Bamberg

ETA-Hoffmann-Theater Bamberg: Bittersüße Früchte auf der Bühne

Szenenbild aus 'Der Kirschgarten' (von links): Stephan Ullrich, Marie-Paulina Schendel, Daniel Seniuk, Ansgar Sauren, Katharina Brenner, Clara Kroneck und Bettina Ostermeier.
Foto: Martin Kaufhold | Szenenbild aus "Der Kirschgarten" (von links): Stephan Ullrich, Marie-Paulina Schendel, Daniel Seniuk, Ansgar Sauren, Katharina Brenner, Clara Kroneck und Bettina Ostermeier.

Als der funkelnde Kronleuchter von der Decke herabgelassen wird, taucht er das spartanische Bühnenbild aus grauen Bauplatten in ein farbiges Licht. Und beleuchtet die ausgelassen feiernde Gesellschaft – in Champagnerlaune trotz drohendem Niedergang.

Reich an dramaturgisch perfekt inszenierter Symbolik präsentierte sich Anton Tschechows tragische Komödie "Der Kirschgarten" auf der Großen Bühne des ETA Hoffmann Theaters. Die mit anhaltendem Beifall des Publikums bedachte Premiere des ewig "blühenden" Klassikers in vier Akten bot darüber hinaus eine schauspielerische Höchstleistung: Das 13-köpfige Ensemble machte das Stück, das arm an Action, aber reich an Dialogen ist, zu einem Fest der Theaterkunst. Selbst der durch die Corona bedingten Hygienevorschriften gebotene Abstand der Schauspieler zueinander tat dem Gesamteindruck keinen Abbruch: In dem offerierten Obstkorb war kein Wurm. Nur bittersüße Früchte, die der Kirschgarten als Weltliteratur abwirft.

Tschechows Komödie um die verarmte Gutsbesitzerin Ranewskaja (herausragend in der Rolle: Katharina Brenner), die die Augen vor der Wirklichkeit verschließt, bis sie von ihr eingeholt wird, demontiert die "gute alte Zeit" auf subtile Weise. Es ist ein Schauspiel, aus dem die Hohlheit einer überlebten Adelskaste gähnt. Und ein Stück, das in seiner Entstehungszeit – 1904 uraufgeführt – sozialen und politischen Oppositionsgeist Raum gab. Allerdings mehr durch das, was Anton Tschechow als Meister des Unausgesprochenen seine Figuren nicht sagen lässt. Es ist eher ein vermeintlich oberflächliches Schwadronieren von einer notwendigen Erneuerung der Gesellschaft, bei dem sich der ewige Student Trofimov (Paul Maximilian Pira) aufmantelt. Nur der alte Diener Firs (Florian Walter), der als einziger noch an die naturgegebene Verbindung von Herrschaft und Bediensteten glaubt und Freiheit als Unglück ansieht, bleibt zuletzt auf der Bühne übrig. Verlassen von der ganzen Entourage inklusive der Gutsbesitzerin. Vergessen von den modernen Zeiten.

Tatsächlich prangt überdimensional der Schriftzug "I do not own modern times" an der Rückwand der Bühne. Zum einen eine Reminiszenz an den Künstler Pierre Huyhes, der diesen "Disclaimer" "Ich besitze keine Neuzeit" 2006 aus Neonröhren installiert hat. Zum anderen eine griffige Zusammenfassung dieser Geschichte um ein einst prunkvolles Gutshaus und seinen legendären Kirschgarten, der längst keinen Nutzen mehr bringt. Im Gegensatz zum aufrichtigen Kaufmann Lopachin (Oliver Niemeier), der sich durch Fleiß aus bescheidenen Verhältnissen emporgearbeitet hat. Und vorschlägt, Datschen auf dem Grundstück zu errichten und sie an Sommergäste zu vermieten – unter der Voraussetzung, dass der nutzlos gewordene Kirschgarten abgeholzt wird.

Lopachin ersteigert schließlich das Objekt der Begierde. Weiß er um seine gierige Schuld, um Verlust und Abschied, die er auf der Bühne in der Wasserpfütze abwäscht? Triefend nass und lachend steht er da: erneuert und bereit zum Aufbruch.

Und der kommt unweigerlich. Regisseurin Sibylle Broll-Pape, auch Intendantin des ETA Hoffmann Theaters, und Dramaturgin Victoria Weich setzen die letzte Regieanweisung von Anton Tschechow getreu um: "Man hört einen entfernten Laut, wie vom Himmel herunter, der Laut einer zerrissenen Saite. Stille. Von fern Äxte, die einen Baum fällen."

Aufführungen am 14., 15., 21., 23., 24. Oktober sowie am 27. und 29. November. Weitere Termine werden bekannt gegeben. Das Stück dauert eine Stunde und 45 Minuten, keine Pause. Tickets gibt es an der Theaterkasse (Dienstag bis Samstag, 11 bis 14 Uhr, und Mittwoch, 16 bis 18 Uhr), unter Tel.: (0951) 873030, per E-Mail: kasse@theater.bamberg.de oder auf www.theater.bamberg.de

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