Marktbreit

Unterricht auf Distanz: Der direkte Kontakt fehlt

Alexandra Graf unterrichtet am Gymnasium Marktbreit Mathematik und Physik und ist Mutter von drei Kindern. Sie weiß, dass die Situation derzeit für alle Beteiligten nicht einfach ist. „Durch diese Zeit können wir am Ende nur gemeinsam durchkommen”, sagt sie.
Foto: Walter Graf | Alexandra Graf unterrichtet am Gymnasium Marktbreit Mathematik und Physik und ist Mutter von drei Kindern. Sie weiß, dass die Situation derzeit für alle Beteiligten nicht einfach ist.

Marktbreit Der Lockdown wird verlängert, normaler Schulalltag ist nicht in Sicht. Für Schüler, Lehrer und Eltern eine schwierige Situation. Alexandra Graf hat Schule unter Corona-Bedingungen in Spanien und in Deutschland erlebt – als Lehrerin, aber auch als dreifache Mutter. Ein Gespräch über ihre Erfahrungen, Online-Unterricht, Ansprüche und Vorbehalte.

Sie unterrichten Mathematik und Physik am Gymnasium Marktbreit. Wie sah Ihr Unterricht in den letzten Wochen vor Weihnachten aus?

Alexandra Graf: Wir hatten erst Unterricht mit Maske, dann Wechselunterricht. Ein Teil der Schüler war im Klassenzimmer, die anderen waren gleichzeitig von daheim per Streaming zugeschaltet.

Und haben Sie an der Tafel stehen sehen?

Graf: Nein. Die Schüler sollen ja nicht mich sehen, sondern das, was ich aufschreibe oder zeige. Ich teile meinen Bildschirm und schreibe auf meinem Rechner. Das sehen die Schüler in der Schule über den Beamer und die Schüler daheim auf ihrem Bildschirm. Und ich habe mein Mikro an, damit alle mich hören können. So kann ich mal einen Schüler in der Klasse drannehmen, mal einen zuhause.

Und sehen Sie Ihrerseits die Schüler?

Graf: Auch das nicht. Ich kann sie hören, aber ich sehe sie nicht die ganze Zeit. Genauso wenig wie ich mich über eineinhalb Stunden filmen lassen möchte, sollen auch die Schüler nicht die ganze Zeit aufgenommen werden.

Warum nicht?

Graf: Ich habe das in Spanien erlebt, vielleicht bin ich deshalb sensibilisiert. Ich bin Mutter von drei Kindern. Die wurden teilweise drei Stunden lang am Stück mit der Kamera übertragen, zum Beispiel wenn sie Klausuren schrieben. Das möchte ich nicht. Man weiß ja nicht, was mit den Bildern passiert.

Haben Sie da schlechte Erfahrungen gemacht?

Graf: Ich persönlich nicht. Aber einer Kollegin in Spanien ist das passiert. Sie wurde aufgezeichnet und dann eine GIF-Datei daraus gebastelt, es wurde sich über sie lustig gemacht. Überhaupt war sonst der Datenschutz ein Riesenthema in Spanien – und plötzlich schien er gar nicht mehr zu zählen.

Hat Ihr Distanzunterricht gut funktioniert?

Graf: Ich habe das ab der 8. Klasse gemacht, da ging es sehr gut. Am letzten Schultag habe ich es dann auch mal mit meinen Fünftklässlern probiert, aber da dauert das Ganze natürlich viel länger. Die haben viel mehr Fragen zwischendurch, weil sie sich mit der Technik noch nicht so auskennen. Auch die Disziplin fehlt noch – es muss immer ganz still sein im Raum, damit jeder hört, wenn der andere etwas sagt. Natürlich wiederhole ich teilweise auch bei den „Großen”, was ein Schüler zuhause gesagt hat, wenn er leise spricht. Schließlich sollen auch die in der letzten Reihe es hören.

Der Lockdown wurde verlängert, an normales Schulleben ist noch nicht zu denken. Können Sie sich vorstellen, dass, wie in Spanien, auch bei uns Schulaufgaben im Distanzunterricht geschrieben werden?

Graf: Die Situation hatten wir ja bislang noch nicht. In Spanien wurde da gar nicht groß gefragt, es wurde einfach gemacht. Wie gesagt: Die Kinder mussten sich während der Arbeit mit der Kamera filmen. Mein Mann und ich wollten das nicht, das war ein bisschen schwierig. Ich halte es auch nicht für gut, online-Schulaufgaben zu schreiben. Schließlich kann man nicht garantieren, dass alle die gleichen Bedingungen haben. Ich bin jedenfalls gespannt, welche Lösungen hier gefunden werden.

Haben Sie Ideen?

Graf: Am ehesten könnte ich mir vorstellen, dass eine Klasse, die eine Schulaufgabe schreibt, am betreffenden Termin ganz in die Schule kommt, aber auf zwei oder drei Räume verteilt wird. So wurde das teils in Spanien auch gemacht. Es war ein gigantischer Aufwand. Aber ich will die Schüler schon in Persona, also vor mir sehen, wenn ich Schulaufgaben schreibe.

Dieses echte Treffen, fehlt das auch sonst im Unterricht?

Graf: Natürlich fehlt das. Man kann ja meist am Gesichtsausdruck der Kinder erkennen, wenn sie etwas nicht verstanden haben, dann kann man als Lehrer reagieren. Oder nehmen Sie Fragen: Da stellt einer eine Frage, die zehn andere auch haben. Über Telefonleitungen funktioniert das nicht, da wird viel weniger gefragt, die Schüler sagen weniger. Damit bleiben viele Fragen offen.

Mathematik und Physik gehören zu den MINT-Fächern, da ist Informatik und damit der Computer mit drin. Sind MINT-Lehrer automatisch aufgeschlossener fürs Internet?

Graf: Man muss es sein. In Physik gibt es zum Beispiel immer mal wieder Versuche, die man nicht zeigen kann. Stattdessen greift man auf Animationen im Internet zurück. Oder man nutzt Dokumentenkameras und digitale Unterrichtsassistenten, die andere vielleicht noch nicht nutzen.

Sind jüngere Lehrer beim Online-Unterricht fitter als ältere?

Graf: Das lässt sich allgemein so nicht sagen. Es geht eher darum, wie man tickt. Aber sicherlich ist für die jüngere Generation manches normal, was wir Ältere uns erst erarbeiten müssen. Dafür haben wir Routine in anderen Bereichen, die den Jüngeren vielleicht noch fehlt. Außerdem ist digitaler Unterricht nicht alles.

Warum nicht?

Graf: „Normaler“ Unterricht muss nicht zwangsläufig schlechter sein. Ich habe in Valencia erlebt, dass Schüler beides wollen, auch mal Unterricht mit Tafel statt nur mit Laptop. Eine gesunde Mischung ist am besten.

Hapert der digitale Unterricht daran, dass Lehrer Angst haben, Fehler zu machen?

Graf: Man merkt schon, dass manche Hemmungen haben, zum Beispiel MS-Teams zu nutzen. Aber auch Schüler haben Vorbehalte gegenüber der Technik. Und es ist nicht so, dass Schüler es krummnehmen, wenn der Lehrer etwas falsch macht. Schüler sind viel lieber, als man annimmt. Ich habe noch nie erlebt, dass sich einer über mich lustig gemacht hat. Vor meiner ersten Teams Sitzung war ich so aufgeregt, als ob ich eine Prüfung hätte. Es hat nicht alles geklappt, zum Beispiel mit dem Ton. Ein Schüler hat mir dann geholfen, da war keiner ungeduldig. Und dass man nicht mit dem Finger schnipsen kann und sagen: Ab morgen ist Distanzunterricht und alles klappt wie am Schnürchen, ist ja klar. Das kann es gar nicht.

Viele Eltern sind verärgert über die derzeitige Schul-Situation. Können Sie das nachvollziehen?

Graf: Was viele Eltern, besonders der jüngeren SchülerInnen, verärgert hat, war, dass Mebis nicht funktioniert hat. Im Frühjahr habe ich das nur aus der Ferne mitbekommen, da war ich noch in Spanien. Dass es dann auch im Winter nicht geklappt hat, war natürlich ein denkbar schlechter Start. Wenn man so eine Plattform hat, sollte sie auch funktionieren.

War auch Ihre Arbeit durch die Mebis-Probleme behindert?

Graf: Ich bin anfangs nachts um halb vier aufgestanden und habe meine Aufträge ins Netz gestellt, damit die Schüler sie rechtzeitig haben. Langfristig geht so etwas natürlich nicht. Inzwischen arbeite ich jeweils mindestens zwei Tage im Voraus, soweit es machbar ist.

Manche Lehrer nutzen andere Plattformen.

Graf: Ich wünsche mir, besonders auch zum Wohle der Schüler, dass die Zahl der Plattformen beschränkt bleibt. Stellt jeder Lehrer seine Aufgaben woanders ein, kostet das den Schülern viel Zeit. Sie verlieren den Überblick und die Lust. Ziel muss es sein, Informationen von A nach B zu bekommen und das auf dem klarsten, kürzesten und schnellsten Weg.

Sie erleben Corona als Lehrerin und Mutter in Deutschland, haben es aber auch in Spanien erlebt. Wie war das?

Graf: Da wurde viel kurzfristiger entschieden: Wir haben an einem Tag erfahren, dass am nächsten Tag die Schule zu ist. Wir sind abends noch schnell hingefahren, um Bücher aus den Spinden zu holen, damit die Kinder zuhause arbeiten konnten. Anfangs, das weiß ich noch, habe ich viel geschimpft darauf, wie das mit der Schule lief, denn meine beiden großen Kinder standen vor dem Abitur. Wir waren wie eingesperrt, es durfte nur ein Erwachsener zum nächstgelegenen Supermarkt zum Einkaufen raus. Da zählte für mich nur meine Familie und meine Arbeit. Als ich mal wieder am Telefon bei einer Freundin gemeckert habe, weil eine Klausur sich nicht hochladen ließ, hat sie mir die Augen geöffnet. Sie ist Ärztin und hat gesagt: 'Bleib mal am Boden. Es ist nur eine Klausur.' Bei ihr ging es darum zu entscheiden, welchen Patienten sie beatmet und welchen nicht – mit dem Wissen, dass derjenige, der nicht beatmet wird, sehr wahrscheinlich sterben wird.

Was raten Sie den Eltern?

Graf: Wir müssen einfach schauen, was wirklich wichtig ist – und das ist die Gesundheit. Ich will alle Schüler irgendwann wieder gesund vor mir haben. Bis auf die Abschlussklassen ist es nicht allzu schlimm, wenn man mal eine Drei statt eine Zwei hat, aber es sollte natürlich niemand massiv abrutschen. Eltern sollten nicht zu viel Druck auf die Kinder ausüben, aber auch wir Lehrer müssen unsere Arbeitsaufträge maßvoll gestalten. Die meisten Kinder wollen es von sich aus gut und richtig machen und durch diese Zeit können wir am Ende nur gemeinsam durchkommen.

Coronavirus - Schulen       -  Die Klassenräume bleiben auch in den nächsten Wochen leer, die Schüler lernen zuhause im Distanzunterricht.
Foto: S. Gollnow/dpa | Die Klassenräume bleiben auch in den nächsten Wochen leer, die Schüler lernen zuhause im Distanzunterricht.
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