Wiesenbronn

Campervans: Was ein Startup aus Wiesenbronn aus Autos macht

Große, üppig ausgestattete Wohnwägen schreiben immer höhere Absatzzahlen. Aber es gibt auch den Gegentrend. Warum Firmengründer Eric Söhngen gern minimalistisch reist.
Ab in die Natur - mit dem Camping-tauglichen Auto.  
Foto: Camp it simple | Ab in die Natur - mit dem Camping-tauglichen Auto.  

„Nichts hinter mir, alles vor mir, wie das auf der Straße immer ist“, schrieb Jack Kerouac in  „On the road - Unterwegs“. Auf 500 Seiten romantisiert Kerouac das Treibenlassen, das bloße Unterwegssein. Der Roadtrip-Roman von 1957 ist unter Abenteuer-Urlaubern bis heute Pflichtlektüre. Aus einem Freiheitsdrang ist eine Reiseart geworden: einfach losfahren, alles hinter sich lassen, durch Wälder, Berge, entlang an Flüssen und Stränden. Und wenn es Abend wird, improvisiert man sich zu den letzten Sonnenstrahlen im Auto irgendwie ein Nachtlager und erwacht mit dem ersten Tau . . .

Und wie sieht die Realität aus? Teuer oder unpraktisch im Alltag - damit lassen sich die Optionen zusammenfassen. Aus der großen Freiheit wird schnell großer Verdruss, wenn man Preislisten für Roadtrip-taugliche Fahrzeuge studiert. Der Klassiker, der VW-Bus der T-Reihe, ist selbst gebraucht für viele unbezahlbar, ähnliche Modelle anderer Hersteller stehen ihm preislich nicht mehr viel nach. Und die andere Option? Das Heck eines großem Kombis zur Liegefläche umzubauen, klappt zwar ganz gut - aber was macht man dann die restlichen 50 Wochen im Jahr, in denen man nicht im Auto schläft, mit der Liegefläche?

Eric Söhngen hatte die Probleme im Berg-Urlaub selbst. 2017 schloss sich der Arzt aus Würzburg mit dem Industriellen Frank Ackermann aus Wiesenbronn (Lkr. Kitzingen) zusammen und gründete „Camp it simple“. Seitdem entwickelt das Team Ausbaulösungen, die das Auto mit einfachen Mitteln und für weniger als 1000 Euro zum urlaubsreifen Camping-Vehikel machen.

Kam beim Urlaub in den Bergen auf die Camp-it-simple-Idee: Arzt und Unternehmer Eric Söhngen.
Foto: Camp it simple | Kam beim Urlaub in den Bergen auf die Camp-it-simple-Idee: Arzt und Unternehmer Eric Söhngen.

Herr Söhngen, wie „simple“ sind Ihre Ausbaumöglichkeiten denn wirklich?

Eric Söhngen: Nomen est omen, würde ich sagen. Das Ziel ist es, dass man fast jedes Auto schnell zum Camper selbst ausbauen kann. Die Fertigbausätze sind so durchdacht, dass man sie recht unkompliziert und ohne Werkzeug einbauen kann. Und vor allem: wieder ausbauen kann. Und zwar so, dass nichts dauerhaft am Auto verändert werden muss. Das ist praktisch, wenn man das Auto irgendwann weiterverkaufen will, es geleast ist, man es sich mit mehreren Menschen teilt oder wenn man es eben nur ab und zu ausgebaut nutzen will und sonst als ganz normalen fahrbaren Untersatz. Braucht man die Ausbaumodule gerade nicht, kann man sie platzsparend irgendwo verstauen. Bestellt werden können die Module passgenau im Internet, wir verschicken sie, der Einbau dauert nur ein paar Minuten - das ist schon alles ziemlich „simple“, finde ich.

Wie kamen Sie auf die Idee?

Söhngen: Ich bin Bergsteiger. Am Berg lernt man, mit wenig auskommen und so bin ich über die Jahre immer mehr zum Minimalisten geworden. Da ich aber nicht in den Bergen gelebt habe, hab ich für meine Abenteuer ein passendes Gefährt gebraucht, dass primär einfach drei Aufgaben erfüllen musste: mich zügig und kostengünstig in die Berge bringen, ausreichend Platz für meine Bergausrüstung bieten und einen einfachen aber funktionalen Platz zum Schlafen und auch mal zum Kochen bereitstellen. Die Suche am Markt war erfolglos. Die Lösungen waren mir entweder zu teuer oder zu umständlich, meistens beides. Es war klar, dass ich nicht der einzige mit dem Problem bin und so entstand der erste Prototyp.

„Camp it Simple“ stellt nur die Holzausbauten bereit, richtig wohnlich wird es nur mit den Modulen noch nicht.

Söhngen: Das stimmt. Wir konzentrieren uns auf die reine Basis. Deshalb haben wir unser Produkte auch „BaseCamp“ getauft. Wir nehmen dem Ausbauer den Part ab, der sich mit Hausmitteln nur schwer umsetzen lässt. Damit hat man dann in wenigen Minuten eine Basis geschaffen und kann Zeit und Budget für den weiteren Ausbau verwenden oder eben minimalistisch loslegen. Darum geht es. Wir wissen, dass unsere meisten Kunden ja bereits einen guten Kocher haben, erfahren sind, wie sie sich unterwegs versorgen. Hier wollen wir keinem Lösungen aufzwingen, die am Ende vielleicht nur halb so gut sind. Wir sind dagegen, dass man alles doppelt besitzen oder neu anschaffen muss.

Die Werkstatt des Camp-it-simple-Teams in Wiesenbronn.
Foto: Camp it simple | Die Werkstatt des Camp-it-simple-Teams in Wiesenbronn.

Klingt ziemlich zeitgeistig: wenig Besitz, minimalistisches Reisen, viele Möglichkeiten zur Individualisierung . . .

Söhngen: Unsere Beobachtung ist, dass unsere Kunden ziemliche Individualisten sind. Das ist ja der Grund, weshalb sie nicht ins Hotel gehen. Vom Rentnerehepaar, das auf den Campingplatz geht bis zum ortsunabhängig arbeitenden Freelancer, der um die Welt reist, ist da alles dabei. Sie alle eint, dass ihnen Freiheit viel Wert ist auf einer Reise.

Auch dann noch, wenn es im kleinen Kastenwagen trotz Ausbau ungemütlicher werden kann als im King-Size-Hotelbett?

Söhngen: Freizeit ist heute knapper denn je und bei teuren Mieten in den Städten muss man sehen, dass man trotzdem seine Abenteuer realisieren kann. „Type II Fun“ nennen es manche, das heißt, dass es im Moment des Erlebens vielleicht nicht als unmittelbar angenehm empfunden wird, aber die Erinnerungen an die spartanische Einfachheit wiegt dafür umso mehr. Und darum geht es doch im Ende: wertvolle Erinnerungen sammeln.

Andere an diesen Erinnerungen teilhaben zu lassen, darum geht es immer mehr. Der Hashtag „#vanlife“ hat sechs Millionen Beiträge auf Instagram, meist stehen Camping-Bullis an verlassenen Fjorden oder Seen mitten in der satt-grünen Natur. Auch Camp It Simple verwendet das Schlagwort im Marketing. Geht es bei aller Freiheit immer mehr um ein trendiges Foto?

Söhngen: Ja, den Eindruck bekommt man unweigerlich, wenn man den Trend mitverfolgt. Ich denke, es drückt aber vor allem eine Stimmung aus, und dazu postet man hier und da seinen Beitrag. Die Leute sind ja unheimlich viel unterwegs und oftmals steht man eben an einem atemberaubenden Ort und kann mit einem einzigen Foto ganz viel Freiheit ausdrücken - ist doch super, wenn die Begeisterung dann bei allen ankommt.

Hat Ihrer Meinung nach beim Campen eine Zeitenwende stattgefunden?

Söhngen: Nicht nur da. Wir stehen ja in vielen Bereichen am Übergang, was auch mit dem Leben in den Städten zusammenhängt. Neue Antriebs- und Mobilitätskonzepte werden Alltag. Nicht mehr jeder hat ein eigenes Auto und steckt deshalb natürlich auch nicht tausende Euro in einen festverbauten Campingausbau. All das hat hat auch Auswirkungen aufs Campen. Ein gutes Beispiel dafür, ist die wachsende Fangemeinde der Tesla Camper. Die Leute schlafen in ihren Elektroautos. Tesla hat dafür sogar einen verkappten „Camper-Mode“ integriert, der Belüftung, Klimaanlage, bestimmte Lichter, Musik und strombetriebene Gerätschaften für 48 Stunden auch ohne laufenden Motor betreiben kann. Auch in Deutschland geht einiges: VW plant etwa den E-Bus. Das ist eine ganze Reihe von Trends und Innovationen, die da ineinandergreifen, das lässt sich schlecht in die einzelnen Bereiche „Urlaub“, „Mobilität“ oder „Lebensweise“ aufdröseln.

Eric Söhngen hat Medizin studiert, ist Facharzt und Unternehmer. Neben Camp-It-Simple führt der 35-Jährige zusammen mit Frank Ackermann in Wiesenbronn (Lkr. Kitzingen) auch noch das Unternehmen „Walkolution“, das motorlose ergonomische Holz-Laufbänder fürs Büro herstellt.

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