Kitzingen

Angehende Bestatterin: Begleitung am Ende des Lebens

Luise Diestel macht eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft bei Bestattungen Otto Volk in Kitzingen.
Foto: Daniela Röllinger | Luise Diestel macht eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft bei Bestattungen Otto Volk in Kitzingen.

Luise Diestel strahlt Ruhe aus. Im Gespräch mit ihr ist zu spüren: Die junge Frau hört gut zu, ist einfühlsam, eine gute Beraterin in schwierigen Situationen, ohne sich dabei selbst in den Mittelpunkt zu rücken. Voraussetzungen, wie man sie braucht in ihrem Beruf: Die 24-Jährige macht in Kitzingen eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft.

Die Geburt und der Tod gehören zum Leben. Mit dem freudigen Beginn des Lebens befasst der Mensch sich gerne. Mit dem traurigen Ende nicht. Da ist Unsicherheit, Angst vor dem Endgültigen, die Frage, was danach kommt. Viele vermeiden es, darüber nachzudenken, dass ein Familienangehöriger sterben könnte. Und befassen sich schon gar nicht mit dem eigenen Tod. „Das ist schade“, sagt Luise Diestel. „Und falsch.“

Manch einer, der eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft absolviert, kommt aus der Branche. Er oder sie ist im Familienunternehmen groß geworden oder kennt die Tätigkeit von einem Elternteil. Luise Diestel hatte bis vor etwa drei Jahren nie mit dem Tod zu tun. Als der Vater ihrer Freundin starb, war sie mit Anfang 20 erstmals auf einer Beerdigung, sang dort ein Lied für den Verstorbenen. „Da habe ich zum ersten Mal mitbekommen, wie so etwas abläuft.“

Ursprünglich wollte Luise Diestel Psychotherapeutin werden, studierte Psychologie in Dresden. Während sie ihren Bachelor machte, kamen Zweifel auf. „Das war nicht das Richtige.“ Sie legte die Prüfungen ab und orientierte sich danach um. Sie setzte sich mit dem Tod und der Bestattungskultur auseinander, las viel und informierte sich. Der Wunsch, Bestattungsfachkraft zu werden, war geweckt. Zeitgleich zog sie mit ihrem Freund und mit Kollegen von Dresden in den Landkreis Kitzingen. Sie bewarb sich um ein Praktikum bei Otto Volk Bestattungen in Kitzingen. „Das Praktikum hat mich überzeugt“, sagt sie. Im September 2019 begann sie dort ihre Lehre.

Freunde und Familie reagierten positiv. Der Beruf passe genau zu ihr, hörte und hört sie oft. Und auch die 24-Jährige selbst empfindet so. Er sei vielseitig, sinnstiftend, er habe soziale Aspekte, aber auch handwerkliche. „Meine Arbeit gibt mir das Gefühl, etwas Wertvolles zu tun für Menschen in einer schwierigen Situation.“

„Wer sich seiner

Sterblichkeit bewusst ist,

lebt auch bewusster und trifft andere

Entscheidungen.“

Luise Diestel, Auszubildende zur

Bestattungsfachkraft

Als Auszubildende lernt sie alle Bereiche des Bestatterberufs kennen, ist im Innen- und Außendienst eingesetzt. Sie führt Trauergespräche, spricht Termine ab, kümmert sich um die Beurkundung auf dem Standesamt, tritt in Kontakt mit Versicherungen, macht Vorschläge für den Trauerdruck, berät, wenn die Familie sich nicht sicher ist, ob die Namen von Onkel Willi und Tante Anna mit in die Todesanzeige geschrieben werden sollten oder ob es reicht, wenn dort „und Angehörige“ steht.

Die Trauergespräche sind ein wichtiger Teil der Arbeit eines Bestatters. Diese Gespräche seien oft weniger traurig als man denkt. „Dass jemand weint, gehört dazu. Es ist wichtig, aktiv zu trauern. Aber es wird auch gelacht, wenn Angehörige Anekdoten erzählen und sich erinnern.“ Es gibt viele schöne Gespräche, an die sich Luise Diestel erinnert – aber es gibt auch Schicksalsschläge und tragische Situationen, in denen der Tod Familien völlig aus der Bahn geworfen hat.

Luise Diestel kommt früh in Kontakt mit trauernden Angehörigen. Sie ist dabei, wenn Verstorbene abgeholt werden – zuhause, in der Klinik, im Seniorenheim, auch bei tödlichen Unfällen. Bevor sie ihr Praktikum begann, hatte sie noch nie eine Leiche gesehen. Dank ihres Chefs Tobias Volk, der ihr sachlich und ruhig genau erklärte, was zu tun ist, gewöhnte sie sich schnell an den Umgang mit toten Menschen. Daran, Verstorbene einzukleiden, in den Sarg zu betten. „Das ist an sich ja ein natürlicher Zustand des menschlichen Körpers.“ Luise Diestel findet das weder schlimm noch gruselig. Vielmehr sagt die 24-Jährige: „Es ehrt mich, Teil dieses besonderen Moments zu sein, wenn jemand am Ende seines Lebens steht.“

Auf Wunsch der Hinterbliebenen übernehmen Bestatter auch die sogenannte hygienische Versorgung, vor allem, wenn sich die Trauergemeinde am offenen Sarg verabschieden will. Der Leichnam wird so hergerichtet, dass der Körper möglichst wenig Flüssigkeit verliert, der Mund wird verschlossen, die Haare frisiert, eventuell wird das Gesicht geschminkt, allerdings nicht zu stark. „Wenn jemand tot ist, darf er auch tot aussehen“, findet Luise Diestel. „Das ist wichtig für den Trauerprozess.“ Sie rät dazu, sich den Verstorbenen noch einmal anzuschauen, zuhause vor der Abholung oder aber im Sarg. „Dann weiß man, dass derjenige nicht nur auf Reisen ist, sondern wirklich kein Leben mehr in sich hat und auch nicht wiederkommt.“ Man könne dem Verstorbenen noch etwas sagen, weinen, vielleicht auch schimpfen, ihm etwas in den Sarg legen. „Das ist eine schöne Möglichkeit, sich zu verabschieden.“ Allerdings dürfe niemand gezwungen werden, sich einen Toten anzuschauen. „Das muss man auch wirklich selbst wollen.“

Zwei Jahre dauert die Ausbildung für Luise Diestel, weil sie Abitur und schon studiert hat. In dieser Woche steht die Zwischenprüfung an, im nächsten Jahr die Abschlussprüfung. Theoretische und praktische Kenntnisse müssen da unter Beweis gestellt werden. Die Aufgabenstellungen sind vielfältig, reichen vom Ausheben eines Erdgrabs mit der Schaufel bis zum Verlöten eines Sargs zur Auslandsüberführung, von Nahttechniken bis zur hygienischen Versorgung, vom Trauergespräch bis zur Gestaltung einer Trauerfeier.

Luise Diestel wünscht sich, dass die Menschen sich mehr mit dem Thema Tod auseinandersetzen. Das wäre wichtig für die Hinterbliebenen, die dann besser trauern können, aber vor allem auch für einen selbst: „Wer sich seiner Sterblichkeit bewusst ist, lebt auch bewusster und trifft andere Entscheidungen.“

Ausbildung: Den Ausbildungsberuf „Bestattungsfachkraft“ gibt es seit dem 1. August 2003. Die Lehrzeit beträgt in der Regel drei Jahre und findet als duale Ausbildung in Betrieb und Berufsschule statt. In Münnerstadt gibt es ein modernes Aus- und Weiterbildungszentrum mit Lehrfriedhof. Bestattungsfachkräfte arbeiten in Bestattungsunternehmen sowie in Friedhofsverwaltungen, bei Letzteren in erster Linie auf den entsprechenden Friedhöfen.

Buchtipps zum Thema Tod und Sterben

Luise Diestel, Auszubildende zur Bestattungsfachkraft, findet es wichtig, sich mit dem Thema Tod und Sterben auseinanderzusetzen und gibt einige Buchtipps:

Roland Schulz: „So sterben wir – unser Ende und was wir darüber wissen sollten“ (Sachbuch)

Caitlin Doughty: „Fragen Sie Ihren Bestatter – Lektionen aus dem Krematorium“ (humorvoll, teils etwas bizarr), „Was passiert, wenn ich tot bin: Große Fragen kleiner Sterblicher über den Tod“ (Antworten auf Kinderfragen, die Erwachsene nicht zu stellen wagen), „Wo die Toten tanzen: Wie rund um die Welt gestorben und getrauert wird“

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