Rödelsee

Maifrost: Wie eine eisige Nacht die Winzer noch heute fordert

Die Schäden des Spätfrosts vom vergangenen Jahr sind noch immer nicht verheilt – sei es im Weinberg oder bloß in der Erinnerung an eine besonders kalte Nacht.
Wolfgang (links) und Ulrich Luckert beim Rebschnitt. Die Sulzfelder setzten wegen der Frostschäden im Vorjahr auf einen Kordonschnitt. Das heißt:  Die letztjährige Rute bleibt stehen und die Triebe werden auf zwei Augen gekürzt.
Foto: Hartmut Hess | Wolfgang (links) und Ulrich Luckert beim Rebschnitt. Die Sulzfelder setzten wegen der Frostschäden im Vorjahr auf einen Kordonschnitt.

Im Winter hat der Winzer normalerweise zwei Hauptbeschäftigungen: Zuerst wird der neue Jahrgang im Keller verarbeitet, danach geht’s im Weinberg zum Rebschnitt. Doch in diesem Winter ist vieles anders. Denn die Kellerarbeit war wegen der geringen Ernte bei vielen viel früher als gewohnt erledigt. Die Folgen des Spätfrostes in der Nacht auf den 12. Mai 2020 sind an den verholzten Trieben augenscheinlich, und die Winzer können sich nicht einfach die schönsten Ruten für das neue Jahr aussuchen.

"So einen Spätfrost hatte meine Mutter mit ihren 86 Jahren noch nie erlebt", sagt der Sulzfelder Ulrich Luckert. Ob gute oder schlechte Lagen, im Tal oder auf dem Hochplateau und egal welche Rebsorte: In Sulzfeld hatte der Frost erbarmungslos zugeschlagen und 90 Prozent der Reben erfrieren lassen. Deswegen waren viele betroffene Winzer in ganz Franken schon zufrieden, dass wenigstens die Geiztriebe nachwuchsen. Damit schien wenigstens der Stockerhalt gesichert.

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Auch Johann Ruck berichtet von einem nie gekannten Schadensereignis. In einem Schreiben an seine Kundschaft erinnert der Iphöfer Winzer an die Nacht auf den 12. Mai. "Tagsüber hatten wir +17 Grad, es regnete wie aus Kübeln. Der Himmel riss gegen Abend auf, und die Temperaturen purzelten stündlich um zwei Grad. Als ich gegen 22 Uhr aufs Thermometer sah, waren es nur noch +2 Grad. Die Nässe und der kalte Nordwind funktionierten wie eine natürliche Kältemaschine, und mir war klar: Heute Nacht erfrieren die Weinberge." Als Ruck am nächsten Morgen in den Weinbergen stand, war er geschockt. "Selbst in den Hanglagen, die noch nie Frostschäden aufwiesen, waren Triebe erfroren. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals einen Spätfrost dieses Ausmaßes hatten, und kann mich auch nicht erinnern, dass mein Vater oder gar meine Oma von solch einem extremen Maifrost berichteten."

Ist eine Frostversicherung sinnvoll?

Bei den Luckerts, die knapp 20 Hektar Weinberge bewirtschaften, war der Ertrag des aktuellen Jahrgangs sehr mickrig. Denn die wenigen Nachzügler-Trauben wären erst im November reif  gewesen, deswegen fiel die Weinlese an manchen Weinbergen wie auf dem Sonnenhang Richtung Erlach komplett aus. "Die lange Vegetationszeit und die Trockenphase hat den Rebstöcken zugesetzt, deswegen werden wohl auch 2021 keinen normalen Jahrgang einfahren können", sagt Ulrich Luckert. Sein Bruder Wolfgang Luckert pflichtet ihm bei. "Wenn ich mir die Augen anschaue, dann finde ich die nicht ganz koscher", sagt der Weinbautechniker als er im Weinberg auf die künftigen Knospen, genannt Augen, deutet. "Ich glaube, dass es – selbst wenn wir heuer einen optimalen Vegetationsverlauf haben – keine 60 Hektoliter pro Hektar zu ernten geben wird", erklärt Ulrich Luckert.

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Da sie kaum eine Alternative sehen, praktizieren die Luckerts heuer in nahezu allen Rebflächen den Kordonschnitt, bei dem sie die letztjährige Rute belassen und die Triebe auf zwei Augen kürzen. So ersparen sie sich das Niederziehen der Ruten und umgehen das Risiko, dass beim Biegen potenziell Ruten aus Geiztrieben abbrechen. Dem Laien mag ein gesparter Arbeitsgang als Gewinn erscheinen, doch dem ist nicht so, weil dafür eine zusätzliche Rundes des Ausbrechens ansteht. Jedenfalls sind die Ruten wegen der Geiztriebe heuer so vorsichtig wie nie beim Niederziehen zu behandeln. Der einst weit verbreitete Pendelbogen könnte deshalb eine temporäre Renaissance feiern. "Die Frostschäden des vergangenen Jahres sind weitreichender als ein paar Träubel weniger", erklärt Wolfgang Luckert.

Der Sulzfelder Ulrich Luckert beim Rebschnitt in einem im Vorjahr nicht geernteten Weinberg. Die fränkischen Winzer spüren noch die Folgen des Spätfrostes im Mai 2020.
Foto: Hartmut Hess | Der Sulzfelder Ulrich Luckert beim Rebschnitt in einem im Vorjahr nicht geernteten Weinberg. Die fränkischen Winzer spüren noch die Folgen des Spätfrostes im Mai 2020.

Für das Rödelseer Weingut Melber haben sich die Frostschäden nicht ganz so schlimm ausgewirkt, aber einen Gang mehr an Laubarbeit beschert. Michael Melber junior glaubt, dass keine langfristigen Schäden für die Rebstöcke bleiben. Er hofft nun, dass die Wetterprognosen eintreffen und ein niederschlagsreicheres Jahr 2021 bringen. 

"Zum Glück hatten wir vor fünf Jahren einen lichten Moment und haben eine Frostversicherung abgeschlossen", schildert Ulrich Luckert die Situation seines vom Gault-Millau prämierten Weinguts. Die Versicherungsexperten attestierten eine Schadenshöhe von 90 Prozent, wodurch die Luckerts finanziell mit einem blauen Auge davonkamen. "Davon kann man zwei Mitarbeiter ein Jahr bezahlen, mehr aber nicht", konstatiert der Sulzfelder. Michael Melber in Rödelsee vermutet, "dass sich die Versicherung nur in Ausnahmejahren rentiert, zumal man seine gesamten Weinberge mitversichern muss und nicht nur einzelne auswählen kann". Möglicherweise lassen sich künftig mehr fränkische Winzer zu einer Frostversicherung animieren, hat doch das Landwirtschaftsministerium kürzlich angekündigt, diese mit 50 Prozent zu bezuschussen.

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