Kitzingen

30 Jahre Wiedervereinigung: Von der ersten Stunde an ein Team

Schon 1990, im Jahr der Wiedervereinigung, eröffnete die Kitzinger Heinzmann GmbH einen Produktionsstandort in Brandenburg. Eine Collage im Büro erinnert an die Höhepunkte aus den ersten 25 Jahren des Standortes Oehna. Inzwischen besteht das dortige Werk seit 30 Jahren, die gesamte Heinzmann GmbH seit 50 Jahren. Geschäftsführer sind Martina Heinzmann-Erhart und ihr Bruder Peter Heinzmann.
Foto: Daniela Röllinger | Schon 1990, im Jahr der Wiedervereinigung, eröffnete die Kitzinger Heinzmann GmbH einen Produktionsstandort in Brandenburg. Eine Collage im Büro erinnert an die Höhepunkte aus den ersten 25 Jahren des Standortes Oehna.

Gehören West und Ost zusammen? Nicht jeder hat diese Frage vor 30 Jahren bei der Wiedervereinigung mit Ja beantwortet. Für den Kitzinger Unternehmer Karlheinz-Heinzmann aber war die Antwort immer klar. Er war 1990 einer der ersten, die einen Firmenstandort in den neuen Bundesländern eröffneten – um Arbeitsplätze zu schaffen und das Miteinander zu stärken.

Die Zuständigkeiten waren unklar, der Notar sprang ab, die ersten Kunden hatten ihre Waren schon, als noch keiner wusste, wie es mit der Währung aussieht: Wer den Erzählungen von Martina Heinzmann-Erhart und ihrem Bruder Peter Heinzmann über die Anfänge des Heinzmann-Unternehmensstandortes in Brandenburg lauscht, kann den Mut nur bewundern, den ihr Vater bewies. Bereits im Jahr der Wiedervereinigung, 1990, eröffnete Karlheinz Heinzmann ein Werk in Oehna. „Die Entscheidung war absolut richtig“, sagen seine Kinder Peter und Martina. Und sie war wegweisend für andere.

Der Anfang war frustrierend

Ursprünglich hatte sich der Gründer des Unternehmens, das seinen Hauptsitz im Kitzinger Goldberggebiet hat und Fenster, Türen und Rollladensysteme herstellt, mit dem Gedanken getragen, in Polen einen zweiten Standort zu eröffnen. Anfang der 1980er Jahre war das, die Solidarnoœæ-Bewegung lief, die IHK hatte erste Kontakte nach Polen geknüpft. Heinzmann senior reiste mehrfach dorthin, um sich zu informieren. Der Weg führte ihn durch die damalige DDR. „Irgendwann kam er zurück und sagte, das mit der DDR wird nicht mehr lange gut gehen. Wir gehen dorthin“, erinnert sich sein Sohn Peter Heinzmann noch gut. Der Chef erntete mehr oder weniger offenes Kopfschütteln bei Mitarbeitern und Bekannten. „Mancher hat getuschelt: Der spinnt doch“, erzählt der Sohn. Er selbst kannte viele Länder von Reisen, aber die DDR war ihm fremd. „Außerdem war ich nach dem Abitur 1986 bei der Bundeswehr, da wurde einem eingetrichtert, woher der Feind kommt.“

Doch Karlheinz Heinzmann ließ sich nicht von seiner Idee abbringen. Nicht, weil er das große Geld machen wollte. „Um Ab- und Umsatz ging es ihm da nie. Er wollte etwas für die Gemeinschaft tun, Arbeitsplätze schaffen“, sagt Martina Heinzmann-Erhart, die seit 2010 gemeinsam mit ihrem Bruder die Heinzmann GmbH führt. Beide sind noch heute beeindruckt davon, dass der Vater sich von allen Skeptikern und Hindernissen nicht unterkriegen ließ. Und davon gab es in der Anfangszeit viele, obwohl die Wirtschaft doch von der Politik aufgefordert worden war, im Osten der Republik aktiv zu werden. „Es war frustrierend“, sagt Peter Heinzmann rückblickend. Das begann schon mit der Standortfrage. So manches Grundstück wurde Heinzmann angeboten, aber die meisten waren völlig ungeeignet. „Eines war zehn Jahre zuvor ein Friedhof“, erinnert sich Peter Heinzmann noch heute. Klar, dass die Firma dankend ablehnte.

Immer wieder machte sich der Unternehmer auf den Weg in den Osten, suchte einen Standort für ein zweites Werk. „Meist fuhr er mit dem Auto. Wir wussten nie, wie lange es dauern und wann er wieder kommen würde. Die Straßen waren schlecht, das Handynetz auch“, erinnert sich Martina Heinzmann-Erhart. Einmal flog er nach Berlin, wollte sich mit einem Leihwagen auf Grundstückssuche machen. „Aber es gab nur einen Laster. Also hat er den genommen.“ Über den damaligen Kitzinger Sparkassendirektor Manfred Oster kam der Unternehmer schließlich in Kontakt mit Luckenwalde, der Kreisstadt des Landkreises Teltow-Fläming in Brandenburg. Wenig entfernt, im gleichen Kreis, liegt Oehna, eine Gemeinde mit heute etwa 600 Einwohnern. Dort wurde Heinzmann fündig. Doch das Grundstück hatte mehrere Besitzer. Der kleinere Teile gehörte einer Privatperson, man war sich schnell einig. Beim größeren dagegen gab es Unklarheiten: Gehörte es der ehemaligen LPG, dem Land Brandenburg oder der Bundesrepublik Deutschland? Keiner wusste es so recht, die Sache zog sich. Schließlich begann Karlheinz Heinzmann sogar zu bauen, noch bevor ihm das Grundstück gehörte.

Als der Startschuss endlich gefallen war, ging es schnell bergauf. Drei Mitarbeiter stellte Heinzmann anfangs ein, schon nach etwas mehr als zwei Jahren waren es 20, heute sind es 15. Bis auf eine einzige Ausnahme waren und sind alle aus der Region. Anfangs war viel Feingefühl gefragt, vor allem bei den Älteren. „Man darf den Menschen nicht das Gefühl geben, ihnen etwas überzustülpen, sie zu bevormunden oder sie auszuhorchen“, so Martina Heinzmann-Erhart. Aus der Geschichte heraus betrachtet sei das verständlich.

In den ersten Jahren wurden in Oehna und Kitzingen die gleichen Produkte gefertigt, heute kommen Fenster und Türen aus Kitzingen, Rollladen, Garagentore und Vorbauelemente aus Oehna. Einmal wöchentlich werden Produkte an den jeweils anderen Standort geliefert, dann geht es von dort aus zu den Kunden. Der Westen, Kitzingen, beliefert den Süden Deutschlands, der Osten, Oehna, den Norden. Ein gesamtdeutsches Rundum-Paket. Die EDV ist längst vernetzt, die Kollegen kennen sich, man tauscht sich aus, besucht sich, sogar private Freundschaften sind entstanden.

Dass sich Karlheinz Heinzmann, der 2018 starb, so sehr für die Wiedervereinigung engagierte, dass er stets die Gemeinschaft, das Miteinander im Blick hatte, erklären seine Kinder mit seiner Jugend. Gerade mal vier Jahre alt war er, als er mit Mutter und Bruder aus dem Sudetenland vertrieben wurde. Den Vater, der in russischer Gefangenschaft war, lernte er erst mit zehn Jahren kennen.

Zeichen der Verbundenheit

Das Engagement von Karlheinz Heinzmann trug Früchte weit über Kitzingen und Oehna hinaus. 2004 wurde ihm für herausragende Verdienste um die brandenburgische Wirtschaft bei der Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland verliehen – und dafür, dass auf seine Initiative eine Gemeindepartnerschaft zwischen Mainstockheim und der Gemeinde Oehna entstanden ist. Die ist bis heute aktiv, man besucht sich bei Festen, vor allem zwischen den Feuerwehren gibt es einen regen Austausch. „Das Dreigestirn Kitzingen/Oehna/Mainstockheim lebt das ganze Jahr“, sagt Martina Heinzmann-Erhart.

Nicht nur dadurch wird die Verbundenheit zwischen der Region Kitzingen und Oehna – wo es sogar eine Kitzinger Straße gibt – nach außen getragen, sondern auch auf andere, ungewöhnliche Weise: Alle Kitzinger Heinzmann-Autos haben das Kennzeichen KT-TF. Die meisten Leute denken, TF stehe für Türen und Fenster, weiß Peter Heinzmann, weil das Unternehmen die herstellt. Doch sie liegen falsch. TF steht für Teltow-Fläming, den Landkreis, in dem Oehna liegt. Die dortigen Firmenfahrzeuge haben dafür das Kennzeichen TF-KT, für Kitzingen Weil Karlheinz Heinzmann auch in kleinen Dingen zeigen wollte, dass West und Ost zusammengehören.

Hoher Besuch: Karlheinz Heinzmann (rechts) führte Ministerpräsident Manfred Stolpe durch das Werk in Oehna.
Foto: Heinzmann GmbH | Hoher Besuch: Karlheinz Heinzmann (rechts) führte Ministerpräsident Manfred Stolpe durch das Werk in Oehna.
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