Würzburg

Die Waldschützer, die keine Träumer sind

Es riecht würzig, nach feuchter Erde. Die Sonne blinzelt durch das Blätterdach, wirft ein Mosaik aus Schatten und Licht auf den Waldboden im Steinbachtal. Es ist still. So still, dass das Knirschen von Stephen Wehners Schritten auf dem Schotterweg zu hören ist. Er läuft neben seinem Bruder Christoph, Flipflops neben bloßen Füßen. Die beiden Männer sind Waldschützer, seit Jahrzehnten engagieren sie sich im Würzburger Verein Bergwaldprojekt. „Manche belächeln unsere Arbeit als Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Stephen Wehner. Der 50-Jährige und sein Bruder sehen das anders. Sie leben Naturschutz aus Überzeugung. Träumer aber sind sie nicht.

Stephen Wehner hat Wirtschaftsmathematik studiert und jahrelang als Unternehmensberater in der Finanzbranche gearbeitet. Gleichzeitig lehrte er als Dozent für Entwicklungsökonomie in Heidelberg. 2004 reichte ihm das nicht mehr, „ich wollte vor Ort sehen, über was wir eigentlich reden“, sagt der 50-Jährige. Ein Jahr lang reiste er mit dem Wohnmobil durch Afrika, lernte die Kehrseite des Kapitalismus kennen und hinterfragte „unsere Vorstellungen von einem guten Leben“.

Danach stieg er aus der Finanzwelt aus – und nahm die Stelle als Geschäftsführer beim Bergwaldprojekt an.

Christoph Wehner hat das Bergwaldprojekt in Deutschland mit aufgebaut.

Der Verein mit Sitz in Würzburg setzt sich für den Schutz, den Erhalt und die Pflege des Waldes ein. 1987 in der Schweiz gegründet, packten Helfer vier Jahre später auch beim ersten deutschen Arbeitseinsatz mit an. Heute unterstützen bundesweit 40 hauptamtliche Mitarbeiter und zahlreiche Ehrenamtliche den Verein, organisieren und betreuen die Freiwilligenprojekte, die das wichtigste Standbein sind. Bei diesen Einsätzen werden Bäume gepflanzt, etwa im Schwarzwald oder dem Spessart, Biotope wie in der Rhön gepflegt oder Moore erneuert. Insgesamt gibt es landesweit rund 55 Standorte. Um die 30 000 Menschen haben in Deutschland an den Aktionen bisher teilgenommen, sagt Christoph Wehner. Der 51-Jährige war von Anfang an dabei, hat den Verein in Deutschland mit aufgebaut.

An diesem Nachmittag steht Christoph Wehner barfuß auf dem Schotterweg im Steinbachtal, er verzieht keine Miene beim Gang über die Steinchen. Mit dem Fahrrad ist der Familienvater aus der Rhön gekommen. Bei Bad Neustadt hat er sich aus Fichten und Kiefern selbst ein Blockhaus gebaut. Der 51-Jährige steigt wie sein Bruder wegen der Emissionen in kein Flugzeug und ist seit Jahren Vegetarier.

Angefangen habe ihr Engagement für die Natur in der Kindheit, sagt Christoph Wehner. Aufgewachsen in der Nähe von Bad Neustadt, lag der Lieblingsplatz der beiden Wehner-Jungs im Wald. Als die sorgsam errichteten Lager der Buben Kurbauten weichen mussten, weckte das den „Willen zum Widerstand“, sagt Wehner. Und der ist bis heute geblieben.

Die Arbeit in der Natur verändert die Perspektive auf das eigene Leben.

„In den 1980er Jahren war das Waldsterben ein großes Thema. Ende der 1990er ist es jedoch aus den Medien verschwunden – obwohl der Zustand der Wälder schlechter wurde“, sagt Stephen Wehner. Der Würzburger rattert beim Gang durch das Steinbachtal Zahlen zur Klimabelastung herunter, spricht mit Blick auf Ziele wie die Begrenzung der globalen Erwärmung auf unter zwei Grad Celsius von „gewaltigen Herausforderungen“. Problematisch sei, dass sich die meisten Menschen davon nicht „richtig betroffen fühlen“. Die Wehner-Brüder schon. Rund fünf Wochen ist Stephen Wehner jedes Jahr bei Bergwaldprojekten dabei, sein Bruder leitet bis zu zwölf Wochen lang Einsätze. Teilweise packen die beiden Männer auch gemeinsam mit an, wie beispielsweise Mitte September bei Pflanzungen auf dem Feldberg im Schwarzwald.

In Zusammenarbeit mit dem Naturschutzzentrum Südschwarzwald halfen Freiwillige des Würzburger Vereins dort beim Waldumbau. Mit Sägen, Harken und Schaufeln ausgerüstet schuften und schnaufen bei solchen Einsätzen meist um die 20 Teilnehmer plus Betreuer. Ohne Lohn, nur für Unterkunft, Verpflegung und das Erlebnis. „Es geht aber nicht nur darum, ein paar Bäume zu pflanzen“, sagt Stephen Wehner. Die Arbeit in der Natur verändere die Perspektive auf das eigene Leben. „Man lernt dabei, einfach nur zu geben und nicht zu nehmen.“

Jährlich um die 2000 Menschen engagieren sich als Freiwillige in den Projektwochen. Kamen die Helfer zunächst vor allem aus der ökologischen Bewegung, zieht die Waldarbeit heute Ärzte, Banker, Lehrer an. Das birgt Gefahren. „Uns ist bewusst, dass Leute aus der Großstadt, die Natur sonst als Kulisse nutzen, bei unseren Projekten plötzlich in ungewohnte Situationen kommen“, sagt Stephen Wehner. Wenn tonnenschwere Bäume fallen oder ein Gewitter in den Bergen aufzieht, sind Umsicht und geschulte Betreuer wichtig. Schwere Verletzungen habe es bisher keine gegeben. Grenzerfahrungen hingegen schon, „aber auch bei zehn Grad Minus gemeinsam im Steilhang zu stehen, kann irgendwie ein vollkommenes Glücksgefühl auslösen“, sagt Wehner.

Stephen Wehner baut Gemüse und Obst selbst an, sein Bruder versorgt sich regional.

Warum? Was ist es, was die Freiwilligen bei den Arbeitseinsätzen suchen? Vielleicht schlicht etwas anderes, sagt Stephen Wehner. Im Alltag gehe es meist um Konsumgüter wie Autos, Häuser, bestimmte Kleidung. Sie symbolisieren Zugehörigkeit, man sehne sich danach, obwohl „so eigentlich kein Glücksempfinden gewonnen wird“. Im Wald, wo keine leuchtende Reklame zu Sonderangeboten lockt, ist es anders. „Die meisten Menschen fühlen sich unter den Bäumen geborgen, geschützt, eine Art Entspannung tritt ein“, sagt der 50-Jährige.

Er kann reden, muss es, genau wie sein Bruder. Die politische Seite ihrer Arbeit sei der „frustrierende Teil“, sagt Stephen Wehner. In Konferenzen und bei Vorstandssitzungen werde viel debattiert, viel versprochen. „Aber sobald man selbst betroffen ist, wenn Naturschutz vor der Haustüre stattfinden soll, dann kippen die meisten um.“ Die beiden Unterfranken versuchen ihre Überzeugung umzusetzen, auch mit Kleinigkeiten. Stephen Wehner baut im Garten Gemüse und Obst an, schlägt sein Brennholz selbst. Sein Bruder ist Förster, versorgt sich und seine Familie von regionalen Biohöfen. Fortschrittsverweigerer sind aber beide nicht: Das Smartphone steckt auch beim Waldspaziergang in der Hosentasche, der Verein Bergwaldprojekt ist professionell aufgestellt. Im Gegensatz zu Organisationen wie Greenpeace gibt es jedoch keine festen Mitglieder, keine Verpflichtungen. Jeder könne mitmachen, sagt Stephen Wehner. Nur nicht gegen Geld, kommerzieller Tourismus, bei dem Urlauber bezahlen, um bei Arbeitseinsätzen dabei zu sein, wird abgelehnt.

Aus der Finanzwelt zum Umweltschutz

Stephen Wehner hat seinen Wechsel von der Finanzwelt zum Bergwaldprojekt nie bereut. In olivgrünem Shirt und mit weißem Kinnbart scheint er im Steinbachtal jedes Klischee eines Naturschützers zu verkörpern. Eigentlich, sagt er, hatte er mit der Tradition seiner Vorfahren, die seit Generationen Förster waren, brechen wollen. Deswegen der Ausflug in die Wirtschaft. „Irgendwie hat mich mein Lebensweg aber in den Wald zurückgebracht.“

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