Kitzingen

Welche Einschnitte die Corona-Quarantäne mit sich bringt

Über 400 Menschen befinden sich im Landkreis in Quarantäne. Wie nehmen die Betroffenen das auf? Wie ist das mit der Nachverfolgung? Wie mit Verstößen? Fragen an den Experten.
Damit sich das Coronavirus nicht weiter ausbreitet, setzen Regierung und Behörden auf Quarantäne.
Foto: Michael Reichel, dpa | Damit sich das Coronavirus nicht weiter ausbreitet, setzen Regierung und Behörden auf Quarantäne.

Dr. Jan Allmanritter ist seit gut einem Jahr Leiter des Gesundheitsamtes in Kitzingen. Wir wollten von ihm wissen: Welche Arbeit wird dort in Corona-Zeiten geleistet? Und wie genau ist das mit der Quarantäne?

Frage: Wie groß ist die Akzeptanz bei den Menschen, die in Quarantäne müssen?

Jan Allmanritter: Sehr viele Menschen sind sehr kooperativ, viele sind gut vorbereitet und verhalten sich schon genau richtig – bevor wir sie anrufen und in Quarantäne setzen – weil sie durch einen positiven Corona-Fall im näheren Umfeld schon ahnen, dass sie Kontaktpersonen sein könnten. Sie begeben sich zum Beispiel schon vorher in freiwillige Quarantäne oder machen einen Test. Es gibt aber auch Bürger, die unkooperativ und unfreundlich sind. Nicht selten wird versucht, mit den Mitarbeitern Grundsatzthemen auszudiskutieren, die wir nicht ändern können. Zum Beispiel gab es jüngst Eltern, deren Kind als Kontaktperson 1 in Quarantäne musste, die Eltern aber nicht. Weil es nun mit dem Arbeitgeber Probleme wegen der Kinderbetreuung gab, wollten sie am liebsten von uns auch in Quarantäne gesetzt werden. Diesen Wunsch kann ich verstehen, das dürfen wir aber nicht machen. Eine Quarantäne zu verordnen, ist ein massiver Eingriff in die persönlichen Freiheitsrechte und wir müssen uns hier an die einheitlichen Vorgaben des RKI halten.

Dr. Jan Allmanritter ist seit einem Jahr Leiter des Kitzinger Gesundheitsamts.
Foto: Daniela Röllinger | Dr. Jan Allmanritter ist seit einem Jahr Leiter des Kitzinger Gesundheitsamts.

Wie wird das mit dem Arbeitgeber geregelt?

Allmanritter: Wenn das Gesundheitsamt eine Person in Quarantäne setzt, dann bekommt derjenige eine Quarantäne-Bescheinigung von uns zur Vorlage beim Arbeitgeber, der eine Lohnkostenerstattung geltend machen kann.

Wie viele Mitarbeiter kümmern sich aktuell im Landratsamt um die Quarantäne und Nachverfolgung?

Allmanritter: Im Grunde das gesamte Gesundheitsamt, zusätzliche Mitarbeiter und seit kurzem auch ein Team aus dem Landratsamt. Wir haben acht CTT (Contact Tracing Teams, Anm. d. Red.) und eine Leitung, die hervorragende Arbeit leisten. In einer Ruhe und Gelassenheit telefonieren sie mit den Bürgern, die wirklich bewundernswert ist. Wirklich alle im Team leisten seit Monaten sehr gute Arbeit, selbstverständlich auch die vier Hygienekontrolleure, vier Mitarbeiter der Sozialmedizin, drei Arzthelferinnen, fünf Sozialpädagogen, zwei Mitarbeiter, die uns von anderen Ämtern zugeteilt wurden und wir Ärzte, verteilt auf vier Arztstellen. Dann haben wir noch Ärzte im Ruhestand, die uns aushelfen, einen Lehrer, der uns am Wochenende in seiner Freizeit ehrenamtlich hilft, auch abgeordnete Polizisten haben am Wochenende mitgearbeitet und seit kurzem ist zum Beispiel der stellvertretende Landrat Robert Finster als ehemaliger Polizist bei uns als CTT ehrenamtlich im Einsatz sowie ein weiterer Polizist im Ruhestand. Auch stellvertretende Landrätin Doris Paul und Kreisrätin Margit Hofmann haben zum Beispiel schon Dienst am Bürgertelefon gemacht.

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Ab welcher Fallzahl klappt die Nachverfolgung nicht mehr?

Allmanritter: Eine Zahl ist schwer zu nennen. Kritisch wird es dann, wenn gleichzeitig viele Einrichtungen betroffen sind. Wenn viele Reihentestungen organisiert werden müssen und plötzlich Schulklassen, Kindergärten und Heime gleichzeitig betroffen sind. Dadurch steigt die Zahl der Kontaktpersonen plötzlich sprunghaft an. Weshalb ich durch die Kontaktbeschränkungen hoffe, dass die Fallzahlen und die Kontaktpersonen deutlich weniger werden. Jeder sollte sich bei jedem seiner Kontakte fragen: Halte ich ausreichend Abstand, ist es ausreichend belüftet, trage ich eine Maske?

Wie wird kontrolliert? Wer kontrolliert?

Allmanritter: Wir rufen die Indexfälle und Kontaktpersonen an, soweit es die Kapazitäten zulassen. Wenn Verstöße im Raum stehen, werden sie an die Polizei weitergegeben.

Welche Verstöße gibt es? Wie werden die geahndet?

Allmanritter: Als wir beispielsweise die Gemeinschaftsunterkunft Innopark in Kitzingen unter Quarantäne gesetzt hatten, gab es drei Verstöße, die mit je 150 Euro geahndet wurden.

Gibt es Notversorgungen für Menschen in Quarantäne?

Allmanritter: Vor allem in der ersten Welle ist ja viel über Nachbarschaftshilfe und Einkaufsdienste berichtet worden. In der Regel läuft es über Familie, Freunde oder Nachbarn.

Der außergewöhnlichste Fall bisher?

Allmanritter: Die Quarantäne in der Gemeinschaftsunterkunft war sicher ein großer Fall, der sich aber durch die räumliche Begrenzung und unter Mitwirkung vieler Beteiligter gut handeln ließ. Leider muss ich auch hier wieder Dornheim nennen. Viele Betroffene in Dornheim, weitere positive Fälle darüber hinaus sowie drei betroffene Schulklassen und zahlreiche Kontaktpersonen – da sieht man, was aus einer privaten Feier entstehen kann.

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Was macht die Entscheidungen mitunter schwer?

Allmanritter: Man weiß, man verordnet mit der Quarantäne den Menschen Einschränkungen, die viele Probleme mit sich bringen können: Wer betreut die Kinder? Wer übernimmt die Pflege der Angehörigen? Wie reagiert der Arbeitgeber? Das geht nicht spurlos an uns allen vorbei. Hinzu kommt, dass sich die rechtlichen und fachlichen Vorgaben ständig ändern und es ist wirklich schwer, neben der hohen Arbeitsbelastung, den Überblick zu behalten und die neuen Vorgaben zusätzlich an ein immer größer werdendes Team zu kommunizieren – und zwar so, dass es jeder versteht und umsetzten kann.

Corona-Zahlen im Landkreis

Die jüngsten Corona-Zahlen des Landratsamtes Kitzingen vom Sonntag (Stand: 13 Uhr): Im Landkreis Kitzingen gibt es nunmehr 693 bestätigte Corona-Fälle; am Freitag (am Samstag wurden keine aktuellen Zahlen gemeldet) waren es 674 Fälle. In 559 Fällen (Freitag: 513) gelten die Betroffenen als gesundet. 130 (Freitag: 157) Menschen werden als Corona-Indexfälle geführt, sind also akut erkrankt. 411 (Freitag: 502) Personen sind als Kontaktpersonen 1 aktuell in Quarantäne.
Quelle: Landratsamt Kitzingen
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