfer
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (2)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!