LICHTENBERG

Peggy: Es bleibt ein Fall ohne Leiche

Vergebliche Suche: Auf einem Lkw der Polizei stehen auf dem Friedhof in Lichtenberg zwei Särge. Polizeibeamte suchten im Grab einer 81-jährigen Frau nach der Leiche des Mädchens Peggy.
Foto: dpa | Vergebliche Suche: Auf einem Lkw der Polizei stehen auf dem Friedhof in Lichtenberg zwei Särge. Polizeibeamte suchten im Grab einer 81-jährigen Frau nach der Leiche des Mädchens Peggy.

Lichtenberg hat, mal wieder, die Meute erlebt: Reporter, Fotografen, Kamerateams, Übertragungswagen – am abgesperrten Friedhof von Lichtenberg haben sich am Mittwoch rund 50 Journalisten eingefunden, einer hat sogar eine fliegende Drohnenkamera dabei. Damit sind genauso viele Journalisten wie Polizisten vor Ort. Frankens rätselhaftester Kriminalfall hat die Medien in den Frankenwald geführt: Der Fall Peggy Knobloch.

Auf dem Friedhof haben seit morgens um 4 Uhr Polizisten, Friedhofsarbeiter und ein Rechtsmediziner ein Grab geöffnet, in dem die Leiche der seit fast 13 Jahren spurlos verschwundenen Peggy vermutet wurde. Endlich der Durchbruch? Die Sensation? Die Wende? Dann sagt Herbert Potzel, der Leitende Oberstaatsanwalt aus Bayreuth, diesen Satz: „Die Überprüfung hat ergeben, dass voraussichtlich keine Kinderknochen in dem Grab sind.“ Wenige Sekunden herrscht Stille: Das nennt man plötzlichen Spannungsabfall.

Die Lichtenberger sind es mittlerweile gewöhnt, wenn im Fall Peggy der große Medienauftrieb in die Stadt kommt. Interviews geben will kaum noch jemand, die Menschen wechseln die Straßenseite, drehen kopfschüttelnd den Kopf weg von den Mikrofonen. Auch Christian, ein junger Arbeitsloser, will eigentlich nicht reden, man solle seinen Nachnamen weglassen. Er sagt: „Das wäre schon was, wenn man endlich wüsste, wo Peggy ist.“ Christian war damals im Mai 2001, als Peggys Verschwinden eine der größten Suchaktion der bayerischen Polizeihistorie auslöste, ein kleiner Junge, etwa im gleichen Alter wie Peggy.

Gekannt hat er sie nur vom Sehen, wie auch Ulvi K., den Mann, der im Jahr 2004 aufgrund eines fragwürdigen und später widerrufenen Geständnisses wegen Mordes an Peggy verurteilt wurde. Doch damit war der Fall nicht erledigt: Mittlerweile haben die Zweifler an der Schuld von Ulvi K. bei der Justiz Gehör gefunden – das Landgericht in Bayreuth hat das Wiederaufnahmeverfahren angeordnet. Die Staatsanwaltschaft, die bei dem Wiederaufnahmeprozess ab dem 10. April die Anklage vertreten wird, will sich nicht allein auf die Rechercheerkenntnisse von Ulvis Verteidiger Michael Euler stützen, sondern auf Amtliches: dazu gehört auch die Spur vom Friedhof.

Der Friedhof liegt einen Steinwurf vom Haus am Marktplatz entfernt, dem Haus, in dem Peggy damals mit ihrer Mutter lebte. Der Hinweis, dass Peggys Leichnam in oder unter dem Sarg einer am 9. Mai 2001 bestatteten Seniorin versteckt sein könnte, war nicht neu. Nur die Zeugenaussagen, die schon 2001 dazu gemacht worden waren, waren damals nicht gegengecheckt worden. Bei der Graböffnung in Lichtenberg ging es nicht nur um eine minimale Hoffnung, endlich vielleicht eine Gewissheit über Peggys Verbleib zu bekommen, sondern auch um das Ausschließen einer Theorie.

Elke Beyer, seit neun Jahren Bürgermeisterin von Lichtenberg, hat am frühen Morgen, als es noch dunkel war und die ersten Presseleute noch nach Lichtenberg unterwegs waren, die Anfänge der Exhumierung kurz beobachtet. Sie sagt: „Wir sind ordnungsgemäß von der Maßnahme informiert worden. Wenn es die Gründe hergegeben haben, dass man diesen Aufwand macht, dann ist das in Ordnung. Wir wollen ja auch endlich die Wahrheit erfahren.“ Beyer sagt, dass bei derartigen Aktionen auch immer die Angst vor dem Leichenfund mitschwinge.

Bei der improvisierten Pressekonferenz vor dem Eingangstor des Friedhofs macht sich wieder Ratlosigkeit breit. Oberstaatsanwalt Potzel kann nicht sagen, wo Peggy ist. Christian, der Arbeitslose, sagt: „Das wäre ein Ding, wenn sie noch lebt.“ Der Fall Peggy bleibt spannend. Es bleibt ein Fall ohne Leiche.

Eine Chronik der Ereignisse

7. Mai 2001: Die neunjährige Peggy aus Lichtenberg wird letztmalig auf dem Heimweg von der Schule gesehen.

Mai 2001: Wochenlange Suchaktionen bleiben ohne Erfolg.

August 2001: Der geistig behinderter Gastwirtssohn Ulvi K. wird festgenommen. Er gesteht, sich an Peggy und drei weiteren Kindern sexuell vergangen zu haben.

22. Oktober 2002: Die Ermittler präsentieren den Gastwirtssohn als mutmaßlichen Mörder.

28. Februar 2003: Die Staatsanwaltschaft Hof erhebt Mordanklage.

7. Oktober 2003: Vor dem Landgericht Hof beginnt der Prozess. Nach fünf Verhandlungstagen platzt er wegen fehlerhafter Besetzung der Strafkammer.

11. November 2003: Das Verfahren beginnt erneut.

30. April 2004: Ulvi K. wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.

17. September 2010: Ein wichtiger Belastungszeuge hat seine Aussage widerrufen.

19. Juli 2012: Die Staatsanwaltschaft Bayreuth kündigt Prüfungen an.

4. April 2013: Anwalt Michael Euler beantragt beim Landgericht Bayreuth die Wiederaufnahme des Falls.

22. April 2013: Die Polizei sucht wieder nach Peggys Leiche. Hinweise führen zu einem Anwesen in Lichtenberg. Knochen in einer Sickergrube stammen nicht von Peggy.

21. November 2013: Ein Mann aus Halle (Sachsen-Anhalt) ist ins Visier der Ermittler gerückt. Er war ein Freund von Peggys Familie und gilt für die Staatsanwaltschaft mittlerweile als Tatverdächtiger. Sein Elternhaus wird durchsucht.

9. Dezember 2013: Das Landgericht Bayreuth ordnet die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Ulvi K. an. Prozessbeginn: 10. April 2014. Text: dpa

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