Kitzingen

Vogelzüchter aus Rödelsee: Ein Händchen für Wellensittiche

Auf einem Bett aus Hamstereinstreu liegen die frisch geschlüpften Wellensittiche.
Foto: Ralf dieter | Auf einem Bett aus Hamstereinstreu liegen die frisch geschlüpften Wellensittiche.

Das Tschilpen ist schon vom Bürgersteig aus zu vernehmen. Kein Wunder: Im Keller des Rödelseer Hauses leben auf 30 Quadratmetern bis zu 100 Wellensittiche in geräumigen Käfigen. Rigobert Müller züchtet sie seit mehr als 40 Jahren. Der 79-Jährige ist ein absoluter Wellensittich-Experte. Er gehört seit vielen Jahren zu den besten Züchtern Deutschlands.

Im Krankenhaus fing die ungewöhnliche Leidenschaft an. Rigobert Müller musste sich Mitte der 70er-Jahre für ein paar Tage behandeln lassen. Er las ein Fachbuch über die Vererbungslehre. Wenig später fing er mit der Zucht an. Warum ausgerechnet Wellensittiche? Müller muss bei dieser Frage lächeln. „Die Tiere haben mich von Anfang an fasziniert.“ Bis zu 200 Sittiche hat er in den Anfangszeiten pro Jahr gezüchtet, jetzt sind es noch rund die Hälfte. Von September bis April wird gezogen, etwa 20 Paare bringt er im Herbst in den jeweiligen Boxen zusammen. Durchschnittlich drei Eier legt eine Henne. „Wenn die Kleinen schlüpfen, sind sie so groß wie ein Fingernagel“, sagt Rigobert Müller und öffnet vorsichtig den Deckel einer Holzkiste. Drei winzige, nackte Wellensittich-Babys liegen auf einem Bett aus Hamstereinstreu. Etwa fünf bis sechs Wochen verbringen sie in dem geschützten Nistkasten. Wenn sie selbstständig herauskommen, tragen sie ihr erstes Federkleid. „Und dann kann man schon erahnen, ob sie auf den Schauen eine Chance haben.“

Landesschau, Bundesschau, Europa-Championat: Der Rödelseer ist seit Jahrzehnten Stammgast bei den wichtigsten Wettbewerben für Vogelzüchter. Nicht nur als Aussteller. Längst ist seine Expertise als Preisrichter gefragt. In Österreich und in der Schweiz hat er schon „gerichtet“. Am liebsten in England, dem Mutterland der Wellensittich-Züchter. Prächtig dekoriert sind dort die Säle bei einer Ausstellung, den erfolgreichen Züchtern schlägt Ehrerbietung entgegen. „In Deutschland geht es deutlich nüchterner zu“, bedauert der Rödelseer, der einst den Sittichverein Kitzingen gegründet hatte. Mittlerweile ruht der Verein, dafür gibt es eine monatliche Versammlung des Wellensittich-Clubs Mainfranken in Würzburg. Auch dort ist die Mitgliederzahl in den letzten Jahren gesunken. „Auch bei uns gibt es Nachwuchsprobleme“, bedauert Müller.

Als er in den 70er-Jahren zum ersten Mal die Bundesschauen in Kassel besuchte, wurden rund 10.000 Wellensittiche von den Juroren bewertet. Mittlerweile sind es noch knapp 2000. In diesem Jahr findet die Schau – Corona-bedingt – gar nicht statt. Müller hofft, dass er die Tiere, die jetzt aus ihren Eiern schlüpfen, im nächsten Jahr bei einem Wettbewerb präsentieren kann.

Bis in den Norden Schottlands ist Rigobert Müller in seiner Anfangszeit gefahren, um gute Zuchtvögel an den Fuß des Schwanbergs zu holen. Immer wieder war er seither in Großbritannien, wo sich im Lauf der Zeit Freundschaften entwickelt haben. Längst hat er seine eigene Zucht etabliert. Ob ein Tier Chancen auf einen ersten Platz hat, sieht er in der Regel nach fünf bis sechs Monaten. Dann hat sich der Wellensittich so weit entwickelt, dass sein Körper und sein Federkleid ausgeprägt sind. „Aber Überraschungen gibt es immer wieder“, sagt er. Ständig wechseln die Vögel ihr Federkleid. „Da staubt es ganz schön in den Käfigen“, erklärt Müllers Frau Marga, die ihren Mann bei seiner Leidenschaft unterstützt. „Ohne sie würde es nicht funktionieren“, versichert der 79-Jährige.

Marga Müller ist der „Futtermeister“ in der Zucht und versorgt auch Vögel, wenn ihr Mann auf Reisen ist. Wellensittiche sind reine Körnerfresser, die Hähne bekommen zu bestimmten Zeitpunkten auch mal gelbe Rüben oder Hafer, der in Wasser eingelegt wurde. „Das hilft bei der Fortpflanzung“, erklärt Rigobert Müller und grinst. „Der Hahn muss schließlich in den Trieb kommen.“

Drei Mal pro Tag ist Rigobert Müller bei seinen Sittichen. Am Morgen und am Abend müssen die Tiere gefüttert werden, am Nachmittag schaut er, wie sich die Jungtiere entwickelt haben und ob sich alle Tiere wohlfühlen. Drei bis vier Jahre sind die Zuchtvögel im Einsatz. Die Lebenserwartung liegt bei zirka sechs bis acht Jahren. In freier Wildbahn in Australien ist sie erheblich kürzer. „Viele Fressfeinde sorgen dafür“, erklärt Rigobert Müller. In der privaten Haustierhaltung können Wellensittich schon mal zwölf Jahre und älter werden.

Etwa die Hälfte der jungen Vögel ist tatsächlich für die Zucht und weitere Ausstellungen nutzbar, die andere Hälfte von sehr guter Qualität wird an andere Züchter abgegeben. Die zahlen schon mal ein paar hundert Euro für einen Hahn oder eine Henne. „Wie in allen Tierzuchten werden die allerbesten Exemplare auch mal vierstellig bezahlt“, erzählt Müller, der eine geringe Menge Vögel mit „minderer Qualität“ an Händler oder Privatleute über die Straße verkauft. Hier liegt der Preis bei maximal 25 Euro. Einen Teil seiner Ausgaben bekommt Rigobert Müller dadurch wieder herein. „Ansonsten wäre es ein sehr teures Hobby“, sagt er.

Blau, gelb, grün: In unterschiedlichen Farben sitzen die Tiere in den Käfigen im Kellerraum. Um in Deutschland Erfolg zu haben, muss der Züchter Tiere in verschiedenen Farben auf den Schauen präsentieren. Möglichst harmonisch sollte das Erscheinungsbild des einzelnen Wellensittichs sein. Die Kriterien sind definiert: Die Federn, die Krallen, die Schwingen und der Schwanz fließen in die Bewertung mit ein – und natürlich der Kopf, der eine charakteristische Ausprägung haben sollte. Zwischen 22 und 24 Zentimeter sollte ein Tier idealerweise groß sein und ein schönes und komplettes Federkleid besitzen. Sieben Schwingen auf jeder Seite und sechs so genannte Kehltupfen, von denen vier sichtbar sind, erhöhen die Chancen auf einen vorderen Platz bei den Schauen. Rigobert Müller weiß das alles aus dem Effeff. Er hat schon jede Menge preiswürdige Vögel in seinem Keller großgezogen. Auf dem Flur im Untergeschoss stehen zwei Schränke – voll gestopft mit Siegerpokalen.

Kaum zu glauben, dass aus so einem kleinen, nackten Geschöpf einmal ein bunt gefiederter Wellensittich wird.Fotos: R. Dieter
Foto: Ralf Dieter | Kaum zu glauben, dass aus so einem kleinen, nackten Geschöpf einmal ein bunt gefiederter Wellensittich wird.Fotos: R. Dieter
Rigobert Müller züchtet im Keller seines Hauses Wellensittiche. Etwa 100 Tiere zieht er pro Jahr groß.
Foto: Ralf Dieter | Rigobert Müller züchtet im Keller seines Hauses Wellensittiche. Etwa 100 Tiere zieht er pro Jahr groß.
Preisgekrönt: Rigobert Müller mit einem Teil der Pokale, die er in den letzten Jahren gewonnen hat.
Foto: R. Dieter | Preisgekrönt: Rigobert Müller mit einem Teil der Pokale, die er in den letzten Jahren gewonnen hat.
Dieser Wellensittich holte einen Preis in Ansbach.
Foto: Müller | Dieser Wellensittich holte einen Preis in Ansbach.
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