Lohr

20 Jahre Einsatz für Kunst und Kultur in Lohr

Gisela Schlemmer in ihrer neuen und alten Heimat Regensburg.
Foto: Richard Schlemmer | Gisela Schlemmer in ihrer neuen und alten Heimat Regensburg.

Nach fast 20 Jahren an der Lohrer Volkshochschule ist Gisela Schlemmer in der vergangenen Woche von Bürgermeister Mario Paul in den Ruhestand verabschiedet worden. In den vergangenen 13 Jahren leitete Schlemmer die Vhs. Ihren Ruhestand hat die gebürtige Deggendorferin nicht in ihrer unterfränkischen Wahlheimat geplant, weshalb unser Medienhaus sie zum Abschiedsinterview telefonisch in ihrem neuen Wohnort Regensburg erreichte.

Was hat Sie als Niederbayerin nach Lohr geführt?

Die Liebe. 1999 lernte ich meinen Mann Jan Peter Kranig kennen. Wir waren bestimmt eines der ersten Paare, die dafür das Medium des Internets nutzten. 2018, nach zehn Jahren Ehe, ist er dann leider überraschend verstorben. Auch deshalb kehre ich jetzt nach Niederbayern zurück. Dort leben meine drei Brüder mit ihren Familien.

Was konnten Sie in Ihrer Zeit als Leiterin der Volkshochschule realisieren?

Ich habe die erste Fusionierung von zwei selbstständigen Volkshochschulen in Bayern realisiert. Das waren damals die in Lohr und Gemünden, die wurden zu einer einzigen Volkshochschule zusammengeführt. Da war ich auch die erste, die diese Volkshochschulen mit einer gemeinsamen Datenbank verbunden hat, sodass alle Mitarbeiter, sowohl in Lohr als auch in Gemünden, gleichzeitig auf den gleichen Datenbestand zugreifen können.

Sie waren ja bereits seit 2001 für die Vhs Lohr aktiv. Konnten Sie im Zuge der Fusionierung bezügliche des Kursangebots eine Steigerung von Angebot und Nachfrage feststellen?

Man kann einfach sagen, dass man das Angebot attraktiver gestalten konnte, weil es in einem gemeinsamen Programmheft erschienen ist. Dadurch konnte man ein vielfältigeres Angebot präsentieren. Dafür sind die Lohrer dann auch mal nach Gemünden und umgekehrt gefahren. Wir waren 2005 in Lohr zudem eine der ersten Volkshochschulen, die in Bayern Integrationskurse angeboten haben. 2015, im Zuge der Flüchtlingswelle, konnten diese dann auch direkt in Gemünden angeboten werden, was ohne die Kooperation nicht möglich gewesen wäre.

Wer hatte das initiiert?

Das wurde an uns herangetragen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, und es wurde auch schnell klar, dass dafür in Lohr Nachfrage herrscht. Wir bedienen hier nicht nur die Flüchtlinge mit Unterricht, denn Lohr ist mit 84 vertretenen Nationen eine internationale Stadt. Das hat mein Mann ja 2017 mit seinem Kunstprojekt "84 Flaggen" publik gemacht. Das ergibt sich unter anderem durch Global Player wie Bosch Rexroth, deren internationale Mitarbeiter mit ihren Familien nach Lohr kommen und dann natürlich auch Deutsch lernen wollen. Das können sie bei uns dann in zertifizierten und anerkannten Kursen.

Ihr Spezialgebiet ist die Kunstgeschichte. Haben Sie diese Expertise in das Kursangebot einfließen lassen?

Ja, ich habe eigentlich jedes Semester eine kunsthistorische Exkursion gemacht. Wir haben Studienfahrten zu verschiedensten Ausstellungen in verschiedenste Städte unternommen. Jetzt im Juni habe ich auch noch einmal eine Ausstellung gemacht mit den Bildern meines Mannes im Spitäle in Würzburg und dazu auch einen Katalog verfasst.

Als Kunsttheoretikerin und Kunstpraktiker ergänzten Sie sich ja perfekt.

Ja, das machte unsere Beziehung auch unter anderem aus. Wir haben uns sehr für Kunst interessiert, für Ausstellungen, für Kultur und haben viele Kulturreisen unternommen. Mein Mann fürchtete sich zwar vor dem Fliegen, aber nichtsdestotrotz waren wir noch in San Francisco, Los Angeles, New York, Lissabon und vielen anderen europäischen Städten.

Bleibt bei derart internationaler Konkurrenz auch vom kulturellen Leben in Lohr etwas hängen?

Was ich mitgenommen habe, ist der Eindruck vom hiesigen Kunstverein, bei dem auch mein Mann dabei war und der mir gezeigt hat, dass es auch in einer kleinen Kommune wie Lohr sehr viele aktive Leute gibt, die sich dafür engagieren, Dinge auf die Beine zu stellen. Dann habe ich natürlich diese herrliche Spessartlandschaft mitgenommen und viele Begegnungen mit interessanten Menschen.

Einen positiven Einfluss auf die Entwicklung der Volkshochschule hatte in den letzten Jahren sicherlich auch die Alte Turnhalle als neuer Veranstaltungsort?

Ja sehr, das ist für uns ein attraktiver Standort geworden. Für die Vorträge dort kommen teilweise sogar Gäste extra aus Würzburg und Aschaffenburg, und alle haben die Halle gelobt. Räumlichkeiten spielen sowieso eine große Rolle. Da kämpfen wir nach wie vor, und da hat auch meine Nachfolgerin den einen oder anderen Kampf noch durchzustehen.

Die gegenwärtige Coronakrise hat da nicht geholfen.

Ganz im Gegenteil. Das hat uns stark betroffen, wir durften ja keine Kurse mehr abhalten. Fürs Herbstsemester haben wir jetzt mit verringerten Teilnehmerzahlen geplant, aber es wird sich weisen, ob die Kurse überhaupt laufen können. Das weiß im Moment keiner. Unsere Kursleiter und auch unsere Teilnehmer würden wahnsinnig gerne wieder Präsenzunterricht machen, denn die Volkshochschulen sind ein Ort der Präsenz. Es geht ja um Lernen und soziale Kontakte.

Und was haben Sie aus knapp 20 Jahren an der Volkshochschule gelernt?

Die Volkshochschulen sind eine ganz großartige Einrichtung, weil sie für alle soziale Schichten, für alle Altersgruppen und für alle Nationalitäten offen sind und jeder dort auch seinen Bildungshunger stillen kann. Als ich 2001 zur Volkshochschule kam, sah ich das Konzept noch sehr skeptisch, da man früher immer meinte, hier würden nur die Strickkurse für die Hausfrauen angeboten, aber mittlerweile bin ich eine überzeugte Anhängerin der Volkshochschulen.

Gisela Schlemmer

Die 1959 in Deggendorf geborene Gisela Schlemmer studierte in Regensburg und Berlin Kunstgeschichte, Pädagogik und Bibliothekswissenschaften und promovierte 1994 magna cum laude über Leben und Werk des Berliner Bildhauers Walter Schott. Es folgten Karrierestationen an Museen in Rothenburg, Regen und der Hallertau sowie eine Publikation für die Kulturstiftung der Länder in Berlin.
1999 lernte sie den Künstler Jan Peter Kranig kennen und zog zu ihm nach Partenstein. Seit 2001 arbeitete sie als pädagogische Mitarbeiterin an der Volkshochschule in Lohr, deren Leitung sie 2007 übernahm und die sie anschließend mit der Volkshochschule in Gemünden fusionierte. 2007 heiratete sie Kranig, der 2018 mit 63 Jahren verstarb. Über sein Wirken der letzten 20 Jahre verfasste Schlemmer dieses Jahr den Katalog "Jan Peter Kranig – Bilder 2000 bis 2018".
Quelle: sih
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