Kitzingen

Lebenskrisen sind gute Lehrmeister

volker lang aplawia foto diana fuchs# (1)       -  Türöffner: Volker Lang, Geschäftsführer der Aplawia, setzt sich seit 25 Jahren für Menschen „mit Ecken und Kanten“ ein. Fotos: Diana FUchs
| Türöffner: Volker Lang, Geschäftsführer der Aplawia, setzt sich seit 25 Jahren für Menschen „mit Ecken und Kanten“ ein. Fotos: Diana FUchs

Anruf bei Volker Lang: „Ich steh‘ im Stau und schaffe es nicht pünktlich zu unserem Interviewtermin.“ Lang bleibt ganz gelassen: „Leben ist das, was passiert! Ich warte im Büro.“ In den 25 Jahren, in denen der 50-Jährige bei Aplawia arbeitet, haben sich unzählige Termine verschoben, Hoffnungen zerschlagen, Erfolge eingestellt. Er hat erfahren: Auf ein Tief folgt ein Hoch – und wieder von vorne. Volker Lang hat sich immer neu auf die jeweilige Situation und die Menschen eingelassen. Er hat gemeinsam mit der Belegschaft und den Vorständen den Aplawia e. V. zu dem gemacht, was er heute ist: eine gemeinnützige Organisation, Dienstleister im Zeichen der Nachhaltigkeit, Arbeitgeber und Sprungbrett für arbeitslose und gestrauchelte Menschen.

Er ist zum Gesicht der Aplawia geworden – ausgerechnet er, der als junger Mensch selbst manchen Scheiß gebaut hat.

Bilder seiner beiden Kinder und vieler Freunde hängen in Volker Langs Büro an der Wand. Eine Schlingpflanze klettert an den Holzbalken empor. Etwas Grünes braucht er also doch, der Spross einer alteingesessenen Etwashäuser Gärtnerfamilie. Sein Onkel ist Heinrich Lang, der frühere Gärtnerobermeister. Auch Volker Langs Vater und seine Mutter hatten eine Gärtnerei, doch als sich die beiden trennten, wurde der Betrieb verkauft.

Sein Traum, zum Bundesgrenzschutz zu gehen, platzte: „Nach bestandenem Einstellungstest stellte der BGS am Einstellungstag eine leichte Rot-Grün-Sehschwäche fest.“

„Es gibt immer Menschen, die einfach nicht in den ersten Arbeitsmarkt passen.“
Volker Lang, Aplawia-Geschäftsführer

Also begann der Absolvent der Wirtschaftsschule eine Schlosserlehre. Im letzten Ausbildungsjahr hatte er einen Unfall. „Ich sollte die gesamte Lehre noch einmal machen, da sich das Berufsbild geändert hatte.“ Das wollte der Etwashäuser nicht – und brach die Lehre ab. „Ich war orientierungslos und habe auch teilweise den Boden unter den Füßen verloren”, sinniert der 50-Jährige heute. „Oft ging es alles andere als geradlinig zu – Grenzgänge waren an der Tagesordnung ...“

Es folgten diverse Jobs, auch eine fast einjährige Arbeitslosigkeit. Dann packte ihn sein Opa: „Er war, zusammen mit der Oma, immer mein Bezugspunkt“ – und nahm ihn mit zur Böttiger Lackfabrik in der Kitzinger Wörthstraße. Hier absolvierte der junge Mann nun die Ausbildung zum Industriekaufmann. „Der Inhaber hat mir etwas zugetraut: Schon vorm Ende der Lehre durfte ich die Auftrags- und Dispositionsabteilung verantwortlich führen.“

Als die Böttiger Lackfabrik verkauft wurde, endete jedoch auch das Arbeitsverhältnis. Da Musik von jeher eine große Rolle in seinem Leben gespielt hatte, gründete Lang mit 23 Jahren zusammen mit zwei Freunden einen Record- & Clubware-Laden in Würzburg. Einen Monat nach der Eröffnung hatte er jedoch einen schweren Unfall. Wirbelsäulenschäden und der Bruch des Innenknöchels setzten ihn monatelang außer Gefecht. „Als ich wieder fit war und nach Würzburg gefahren bin, musste ich feststellen: Vom Laden war nicht mehr viel übrig.“

Also meldete sich der junge Mann beim Arbeitsamt als arbeitssuchend – und erhielt ein Stellenangebot beim Aplawia e. V. „Der Verein sollte auf wirtschaftliche Füße gestellt werden.” Das Problem war nur: „Ich wollte zuerst nicht da hin.“

Letztendlich blieb Lang aber nichts anderes übrig, als dem Amt Folge zu leisten. „Wider Erwarten war mein Einsatzbereich sehr spannend. Ich war der erste Angestellte des Aplawia e. V. im Büro in der Schmiedelstraße.” Knut Roßberg, der Geschäftsführer, der sich zu der Zeit noch im Bürgerzentrum in der Fischergasse befand, kümmerte sich um die sozialen Belange, Lang ums operative Geschäft: „Ich habe Aufträge akquiriert und Rechnungen und Mahnungen geschrieben. Gemeinsam konnten wir nach und nach unseren Fuhrpark verbessern und Werkzeuge anschaffen.“

Er sah, dass etwas bewegt werden konnte. Es machte ihm Freude. „Wir sind in die August-Gauer-Straße umgezogen, haben den Gebrauchtwarenhandel ausgebaut und im Jahr 2000 die SDA GmbH gegründet, um ein weiteres Sprungbrett für die Teilnehmer zu schaffen, die noch nicht im ersten Arbeitsmarkt unterkamen. Die Arbeitslosensituation war seinerzeit noch erheblich schlechter.“

Was Volker Lang besonders freute: „Der Ruf des Aplawia e. V. verbesserte sich im Laufe der Jahre erheblich und der Verein entwickelte sich zum größten Beschäftigungsträger der Stadt und des Landkreises Kitzingen.“ Die SDA GmbH mauserte sich derweil über die Jahre zum Bauunternehmen, Maler- und Trockenbaubetrieb, übernahm Garten- und Landschaftsbauarbeiten. Gleichfalls werden heute Gartenpflege, Umzugs- und Transportarbeiten, Gebäudereinigungs- und Hausmeisterdienste durchgeführt. „Weiterhin ist die SDA GmbH ein Sprungbrett für ehemals arbeitslose Menschen.“

Mit Hilfe der Sparkasse: „Ich bin dem früheren Direktor Hermann Hadwiger immer noch dankbar“ – konnte der Verein im Jahr 2002 ein Grundstück nebst Halle im Gewerbegebiet Ost, am Lochweg, erwerben. Hier befinden sich seither neben Büro- auch große Lagerräume und das Gebrauchtwarenkaufhaus. „Unser Metier ist sehr abhängig von der aktuellen Politik”, stellt Volker Lang fest. Als das Arbeitslosengeld II, besser bekannt als Hartz-4, eingeführt wurde, „war es für uns ein Kampf ums Überleben“. Alle möglichen Maßnahmen, etwa ABM, fielen weg.

Dann schuf die Regierung sogenannte Ein-Euro-Jobs. „Manchmal hatten wir gleichzeitig bis zu 80 Teilnehmer.“ Nicht alle Ein-Euro-Jobber schafften den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt. „Es gab und gibt viele Hürden, viele Schicksale – und nicht selten fehlt es an Motivation.“ Lang, der die Eignung zum Ausbilder besitzt, sagt: „Am liebsten gebe ich den Menschen eine Chance, die es schwer haben, anderswo eine Ausbildungsstelle zu bekommen: Lehr- oder Schulabbrecher, Pechvögel, benachteiligte und gestrauchelte Menschen ...“ Dafür gab es im Jahr 2015 eine Ehrenurkunde, überreicht durch die IHK Würzburg, und den Dank von Ministerin Ilse Aigner.

Die viele Arbeit, seine eigene Geschichte, die Ansprüche an sich selbst: All das beutelte Volker Lang. „Anfangs habe ich es aufs Wetter geschoben, dass es mir nicht gut ging.“ Doch das war es nicht. Volker Lang glitt in eine echte Depression ab. Erst nach geraumer Zeit fand er eine Neurologin, die „sehr gut war und die mir geraten hat, stationär in eine psychosomatische Klinik zu gehen“. Der Aufenthalt dort war eine Offenbarung. „Endlich habe ich verstanden, was mit mir los ist und was sich über die Jahre eingeschlichen hatte.“ Mittlerweile, sagt Lang, ist er mit sich im Reinen und freue sich über innere Ruhe. „Lebenskrisen sind ein guter Lehrmeister. Ich weiß jetzt: Das eigene Gefäß muss gut gefüllt sein, bevor man anderen etwas abgeben kann.“ Er betet oft, „das hilft!“.

Und es gibt ihm Kraft, sagt Volker Lang. Kraft, die man in seinem Job täglich neu brauche. „Es gibt immer Menschen, die einfach nicht in den ersten Arbeitsmarkt passen – sei es, weil sie krank sind oder mentale Einschränkungen haben.“ Solange solche Menschen durchs Raster fallen, weil es keinen regulierten Arbeitsmarkt gibt, tun Lang und sein Team ihr Bestes, sie aufzufangen. „Je mehr Rückhalt wir von Kunden, Geschäftsleuten und Behörden haben, desto leichter fällt uns das.“ Lang ist daher Kunden, Landrätin Tamara Bischof und dem neuen Kitzinger Oberbürgermeister Stefan Güntner sehr dankbar: „Ich bin froh, weil ich merke, dass wir Unterstützung bekommen.“

Zwischen 60 und 65 Menschen beschäftigen der Aplawia e. V. und die SDA GmbH sozialversicherungspflichtig. „Der Sozialisierungsprozess dauert bei dem einen nur ein paar Monate, beim anderen länger. Aber so bis zur Mitte des 20. Lebensjahres sollte jeder den Schuss gehört haben, sonst wird es schwierig.“ Ohne Eigenmotivation könne das beste Umfeld nichts reißen: „Der Mensch an sich muss schon wollen. Er muss sich helfen lassen wollen.“ Lang versteht die Aplawia nicht nur als Türöffner für Männer und Frauen mit verkorkster Vergangenheit, sondern auch als Vorreiter für den Umweltschutz und für die Integration. „Wir haben uns schon früh mit den Themen Wieder- und Weiterverwertung befasst – und auch damit, Menschen verschiedenster Herkunft im Team zu vernetzen.“

Er möchte, dass jeder Mitarbeiter auch soziale Kompetenzen erwirbt. Dafür setzt er sich seit 25 Jahren bei der Aplawia ein. „Das Leben ist das, was passiert. Aber man hat jeden Tag neu die Möglichkeit, sich zu entscheiden, ob man seine eigene Energie in eine positive oder eine negative Richtung lenkt.“ Volker Lang weiß das aus seiner eigenen Geschichte.

Volker Lang (Geschäftsführer) und seine Mitarbeiter strengen sich an. Mit den Waren aus dem Recycling-Kaufhaus, die sie in die Höhe wuchten, symbolisieren sie: Wir wollen die Zukunft der Aplawia stemmen.
Foto: Diana Fuchs | Volker Lang (Geschäftsführer) und seine Mitarbeiter strengen sich an. Mit den Waren aus dem Recycling-Kaufhaus, die sie in die Höhe wuchten, symbolisieren sie: Wir wollen die Zukunft der Aplawia stemmen.
volker lang aplawia foto diana fuchs# (2)       -  Volker Lang, Geschäftsführer der Aplawia, setzt sich seit 25 Jahren für Menschen ein, deren Lebensläufe Ecken und Kanten aufweisen.
Foto: Diana Fuchs | Volker Lang, Geschäftsführer der Aplawia, setzt sich seit 25 Jahren für Menschen ein, deren Lebensläufe Ecken und Kanten aufweisen.
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