WEIBERSBRUNN/WÜRZBURG

Schweinereien beim Tiertransport

Nachdem 1000 Ferkel ohne Kühlung bei 30 Grad im Tiertransporter im Stau standen, kann man feststellen: Diese Sauerei ist kein Einzelfall, Vorschriften kommen den Spediteuren weit entgegen, systematische Kontrollen sind selten.
Die armen Schweine: Ohne Kühlung waren fast 1000 Ferkel in den Transporter von Holland Richtung Rumänien gepfercht, als die Polizei am Freitag das Fahrzeug auf der A3 im Spessart stoppte und die Feuerwehr Weibersbrunn (Lkr. Aschaffenburg) zur Ersten Hilfe herbeiholte.
Foto: Ralf Hettler | Die armen Schweine: Ohne Kühlung waren fast 1000 Ferkel in den Transporter von Holland Richtung Rumänien gepfercht, als die Polizei am Freitag das Fahrzeug auf der A3 im Spessart stoppte und die Feuerwehr ...

Man kann es getrost eine Sauerei nennen, was am Freitagabend auf der Autobahn bei Weibersbrunn (Lkr. Aschaffenburg) geschah. Wie am Montag berichtet, war bei einer Außentemperatur von gut 30 Grad ein rumänischer Tiertransporter mit nahezu 1000 Ferkeln auf der A3 ohne Kühlung unterwegs. Die Kühlung war möglicherweise deswegen ausgeschaltet, weil der Fahrer Sprit sparen wollte. Nach dem Hinweis einer Autofahrerin hatte die Polizei den Fahrer gestoppt, die Feuerwehr Weibersbrunn konnte den erschöpften und dehydrierten „armen“ Schweinen mit dem Wasserschlauch Linderung verschaffen.

„Alles nur aus Kostengründen“

Entsprechend eindeutig sind die Reaktionen der Leser. Ein Kommentar auf www.mainpost.de hebt den Mut der Frau hervor, die die Polizei alarmiert hatte. „Das ist Zivilcourage. Die heutzutage zu selten an den Tag gelegt wird.“ Ein anderer prangert an, dass die Tiere von Holland nach Rumänien zum Schlachten gefahren werden und danach vermutlich wieder zurück. „Alles nur aus Kostengründen. Wahnsinn!“ Ein dritter Kommentator hinterfragt die Ursachen und stellt resignierend fest: „Da wird sich hier groß aufgeregt und dann im Supermarkt doch wieder das billigste Schnitzel gekauft.“

Jedenfalls sind Schweinereien wie die von Weibersbrunn kein Einzelfall auf deutschen und europäischen Straßen. Nach Angaben von Tierschützern werden jedes Jahr 360 Millionen Tiere „unter grausamsten Bedingungen“ quer durch Europa transportiert, mehr als 188 Millionen allein durch Deutschland – Geflügel nicht eingerechnet. Geplagt durch Hitze und Durst überleben viele Tiere den Transport nicht, die Verluste aber seien von den Spediteuren einkalkuliert, glauben die Tierschützer zu wissen.

Die EU-Transport-Verordnung und das deutsche Tiertransportgesetz kommen den Spediteuren ohnehin weit entgegen. So dürfen Schweine 24 Stunden am Stück bei Temperaturen zwischen 0 und 35 Grad Celsius durch die Gegend gekarrt werden, sofern die ständige Versorgung der Tiere mit Wasser gewährleistet ist. Dabei hat jedes Tier je nach Gewicht zwischen 0,13 Quadratmeter (bis 15 Kilo Gewicht) und einem halben Quadratmeter (100 Kilo Gewicht) Platz. Praktisch heißt das: Ein 100-Kilo-Mastschwein hat kaum eine Möglichkeit, sich hinzulegen.

Rinder dürfen noch länger transportiert werden. Erst nach 29 Stunden müssen sie für 24 Stunden abgeladen werden, danach können sie wieder 29 Stunden transportiert werden. In dem Turnus kann es ungegrenzt weitergehen, kritisieren Tierschützer.

Viele der derzeit durchgeführten Transporte sind pure Tierquälerei, beklagt der Deutsche Tierschutzbund. Auch der Bund gegen Missbrauch der Tiere (BMT) fordert kürzere Transportzeiten von maximal acht Stunden und die Schlachtung von Tieren am nächstgelegenen Schlachthof.

Ferner fordern Tierschützer seit Jahren eine drastische Erhöhung der Kontrollen, mehr Kontrollpersonal mit erweiterten Befugnissen sowie eine verbesserte Zusammenarbeit der Behörden auch bei der Ahndung und Bestrafung von Verstößen, insbesondere auch auf internationaler Ebene. Erforderlich sei ferner, für jedes Fahrzeug eine maximale Ladedichte festzulegen.

Wie im Fall Weibersbrunn werden Verstöße gegen die großzügigen Vorschriften beim Tiertransport häufig nur aufgrund von Hinweisen aufmerksamer Verkehrsteilnehmer aufgedeckt. Schwerpunktkontrollen in Sachen Tiertransporte sind eher selten, weil der Aufwand enorm ist und die Lobby der Spediteure beziehungsweise der Fleischwirtschaft dagegen Sturm läuft.

Im Herbst Schwerpunktkontrolle

Auf Anfrage dieser Zeitung teilte die Pressestelle des Polizeipräsidiums Unterfranken (PPU) mit, dass beispielsweise die Verkehrspolizeiinspektion (VPI) Würzburg-Biebelried jährlich einmal im Herbst mit dem Veterinäramt eine Schwerpunktkontrolle durchführt, aber auch im Rahmen des Streifendienstes regelmäßig ein Auge auf Tiertransporte habe. Die Anzahl der kontrollierten Fahrzeuge sei bisher nicht erfasst worden, so das PPU, für 2013 seien im Bereich der VPI drei Anzeigen einer Ordnungswidrigkeit nach dem Tierschutzgesetz und zwei Ordnungswidrigkeiten nach dem Tierseuchengesetz registriert.

Seit vielen Jahren ist der stetig zunehmende Tiertransport in der Kritik. Ein Grund ist die zunehmende Arbeitsteilung. So werden Tiere beispielsweise in Dänemark geboren, in Belgien gemästet und in Deutschland geschlachtet. Weil europaweit regionale Schlachthöfe schließen, werden die Transportwege und -zeiten länger. Außerdem ist es billiger, Tiere über viele Kilometer zu fahren, statt fertig verpacktes Fleisch zu transportieren. Fleisch müsste während der Fahrt in jedem Fall gekühlt werden.

Tierschützer fordern nicht nur die strikte Ahndung von Verstößen, sondern auch eine Erhöhung des Strafmaßes. Das Tiertransportgesetz droht bei Verstößen Geldstrafen von maximal 5000 Euro an. Der Fahrer aus Rumänien musste 1500 Euro Sicherheitsleistung hinterlassen.

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