Bamberg

Interview: Corona verschafft der Erde eine Atempause

Professor Dr. Thomas Foken.
Foto: U. Krzywinski | Professor Dr. Thomas Foken.

Der weitgehend eingeschränkte Autoverkehr in der Coronavirus bedingten Ausnahmesituation führt auch in Bamberg zu "sehr guter Luft". Das sagt der Meteorologe und Klimaforscher Professor em. Thomas Foken (Uni Bayreuth) in einem Interview mit dem Fränkischen Tag. Foken, der in Bischberg wohnt, leistet weiterhin mikrometeorologische Beratung und hält auch in Bamberg einschlägige Vorträge zum Thema Klimawandel und Klimaschutz.

Frage: In dieser weltweiten Corona-Krise bleibt der Verkehr auf den Straßen, in der Luft, auf den Meeren weitgehend aus. Wirkt sich das bei allen Tragödien schon positiv auf das Klima aus?

Foken: Im Jahr 2020 werden durch die Corona-Krise mit Sicherheit weniger Treibhausgase in die Atmosphäre emittiert als in den Vorjahren. Das reicht aber bei Weitem nicht aus, um sich einem in Paris beschlossenem 2 Grad oder gar 1,5 Grad Ziel zu nähern. Der Preis für diese momentane Reduzierung ist sehr hoch und hat nichts mit Klimaschutz zu tun, denn es fehlt jegliche Nachhaltigkeit und Zukunftsorientierung. Leider haben sich nach 9/11 und der Finanzkrise in den Folgejahren die Emissionen wieder so stark erhöht, dass der Effekt nur kurzzeitig war. Der Klimawandel wird somit momentan nicht weiter beschleunigt aber nicht aufgehalten, und die deutschen Politiker können sich freuen, dass nur dank Corona, dem warmen Winter und viel Wind in den letzten Monaten die für 2020 gesteckten Klimaziele (Emissionssenkungen) vielleicht doch noch erfüllt werden.

Hat also die Corona-Krise Auswirkungen auf das Klima?

Foken: Aussagen auf generelle Auswirkungen zum Klima beruhen auf längeren Messreihen von 10 bis 30 Jahren. Nach deren Analyse kann man eventuell Konkreteres sagen. Auf unser Wettergeschehen in diesem Jahr hat die Corona-Krise mit Sicherheit keinen Einfluss. Es sind nicht die aktuellen Emissionen, die eine Rolle spielen, sondern es ist die Summe der in der Atmosphäre seit Beginn der Industrialisierung akkumulierten Treibhausgase, insbesondere das Kohlendioxid.

Dann bekommt die von Kohlendioxid-Emissionen geplagte Erde jetzt lediglich eine Atempause, oder könnte der Effekt nachhaltig sein?

Foken: Um nach der Krise die Wirtschaft und auch das persönliche Leben wieder in normale Bahnen zu führen, werden erhebliche Mittel notwendig sein, die möglichst zielgerichtet eingesetzt werden sollten. Fehler, wie die Abwrackprämie nach der Finanzkrise, die nur zum Kauf von Autos mit höherem Kraftstoffverbrauch geführt haben, sollten nicht wieder passieren. Wenn das Anfahren der Wirtschaft nach der Krise mit den Zielen Nachhaltigkeit, Emissionsminderung und Produktion im eigenen Land oder Europa erfolgt, ist viel getan und würde dem vom Europaparlament beschlossenen Klimanotstand entsprechen, wonach alle Maßnahmen hinsichtlich möglicher Emissionsminderungen zu überprüfen sind. Dieser Kohlendioxid-Vorbehalt wurde schon 2013 durch den Weltklimarat (IPCC) angemahnt.

Was bedeutet das für Deutschland?

Foken: Für Deutschland wäre der massive Ausbau erneuerbaren Energien ein dringend notwendiges und unverzichtbares Nachhaltigkeitsziel. In dieser Branche wurden in den letzten Jahren viele Tausend Arbeitskräfte freigesetzt, so dass damit auch einer Arbeitslosigkeit entgegengewirkt werden kann und es wäre ein echter Gewinn für das Klima. Was die Corona-Krise eindeutig gezeigt hat: Man sollte systemrelevante Industrien in Deutschland oder Europa behalten und nicht wie Wirtschaftsminister Altmaier statt eigener regenerativer Energien auf mit Solarstrom erzeugte Flüssiggase aus dem arabischen Raum setzen.

Lassen sich Ihre Aussagen auf Bamberg übertragen?

Foken:  Das kann man auch auf den Raum Bamberg übertragen: Hier gibt es eine etwa 10 Jahre alte Potenzialstudie für regenerative Energien, sodass die Gemeinden diese als Investition entsprechend ihren Potenzialen endlich umsetzen könnten. Gleiches gilt auch für den öffentlichen Nahverkehr. Die privaten Busunternehmen gehören zu den derzeit gebeutelten Unternehmen. Vielleicht sind sie und der Landkreis bereit, nicht erst bis 2022 zu warten, um die Angebote zu verdichten und Fahrpläne an die Taktzeiten der Bahn und des Stadtverkehrs anzupassen (beispielsweise könnte man einige Fahrten der Linie 995 um 5 Minuten vorverlegen und der Anschluss am Bahnhof nach und von Nürnberg und Erfurt wäre gewährleistet). Vielleicht haben aber auch viele Bürger erkannt, dass in den Zeiten der Isolierung der Kontakt zur Familie und zu Freunden wichtig ist und bei Spaziergängen hat man die Schönheit der fränkischen Heimat erkannt. Ein Signal der Nachhaltigkeit wäre, wenn man auf Fernreisen und lange Autofahrten verzichten würde.

Gibt es Messstellen, die gezielt den Stickstoffdioxid-Gehalt in der Luft über der Bamberger Region verzeichnen?

Foken: Die Luftqualität bezüglich Stickstoffdioxid ist gegenwärtig in Bamberg sehr gut. Die Station des Bayerischen Landesamtes für Umwelt befindet sich an der Löwenbrücke. Sie ist allerdings nur eine Hintergrundmessstation, da an dieser Stelle der Verkehr (kein Schwerlastverkehr) gering ist und durch den Main-Donau-Kanal eine gute Durchlüftung vorhanden ist. Die Messdaten können aktuell abgerufen werden und stehen als Monatstabellen zur Verfügung. (Anmerkung der Redaktion: www.lfu.bayern.de/luft/immissionsmessungen/messwerte/index.htm).

Was lässt sich daraus im Blick auf künftige Mobilität ableiten?

Foken: Interessant sind die mittels Satelliten bestimmten flächendeckenden Stickstoffdioxidkonzentrationen für verschiedene Gebiete der Erde. Hier zeigt sich ein deutlicher Rückgang, was eine sichtbare Verbesserung des Gesundheitsschutzes und damit auch ein Rückgang der Kohlendioxidemissionen bedeutet. Es wäre gut, wenn die gegenwärtige Situation als Ziel für die Mobilitätswende verstanden würde, allerdings mit deutlich mehr öffentlichem Nahverkehr, Elektromobilität und niedrigeren Geschwindigkeiten auf Autobahnen.

In der Corona-Krise sind sich die Regierungen einig, dass Leben um jeden Preis gerettet werden muss. Das wirft die Frage nach der Parallele zur Klimakrise auf, die durch Dürren, Hungersnöte, Hitze, Hurrikans, Überschwemmungen usw. Opfer fordert. Wenn Staaten die Corona-Krise stemmen können, warum nicht auch die Klimakrise?

Foken: Die Politiker haben durch die Corona-Krise viel gelernt. Sie wissen jetzt mit exponentiellen Funktionen umzugehen, reden von Verdopplungen und dem Abflachen der Kurve. Und sie haben vielleicht mit kurzer Verzögerung auf Wissenschaftler wie Virologen gehört und lassen sich von deren Wissen bislang und hoffentlich auch in der Zukunft leiten. Beim Klima sind die Szenarien ähnlich: Die Emissionen an Kohlendioxid wurden von 1960 bis etwa 1985 verdoppelt gegenüber dem Zeitraum 1850 bis 1960 und bis heute wurden sie gegenüber 1985 fast nochmals verdoppelt – ein exponentieller Anstieg. Auch die Mitteltemperatur der Erde oder der Meeresspiegelanstieg folgen exponentiellen Kurven. Seit 125 Jahren wissen Wissenschaftler über die Klimarelevanz von anthropogenen (menschlichen) Emissionen, seit 50 Jahren warnen sie und seit 30 Jahren haben sie mit dem Weltklimarat ihre Warnungen intensiviert. Hier ist es nun endlich Zeit, dem Rat der Wissenschaftler zu folgen und nicht zwischen ihnen – sogar als Klimahysteriker bezeichnet – und Klimawandelleugnern einen Mittelweg zu suchen.

Wie sollte denn ein Mittelweg aus der Klimakrise aussehen?

Foken: Der Weg aus der Corona-Krise ist eine gute Möglichkeit, dem Rat der Wissenschaft folgend Mittel so einzusetzen, dass sie das Weltklima stabilisieren und die Menschen vor den Auswirkungen des Klimawandels zu schützen, was bislang nur sehr zögerlich passierte. Ähnliches gilt für das persönliche Leben: Die Angst vor dem Virus oder der Gefährdung naher Angehöriger haben die aktuellen Einschränkungen akzeptabler gemacht. Aber bei Einschränkungen und Akzeptanz z.B. von erneuerbaren Energien zum Schutze des Klimas sind wir Egoisten. Sicher ist es ein anderer Zeitmaßstab und die sich abzeichnenden katastrophalen Änderungen des Erdklimas betrifft ja "nur" unsere Kinder und Enkel, die glücklicherweise seit dem letzten Jahr mit Fridays for Future auf dieses Missverhältnis hinweisen. War es nicht eigentlich immer unser Ziel, das Beste für Kinder und Enkel zu wollen?

Wagen Sie eine Prognose über die Entwicklung des Wetters hierzulande in den nächsten Monaten? Zumindest bis Ostern?

Foken: Eine Wetterprognose für die nächsten Monate ist unseriös und würde nicht auf wissenschaftlichen Grundlagen beruhen. Auf Grund des hohen Niveaus an Treibhausgasen in der Atmosphäre kann man aber sagen, dass sich der Trend zu einem zu warmen Jahr höchstwahrscheinlich fortsetzen wird. Immerhin gehörten 19 der letzten 20 Jahre zu den 20 wärmsten Jahren, die wir in unserer Gegend seit Beginn der Aufzeichnungen in Oberfranken im Jahr 1851 hatten. Was man mit recht hoher Sicherheit sagen kann ist die Tatsache, dass diese warme Witterung bis Ostern anhält. Dies hat zur Folge, dass sich auch 2020 die seit 20 Jahren vorhergesagte und schon seit 10 Jahren bestehende Frühjahrstrockenheit wiedereinstellt. Schaut man sich den Grundwasserpegel in Strullendorf an, der Ende 2019 ein Allzeittief hatte, so war die Frühjahrs-Grundwasserneubildung nur kurz und es ist nicht einmal der mittlere Jahreswert erreicht. Damit haben wir die aus 2019 bekannten Folgen für Landwirtschaft, Gärten und die Wasserversorgung auch 2020 zu erwarten. Und noch ein Hinweis: Wir hatten in der vergangenen Woche das größte jemals in der Arktis gemessene Ozonloch. Es ist nicht auszuschließen, dass auch bei uns eine stärkere Belastung durch UV-Strahlen bei dem sonnigen Wetter besteht, so dass effektiver Sonnenschutz angesagt ist.

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